Ausstieg bei Youtube :
So feiert Tele 5 den Youxit

Aus Protest gegen die Youtube-Richtlinien verkündet der Sender Tele 5 seinen Ausstieg mit einem Musikvideo.

Text: Susanne Herrmann

Willy Karma (l.), Musiker, und Kai Blasberg, Tele-5-Chef, treten gemeinsam in einem Youtube-Protestvideo auf.
Willy Karma (l.), Musiker, und Kai Blasberg, Tele-5-Chef, treten gemeinsam in einem Youtube-Protestvideo auf.

Einen "Schlag ins Gesicht der Meinungsfreiheit, der Eigenständigkeit, der Selbstbestimmung": So nennen die Verantwortlichen beim Münchner Sender Tele 5 die Umsetzung der Richtlinien bei Googles Videoplattform Youtube.  Der Sender wird deshalb seine Inhalte komplett von der Plattform nehmen.

Komplett - bis auf einen Clip, den Tele 5 als Gegenschlag verstanden wissen will. "Youxit" nennt Tele 5 seinen Ausstieg, in Anlehnung an den Brexit. Das Musikvideo "Youtube, du Hure" hat Tele-5-Chef Kai Blasberg zusammen mit Willy Karma produziert; der Künstler und sein Kanal Snicklink waren ebenfalls bereits von einer Youtube-Sperre betroffen, auch Karma wird die Plattform verlassen.

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Blasberg: "Das Video soll sich von dort unter dem Hashtag #youxit möglichst vielfach teilen." Mit diesem "Strike" wolle man ganz bewusst Youtube noch ein letztes Mal ausnutzen, "wie sie uns die letzten Jahre ausgenutzt haben". Danach werde der Kanal Tele 5 bei Youtube abgeschaltet. Youxit ist der einzige Clip, der noch im Tele-5-Channel steht.

Die ersten drei Minuten verbreiten die Botschaft gegen Youtube launig als Musikclip, die folgenden zweieinhalb die Abrechnung Blasbergs mit dem Videoportal. "Wer zur Hölle glaubst du zu sein?" Und weiter: "Das Gegenteil von Liebe, Youtube, ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Du bist ab heute für uns nicht mehr gültig. Und du bist uns gleich. Bye-bye."

Der Stein des Anstoßes: Nippel

Die Youtube-Regeln besagen konkret: Sexuell explizite Darstellungen werden gesperrt, gefährliche und gewalttätige Inhalte, Videos, die Hass schüren, Cybermobbing und Spam.

Youtube gaukelt uns vor, dass Zensur etwas Normales sei. Wir lassen uns das nicht mehr bieten.

Zitat: Kai Blasberg, Tele 5

Soweit klingt das erst mal vernünftig. Tele 5 aber stößt sich massiv an der Auslegung dieser Richtlinien. Ein Filmtrailer des Senders hatte dazu geführt, dass der Tele-5-Kanal gesperrt wurde. Laut Tele 5 bestand der Verstoß gegen die Community-Richtlinien darin, dass "für einen Sekundenbruchteil eine nackte weibliche Brust zu sehen war".

"Scheinheilige Doppelmoral"

Willkürlich, heuchlerisch, bigott: So empfindet Tele 5 den Anlass für die Sperrung. Senderchef Blasberg, bekannt dafür, dass er sich unverblümt äußert, hat es satt und erhebt bittere Vorwürfe: "Youtube schaut bei geistigem Diebstahl zu, fördert ihn sogar. Über Gewalt wird hinweggesehen, Youtube verweigert jegliche Verantwortung für die Inhalte auf der Plattform. Bei Sexualität jedoch erwacht dann die Moral. Das ist Prä-Faschismus und Zensur. Heute sind es Nippel, morgen rote Hosen und übermorgen irgendwas …"

Darum werde Tele 5 künftig seine Inhalte als Sender und Rechteinhaber dort zugänglich machen, wo der Sender selbst die Kontrolle hat: auf der eigenen Webseite. Dahin will Blasberg "Youtube refugees" locken.

Dort kann keine falsch verstandene Umsetzung eigentlich sinnvoller Regeln dazu führen, dass Inhalte gesperrt werden. So wie es Willy Karma, Musiker, Filmemacher, Philosoph, ergangen war und den die zeitweise Sperrung "als Künstler, der u.a. von Einnahmen bei Youtube lebt, existenziell" getroffen habe. Sein Account war wegen Hetze vier Wochen lang geschlossen worden - weil der Algorithmus nicht erkannt hatte, dass Karma sich mit Satire gegen Volksverhetzer gewendet hatte. 

Ähnlich traf es im Frühjahr zum Beispiel ein Video gegen rechte Hetzte im Netz, das von Youtube als Aufruf zum Hass missverstanden worden und vorübergehend gesperrt worden war (mehr dazu hier). Was Facebook und Youtube alles löschen mussten, lesen Sie hier. Die Algorithmen, die unter anderem das Netz DG besser umsetzen sollen, sind eben nicht unfehlbar. Ebensowenig wie die Menschen, die über Inhalte entscheiden.


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.