Herr Brüne, das iPad gibt es nun schon seit einigen Jahren, viele Zeitschriften bieten entsprechend bereits eMagazines an. Wieso hat der Schritt bei "Geo" so lange gedauert?

Gerd Brüne: Die "Geo"-Magazin-App ist keinesfalls das erste App-Produkt von "Geo". Bereits 2010 haben wir "Geo Selection" für das iPad entwickelt, das jeweils drei ausgewählte opulente "Geo"-Reportagen umfasste, die die User in verschiedenen Modi nutzen konnten. Im August 2011 erschien dann erstmals die digitale Fassung einer kompletten Ausgabe: die "Geo Special New York"-App. Diese iPad-Version wurde von der "Geo"-Redaktion in Eigenregie und mit großem Aufwand produziert – mit großem Erfolg: Bis heute konnten über 13.000 Downloads für 7,99 Euro verkauft werden.

Aber warum dann die lange Pause?

Es war gleich klar, dass wir für ein monatliches, die Inhalte des Print-Hefts komplett umfassendes "Geo"-eMag für das iPad diesen Aufwand reduzieren müssen. Zugleich aber sollte das Produkt in technischer wie inhaltlich-kreativer Hinsicht die hohen Qualitätsstandards erfüllen, die auch für das Print-Heft gelten. Daher hat die Redaktion mit Experten aus dem Digital Lab der Gruner+Jahr-Abteilung "House of Content" sowie den Dienstleistern Adobe und Pro Publish einen Lösung entwickelt, um iPad-Layouts zu großen Teilen automatisch aus Print-Layouts zu generieren. Planung und Entwicklung für Automatisierungssoftware und App brauchten etwa ein Jahr.

Sind die eMag-Ausgaben mit den Print-Versionen identisch?

Es werden alle Inhalte der Print-Ausgabe in die digitale Fassung übernommen. Die großen Geschichten ergänzen wir nach Möglichkeit durch zusätzliche Fotos, Videos, animierte Karten und Grafiken. Ein besonderes Feature, das uns von vielen deutschen Magazin-Apps abhebt: Alle Reportagen werden unseren Autoren und Redakteuren eingelesen. Unsere Digital-Kunden können sich die Geschichten also auch vorlesen lassen.

Wie sehr beeinflusst das eMag künftig die Herangehensweise an Geschichten für "Geo"? Wie sehr muss sich auch die Recherche ändern, wenn die neuen Möglichkeiten der Aufbereitung mitgedacht werden?

Unsere Herangehensweise an Themen ist ja grundsätzlich eher klassisch – und natürlich zuallererst an Inhalten orientiert: Wir suchen nach substantiellen Informationen, originellen Perspektiven, erzählerischen Zugängen. Das soll auch so bleiben. Das eMag und seine Möglichkeiten können uns aber natürlich bei der Erreichung eben dieser Ziele unterstützen. Und das verändert vielleicht insofern die Herangehensweise, als das Reporter, Fotografen und Redakteure gleich von Anfang an mehr Möglichkeiten im Kopf haben müssen, mehr formale "Gefäße", in die wir am Ende die Ergebnisse der klassischen Recherche hineingießen können.

Auch wenn der Preis von 5,99 Euro immer noch niedriger liegt als der Preis der Print-Ausgabe: Vielen potenziellen Kunden wird er wohl sehr hoch erscheinen. Ist das Pricing solcher hochwertiger Apps nach wie vor eine schwierige Entscheidung? Wovon wird sie beeinflusst?

"Geo" ist nicht billig gemacht, und daher auch nicht billig zu haben – ob auf Papier oder digital. Die "Geo Special New York"-App hat gezeigt, dass User mit 7,99 Euro einen hohen Preis zu zahlen bereit sind, wenn sie einen entsprechenden Gegenwert erhalten. Und in dieser Hinsicht sind wir auch in Bezug auf das "Geo"-eMag und unseren Preis sehr zuversichtlich.

Gibt es bereits Werbekunden, die spezielle Digital-Formate für das eMag gebucht haben?

Die "Geo Special New York"-App wurde von einem Tourismuskunden und einigen Medienkunden gebucht. Die "Geo"-eMag-Ausgabe wird zunächst ohne externe Werbekunden starten, wenngleich wir mit diversen Partnern viel versprechende Gespräche geführt haben und weiter führen. Aber das ist gar nicht entscheidend: Denn das "Geo"-eMag wird zunächst zu 100 Prozent für den Leser- bzw. Usermarkt gemacht. Und wenn es dort erfolgreich ist, werden auch Werbekunden folgen, da bin ich mir merkwürdig sicher.

Werden in der Vermarktung spezielle Pakete für das neue Angebot geschnürt?

Wir bieten Print-Kunden ein attraktives Paket für die zusätzliche Belegung des "Geo"-eMag an, zudem gibt es ein Start-Paket für Kunden, die zu Beginn mehrere Ausgaben belegen. Und ein Kombi-Paket mit den Apps von "Stern" und "View". Das vielleicht interessantere Paket aber schnüren wir im Lesermarkt: das "Printplus"-Abo. Denn alle Abonnenten des grünen Magazins erhalten ohne Mehrkosten die jeweiligen "Geo"-eMag-Ausgaben dazu. Dies soll zum einen ein Dank an unsere Abonnenten sein und diese animieren, ihr Abo sehr lange aufrecht zu erhalten. Zugleich aber ist diese Offerte auch darauf angelegt, den Neuabschluss eines Abos attraktiver zu machen. Und wir haben gar nichts dagegen, wenn etwa ein Student seine Eltern davon überzeugt, ein Abo abzuschließen – das Heft für die Eltern, die eMag-Ausgabe für den Studenten. Oder umgekehrt.

Wie viele verkaufte Exemplare der App erhoffen Sie sich mittelfristig pro Ausgabe?

Wir erwarten mittelfristig eine kleine, vielleicht vierstellige Zahl von Einzelverkäufen. Der weitaus größere Teil der Verkäufe jedoch wird auf Abonnenten entfallen, die das Printplus-Abo nutzen, also Heft plus Digitalausgabe zum bisherigen Abo-Heftpreis. Und so rechnen wir mittelfristig mit einer etwas größeren vierstelligen Verkaufszahl, wenn man diese beiden Käufergruppen addiert. Und langfristig habe ich nichts dagegen, wenn es auch fünfstellig werden sollte.


Autor:

Manuela Pauker
Manuela Pauker

leitet das Medienressort der gedruckten W&V. Blattmacherin wollte sie schon früh werden, doch leider gab es zum 14. Geburtstag statt des erhofften Kopierers (zum Produzieren einer Zeitschrift) einen Wandteppich zum Selbstknüpfen. Printmedien blieben dennoch ihre Leidenschaft – auch wenn sie parallel zum TV-Serienjunkie wurde