Gruner + Jahr :
Shitstorm: Brüderles Bloßstellung erregt "Stern"-Leser

"Stern, ab ins Dschungelcamp"; "Gossenjournalismus", "Geschmacklose Schmierengeschichte": Auf der Facebook-Seite des "Stern" tobt seit Mittwochabend die Kritik an einem Artikel über FDP-Spitzenkandidat und "Heute Show"-Liebling Rainer Brüderle. Die Redaktion geht im Social Web auf Tauchstation.

Text: W&V Redaktion

- 12 Kommentare

"Stern, ab ins Dschungelcamp"; "Gossenjournalismus", "Geschmacklose Schmierengeschichte": Auf der Facebook-Seite des "Stern" tobt seit Mittwochabend die Kritik an einem Artikel über FDP-Spitzenkandidat und "Heute Show"-Liebling Rainer Brüderle. Das G+J-Magazin berichtet in seiner aktuellen Print-Ausgabe über wenig filigrane Flirtversuche Brüderles in einer Stuttgarter Hotelbar. Objekt des liberalen Interesses war "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich, die die Szene allerdings erst jetzt schildert - über ein Jahr nach dem Vorfall. Demnach sei Brüderles Blick auf "ihren Busen gewandert", er habe ungefragt ihre Hand geküsst, ihr seine "Tanzkarte" angeboten, und:

"Gegen ein Uhr nachts tippt ihm seine Sprecherin an die Schulter. Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: 'Herr Brüderle!', ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie:'Das tut mir leid.' Zu ihm sagte sie: 'Zeit fürs Bett."

Der "Stern" selbst nennt die Berichterstattung einen "Tabubruch". Sexuelle Anzüglichkeiten von Politikern seien zwar nicht ungewöhnlich, bisher aber immer verschwiegen worden. Die meisten Facebook-Kommentatoren sehen in der "Stern"-Berichterstattung eher eine Überdosis Boulevard. "Wie kann der Stern so einen Bericht veröffentlichen? Überlege mir ernsthaft, den Stern abzubestellen", ist nur eines von über 200 Postings. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung stößt übel auf:  "Schon komisch, dass ihr das Ereignis von vor einem Jahr just in der Woche einfällt, in der Brüderle zum Spitzenmann aufsteigt ... merkwürdig!", wundert sich ein "Stern"-Leser. Die Schilderung von Laura Himmelreich sei ein "Feigenblatt für die explizite Bloßstellung von Brüderle", heißt es anderer Stelle.

Ganz wohl ist dem "Stern" bei der Angelegenheit wohl auch nicht mehr. In der Online-Version des Artikels hat man eine Passage über Rainer Brüderles Ehefrau Angelika bereits entfernt. Nach langem Schweigen hat sich am Donnerstagmittag "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn zu Wort gemeldet: Er verteidigt den Artikel als "legitim", denn die Baggerei an der Bar scheine "ein wiederkehrendes Verhalten von Brüderle zu sein". Jan-Eric Peters, Chefredakteur der "Welt", sieht die mediale Fallhöhe anders als sein Hamburger Kollege. Auf seiner eigener Facebook-Seite schreibt er: "Ich halte Brüderles angeblichen Spruch für ziemlich dämlich, aber diese Geschichte hätte ich nie gedruckt".


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12 Kommentare

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Anonymous User 30. Januar 2013

Ist es nicht eine Journalistenregel immer 3 Quellen zu prüfen, bevor man etwas publiziert? Und warum braucht jemand 1 Jahr für diese Lappalie? Ich denke was hier in Deutschland mit Zwangsheiraten und Ehrenmorden an jungen Frauen passiert hat eine grössere Öffentlichkeit und Aufregung verdient. Das hier ist Hysterie und wer da nicht mitmacht ist per se frauenfeindlich.
Was vielleicht passiert ist. Es war ein langer Tag, zuviel Alkohol, dadurch mangelnde Distanz (evt. von beiden Seiten), Herr Brüderle wollte vielleicht auch mal Feierabend haben und hat sich dann einer Frage so ausweichend genähert, dass es sehr unpassend war, er aber einfach nur seine Ruhe haben wollte und es nicht sagen konnte.
Was jetzt daraus gestrickt wird ist wirklich erschreckend. Und wo ist der Aufschrei, wenn wieder ein junges Mädchen ihren Onkel nicht heiraten will oder «Allah behüte» einen deutschen Freund hat und deswegen von der Familie ausgeschlossen, verfolgt oder gar verletzt und getötet wird?

Anonymous User 29. Januar 2013

Der Stern ist bald erledigt, er hat selbst Schuld...

Anonymous User 27. Januar 2013

Ich lese hier mit Erstaunen, dass eine Journalistin bekennt, sich Herrn Brüderle als Opfer ausgeliefert zu fühlen. Der Vergleich zwischen Chef und weiblicher Angestellte drückt dagegen ein klassisches Abhängigkeitsverhältnis aus. Was immer sich mancher Politiker erlauben mag, sollte auf einer anderen Ebene geklärt werden können, meinetwegen durch eine laute verbale Abwehr und im zweiten Schritt mit einer Ohrfeige. Von Journalisten ist Schlagfertigkeit zu erwarten. Im übrigen interessiert mich, was der Stern über die politischen Fähigkeiten zu Brüderle zu berichten hat.

Anonymous User 26. Januar 2013

Einfach widerlich, diese Lappalie nach einem Jahr an die große Glocke zu hängen. Anbetracht der Tatsache, dass Millionen Frauen tatsächlich sexuell belästigt werden, ist diese sexuelle Belustigung nicht der Rede wert, wäre sie nicht - vor einem Jahr - von Herrn Brüderle ausgegangen. Ihn jetzt als alten Lustmolch darzustellen offenbart nur eine diskriminierende Einstellung zu den Flirtversuchen älterer Männer - zwischen lästig und Belästigung liegt die Wertung im Auge der Betrachterin.

Anonymous User 25. Januar 2013

Gibt es eigentlich eine unabhängige Bestätigung für die Aussage von Frau Himmelreich? Hat der "Stern" eine dritte Person befragt? Oder gibt es eine Tonbandaufzeichnung? Gibt es Zeugen, und wurden sie befragt? Was sagen sie? Wenn Brüderle in einem Kreis von Männern stand, müsste sich das Geschehen ja überprüfen lassen. Hat der "Stern" das getan?

Eine nicht nachgewiesene, rufschädigende Behauptung zu drucken ist schlechter Journalismus und verletzt grundlegende Maßstäbe der journalistischen Ethik.

Wenn dieses Beispiel Schule macht, kann man den Ruf eines jeden Menschen ruinieren, indem man ihm diskriminierende Äußerungen in den Mund legt, die in einem Zwiegespräch gefallen sein sollen. Dann reicht es schon, dass man der entsprechenden Person zutraut, solche Äußerungen zu tun.

Und für Journalisten, die sich im harten Konkurrenzkampf behaupten wollen, wäre dies ein Weg zur Bekanntheit. Sie erfinden irgendeine politisch nicht korrekte Äußerung einer bekannten Persönlichkeit und werden so selbst als Aufdecker bekannt.

Wo greifen da eigentlich interne Qualitätskontrollen? Wo bleibt da die Recherche?

Anonymous User 25. Januar 2013

Da passt doch voll das Unwort des Jahres 2012, das mit dem Opfer-Abo. Verdächtig, wie die Roth und die Alice den Ball aufnehmen und ihrer seit einem Jahr traumatischeren Kollegin beistehen. Oder hat die so eine länge Leitung.

Anonymous User 24. Januar 2013

vielleicht hat ja der Brüderle dabei ganz kurz an Kahn und Berluskoni gedacht.

Anonymous User 24. Januar 2013

Seitens des Stern ist das nichts anderes als Kampagnenjournalismus. Auch wenn Brüderles Verhalten nicht gerade gentlemanlike war.

http://www.severint.net/2013/01/23/der-stern-und-der-fall-bruederle/

Anonymous User 24. Januar 2013

Himmelreich-Tagebücher entdeckt?

Möglicherweise passt es in die Zeit, einen Beitrag über Chauvis in der Politik zu machen; möglicherweise gehört auch Brüderle zu diesen Chauvis.

Aber einen über ein Jahr zurückliegenden Vorgang mit der Begründung, jetzt sei er "relevant" (L. Himmelreich auf Twitter), das hat Chuzpe. Wenn der Vorfall so schlimm war wie angedeutet, dann war er schon vor einem Jahr relevant. Brüderle auch.

Anonymous User 24. Januar 2013

Subjektiv wahrgenommene sexuelle Belästigung als "wenig filigarane Flirtversuche" zu beschönigen ist ja nun auch nicht gerade die feine journalistische Art.

Anonymous User 24. Januar 2013

Ich hätte da die passende Überschrift für den Stern:

"BRÜDERLE: STATT VOLL GEIL VOLL UND GEIL"

Naja zu spät, Artikel ist ja schon raus. Ob es so war, weiß ich eh nicht.

Ansonsten: Jemanden bloß stellen, wenn der Schaden für ihn am größten ist? Ist das Journalismus oder Aktion?

Anonymous User 24. Januar 2013

Und sowas nennt sich dann "Qualitätsjournalismus" ? Diesen Anspruch hat dieses Blatt schon vor Jahrzehnten abgegeben. Verkommen zum "Bilderbuch" und Trash, wie er eigentlich nur noch in spezifischen TV-Inhalten zu finden ist. Es stellt sich die Frage, wem dieser Polarisierungs- und Skandalisierungs-Journalismus dient. Andererseits : Diejenigen die so einen Müll lesen wollen, sind auch nicht besser. Und darin liegt das Problem. Einer zu wünschenden Integrationsfunktion der Gesellschaft, die - bis auf wenigste Ausnahmen - ihre Fairness abgelegt hat, dienen solche Medien nicht. Es gibt interessantere, spannendere u. wichtigere Themen. Aber vielleicht ist es mit dahingehender Kompetenz der Redakteure dieses Blattes nicht so gut bestellt.

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