Der Fall Hoeneß ist längst ein Sittengemälde unserer Gesellschaft. Der öffentliche Umgang mit ihm offenbart eine unsympathische Melange an Un-Tugenden. Da wird gehetzt, angeprangert, doppelmoralisiert, stigmatisiert und polemisiert. Zielscheibe: eine öffentliche Person, der die menschliche Würde aberkannt worden zu sein scheint.

Fundiert recherchierte Erkenntnisse waren und sind in der Hoeneß-Berichterstattung rar. Selten wurde so viel wild spekulierter Müll verbreitet wie zu diesem Thema. Motto: Der Täter ist überführt, er hat sich ja selbst angezeigt – nun ist alles erlaubt. Einige Medien, vorn an die Münchner "Abendzeitung", haben sich mit Mutmaßungen über Hunderte von Hoeneß-Millionen ins Abseits befördert. Einst relevante Themensetzer wie der "Spiegel" versuchten den eklatanten News-Mangel mit wortgewandter Boshaftigkeit zu verschleiern. "Bild", die in besseren Zeiten den Steuer-Scoop selbst gehabt hätte, klemmt zwischen Baum und Borke: Hausfreund Hoeneß fallen lassen und nie mehr etwas exklusiv von ihm bekommen oder sich in ungewohnter Zurückhaltung üben – in der Hoffnung, dass dies belohnt wird.

Bezeichnend für die angezählte Print-Branche, dass es die unaufgeregte "Zeit" ist, die sich in der aufgepeitschten Medien-See das erste Interview verdiente. Richtige Entscheidung von Hoeneß, vom Rahmen wie vom Timing her: Vorab-Veröffentlichung des exzellent geführten Gesprächs am Tag des Triumphs in Barcelona. PR-Punktlandung.

Die breite Schar erhitzter Hoeneß-Basher tut gut daran, sich das Interview genau durchzulesen. Es spricht sehr viel dafür, dass der Gefallene damit reinen Tisch gemacht hat. Es spricht wenig dafür, dass er damit weiteren Dreck unter den Teppich gekehrt hat. Sollte sich erweisen, dass er Entscheidendes verschwiegen hat, kostet ihn das die Freundschaft aller bis heute Getreuen. Schwer zu glauben, dass er es hat darauf ankommen lassen.

Uli Hoeneß geht im "Zeit"-Interview mit sich ins Gericht. Hart, sehr hart.  Es ist angebracht, ihn wieder als Mensch zu behandeln.


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W&V Redaktion
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