Julia Seeliger :
Prekär im Social Web: "Die Angst schreibt jeden Monat mit"

Julia Seeliger alias Zeitrafferin macht genau das, was schlaue Karriereberater jedem Journalisten in Zeiten der Medienkrise empfehlen: Gutes schreiben und darüber reden, bloggen, twittern und sich selbst als publizistische Marke inszenieren. Trotzdem kommt die Autorin der "Frankfurter Allgemeinen" und der "taz" wirtschaftlich kaum über die Runden. Was ist da los?

Text: W&V Redaktion

05. Mar. 2013 - 8 Kommentare

Julia Seeliger alias Zeitrafferin macht genau das, was schlaue Karriereberater jedem Journalisten in Zeiten der Medienkrise empfehlen: Gutes schreiben und darüber reden, bloggen, twittern und sich selbst als publizistische Marke inszenieren. Trotzdem kommt die Autorin der "Frankfurter Allgemeinen" und der "taz" wirtschaftlich kaum über die Runden. Was ist da los?

Julia, du schreibst für die "FAZ" und die "taz" und du hast als @zeitrafferin über 10.000 Follower auf Twitter.  Eine schlechte Autorin kannst du also nicht sein. Aber wer deine Tweets verfolgt, weiß, dass du kaum vom Schreiben leben kannst. Was genau ist das Problem?

Julia Seeliger: Das Dumme ist: Ich bin zwar Autorin der "FAZ", aber ich kriege es nicht hin, ihr Artikel zu verkaufen. Bei der "taz" bin ich Kolumnistin, zwei Kolumnen im Monat machen 160 Euro. Als ich gestern mit einem jungen Journalistenkollegen rumhing, haben wir ausgerechnet, dass man, um als Freier ein Einkommen vergleichbar mit dem "taz"-Festangestelltengehalt zu haben, 20 Tage im Monat jeweils 100 Zeilen schreiben müsste - die muss man erst einmal an die Zeitungen kriegen! Dazu kommt, dass Freiberufler einen ziemlich hohen Krankenkassenmindestbetrag haben. In eine private Kasse will ich nicht. Die Angst schreibt also jeden Monat mit.
Ja, ich finde die Ausgangslage zurzeit schon ziemlich deprimierend. Die einen Zeitungen machen dicht, die anderen lobbyieren für blödsinnige Gesetze, weil ihnen anscheinend für die Finanzierung in der Zukunft nichts besseres eingefallen ist. Und ums Geld geht es ja: Ein Kollege sagte mir mal, dass die Zeitungen seit Jahren die Honorare drücken, mit der Begründung, im Internet gäbe es zu wenige Einnahmen. Ich vermute, das einzige, was man als Freier machen kann, ist, nebenbei fachfremd, aber teuer zu arbeiten und sein Schreiben für die großen Zeitungen sozusagen als Hobby zu betreiben.

 
Im Social Web gehst du ziemlich offen mit wirtschaftlichen Probleme um. Wie sind die Reaktionen?

Es gibt schon ab und zu Zuschriften, die mich motivieren wollen, solches nicht mehr zu twittern. Da bin ich gespalten: Zum einen stimmt es schon, dass man sich mit so was selbst in den Abgrund schreiben kann. Die Stimmung wird schlechter, wenn man so was twittert, andere halten einen mehr für einen Loser als zuvor. Auf der anderen Seite aber bekomme ich gerade für solche Tweets viel Feedback. Wenn ich darüber twittere, dass das Amt einen Fehler machte, dafür aber niemand die Verantwortung übernimmt oder dass die Hotline schlecht ist, dann sehe ich schnell, dass das auch anderen so geht. Wenn das Netz helfen kann, ein gemeinsames Bewusstsein für Probleme zu entwickeln, dann kann es das doch auch im sozialen Bereich. Ich finde es nicht peinlich, als Akademikerin auf keinen grünen Zweig zu kommen - auch das ist unsere Gegenwart.

Du bist ja auch diplomierte Journalistin. Würdest du heute noch jemandem empfehlen, in den Beruf einzusteigen?

Zurzeit denke ich oft, es wäre wohl besser gewesen, wenn ich Biochemie fertig studiert hätte. Und viele meiner Freunde, nämlich die, die in der Politik arbeiten, verdienen deutlich mehr als ich. Ja, ich fühle mich unter Wert und weiß nicht, ob ich in dem Bereich eine Zukunft habe. Auch wenn Autoren schon immer am Hungertuch genagt haben: Die Ausgangslage für Contentproduzenten in dieser Zeit des Wandels ist tatsächlich nicht schön. Ich habe ja schon angesprochen, dass manche Kollegen der Meinung sind, dass die Zeitungen die Honorare mit der Begründung drücken, im Netz komme halt zu wenig rein.
Auf der anderen Seite eröffnet das Netz aber auch neue Möglichkeiten der Finanzierung. Ich denke da an Projekte wie Krautreporter. Ob es wirklich möglich ist, relaxt ohne eine große Institution im Hintergrund zu recherchieren und zu schreiben, weiß ich nicht. Man muss ja auch sehen, dass dieses ganze Crowdfunding im Kern neoliberal ist, also auf das Können und die Selbstvermarktungsfertigkeiten des Einzelnen setzt. Eine solche Zukunft gefällt mir eigentlich nicht. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu blöd, mich selbst zu vermarkten und andere bekommen das besser hin. Oder ich bin zu faul. Oder ich bin doch nicht so eine gute Autorin. Deswegen will ich hier keinen Abgesang auf den schönen Beruf des Journalisten und Autors hinlegen, auch wenn ich, was die Zukunft betrifft, ein wenig ratlos bin.

Was ist mit PR und Werbung? Welche Alternativen  kämen für dich in Frage?

Das würde für mich bedeuten, meinem Beruf wohl für immer den Rücken zu kehren. Ich habe schon mal eine Kehre gemacht, nämlich von der Politik zum Journalismus. Solches Hin-und-Her ist irgendwann nicht mehr glaubwürdig. Wenn meine wirtschaftliche Not sich verfestigt, würde ich an so etwas aber auch denken. Alles, was mit Text und Kampagne ist, finde ich im Grunde interessant. Ich habe mich außerdem auch in ganz anderen Bereichen beworben.

Müsste es eigentlich Berlin sein?

Nun, ich habe ja überlegt, woanders hinzuziehen. Da ich ein halbes Jahr keine Wohnung hatte, bin ich jetzt aber erst einmal froh, wieder eine feste Bleibe zu haben. In Berlin.


Autor:

W&V Redaktion
W&V Redaktion

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8 Kommentare

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Anonymous User 7. März 2013

Liebe Frau Seeliger, bei allen Problemen, die wir Freie haben. Diesen Satz kann ich nicht nachvollziehen "Dazu kommt, dass Freiberufler einen ziemlich hohen Krankenkassenmindestbetrag haben. In eine private Kasse will ich nicht. Die Angst schreibt also jeden Monat mit." In der KSK bezahlt ein Freier mit dem Mindestgewinn von 3900 Euro pro Jahr 302,25 Euro pro Jahr (!!!) an Krankenkassenbeitrag, dazu kommen 47,78 Euro Pflegeversicherung - billiger und günstiger können sich andere Freiberufler oder Selbstständige anderer Branchen kaum versichern. Oder sind Sie gar nicht in der KSK?

Anonymous User 6. März 2013

@h3h3 Sie mögen das anders sehen, aber ich erwarte von einem Journalisten, dass er werten und einordnen kann. Die Diskussion hier wäre übrigens um einiges interessanter, wenn Sie sie nicht anonym führen würden.

Anonymous User 6. März 2013

@Frank Zimmer: Wie man aufgrund meiner Aussage auf den generellen Unfähigkeitsverdacht bei taz & FAZ-Mitarbeitern kommen kann, finde ich ebenfalls sehr interessant. Ich habe versucht zu erläutern, weshalb die Annahme in der Fragestellung nur bedingt zu einem erfolgreichen Interview beitragen kann. Mit wertenden Aussagen (auch in abgeschwächter Form) sollte man sich als Journalist zurückhalten, oder? ;-)

Anonymous User 6. März 2013

@h3h3 Ja nee, is klar, liebe(r) anonyme(r) Kommentator(in), FAZ-Bloggerinnen und taz-Kolumnisten stehen natürlich generell unter Unfähigkeitsverdacht, vor allem, wenn ihnen auch noch ziemlich viele Leute auf Twitter folgen.

Anonymous User 6. März 2013

Puh also das Niveau der Fragen hält sich in sehr starken Grenzen und wirklich aussagekräftig ist das Interview leider auch nicht. Fünf mehr oder weniger belanglose Fragen machen leider kein gutes Gespräch aus. Irritiert war ich auch direkt von der ersten Fragestellung: "Julia, du schreibst für die "FAZ" und die "taz" und du hast als @zeitrafferin über 10.000 Follower auf Twitter. Eine schlechte Autorin kannst du also nicht sein." - Die Annahme, dass jemand aufgrund seiner Tätigkeit (die Journalistin schränkt ja selbst direkt ein mit den zwei Kolumnen bei der taz) und vielen Followern bei Twitter besonders gut ist, ist interessant.

Anonymous User 6. März 2013

Der Beitrag könnte auch von mir persönlich sein, aber der hier ist es: http://freies-in-wort-und-schrift.info/2013/03/05/rckblick-und-ein-aufruf/

Anonymous User 5. März 2013

Sich als Akademiker nicht zu schämen, weil's keine grünen Zweige gibt, ist in meinem Bekanntenkreis inzwischen zur Tugend geworden. Diplom-Geographen, Historiker, Mathematiker, Biochemie, Lehrer, Pädagogen... der Studiengang ist egal (wider dem Mythos).

Diese sogenannte Informationsgesellschaft entlohnt die Ver- und Aufarbeitung von Informationen schlechter als Kohleabbau, weil das Informationszeitalter einen Wandel von Normen und Strukturen bringt, der jeden Einzelnen überfordert. Und solange 60 Prozent der Vermögen in den virtuellen Wirtschaftszirkeln der obersten 10 Prozent rumwandern, wird sich das auch nicht ändern.

Mit wenig glücklich sein, ist doch ohnehin der neue Trend. Zwangsläufig.

Anonymous User 5. März 2013

Sich als Akademiker nicht zu schämen, weil's keine grünen Zweige gibt, ist in meinem Bekanntenkreis inzwischen zur Tugend geworden. Diplom-Geographen, Historiker, Mathematiker, Biochemie, Lehrer, Pädagogen... der Studiengang ist egal (wider dem Mythos).

Diese sogenannte Informationsgesellschaft entlohnt die Ver- und Aufarbeitung von Informationen schlechter als Kohleabbau, weil das Informationszeitalter einen Wandel von Normen und Strukturen bringt, der jeden Einzelnen überfordert. Und solange 60 Prozent der Vermögen in den virtuellen Wirtschaftszirkeln der obersten 10 Prozent rumwandern, wird sich das auch nicht ändern.

Mit wenig glücklich sein, ist doch ohnehin der neue Trend. Zwangsläufig.

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