Kommentar zur Netflix-Serie :
"Tote Mädchen lügen nicht": Zieh es durch, Netflix!

Jugendschützer laufen Amok gegen "Tote Mädchen lügen nicht" von Netflix. Es wird Zeit, dass jemand dafür eine Lanze bricht. Ein Kommentar von Anja Janotta.

Text: Anja Janotta

Anja Janotta kommentiert zur Netflix-Serie.
Anja Janotta kommentiert zur Netflix-Serie.

Liebes Netflix,

bitte, bitte, lass dich vom Jugendschutz nicht kirre machen! "Tote Mädchen lügen nicht" ist verdammt guter Content, eine verdammt gute Serie und sie ist verdammt noch mal richtig. Gerade für junge Zuschauer ab 12 Jahren. 

Nur für den Fall, dass jemand nicht weiß, um was es geht: Die Serie, die im Original "13 Reasons Why" heißt, handelt von einer 17-Jährigen, die in einer Anklage an ihre Mobber 13 Kassetten aufgenommen hat und dann Selbstmord beging. Jugendschützer haben explizit vor der Serie gewarnt, sie könnte bei psychisch labilen Jugendlichen Nachahmeffekte hervorrufen. Mittlerweile ist auch Netflix eingeknickt und versieht die 13 Folgen mit dem Warnhinweis "Nicht für Kinder".

Ich habe mit meiner Tochter (12) die Serie gesehen. Und finde sie gut und wichtig. Denn sie zeigt ganz eindringlich und für die Zielgruppe einfühlsam, wie sich zunächst kleine harmlose Geschichten zu Mobbing auswachsen, wie schnell in unserer elektronischen Zeit der Ruf ruiniert ist und wie viel Leid das für alle mit sich bringt. Einen besseren Einstieg, um mit seinen Kindern über die Gefahren des (Cyber-)Mobbings zu reden, gibt es wohl kaum.

Aussagekräftigen Content pauschal schlechtzureden ist Quatsch

Verstehen Sie mich nicht falsch: Der Werther-Effekt macht auch mir als Mutter mächtig Angst, und es gibt durchaus ein paar Szenen, die ich meiner Tochter vorenthalten habe. Aber deswegen wirklich aussagekräftigen Content pauschal schlechtzureden ist Quatsch. Potenzielle Nachahmer, die die Serie verfolgen, sehen nämlich auch, wie sehr die Eltern, das Umfeld, die Freunde leiden, wie Selbstvorwürfe alle Hinterbliebenen zerfressen und wie wenig man hätte tun müssen, um das Schlimmste zu verhindern. Ich würde mal wenigstens zu fragen wagen, ob das nicht auch massiv abschreckt?

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat nun sogar ein pauschales Verbot von "Tote Mädchen lügen nicht" gefordert. Haben sich die Vertreter eigentlich irgendwann mal durch das andere Netflix-Material durchgeklickt? Welche hochwertigen Alternativen bieten sich denn? Wie viel Empathie, Haltung und Mitleid vermitteln denn stattdessen "Gossip Girl", "Degrassi High" oder "Pretty Little Liars"?

Wo bleibt die Schere beim "Hobbit"?

Ich unterstelle mal, dass Kinderärzte und Jugendschützer auch nicht wollen, dass alle pubertierenden Zuschauerinnen die intriganten, oberflächlichen und moralisch fragwürdigen jungen Menschen der anderen Teenie-Serien nachahmen. Und dass sie gleichzeitig keinerlei Regung mehr zeigen, wenn ihresgleichen gemeuchelt werden ("Tribute von Panem"), Genies sich im Drogenrausch ruinieren (BBC mit "Sherlock Holmes") oder sich ganze Völkerschlachten vor ihren Augen abspielen ("Hobbit", "Herr der Ringe").

All diese Inhalte sind übrigens ab 12 Jahren zugelassen, geschnitten wird hier eher nicht. Ausufernde Jugendschutz-Diskussionen dazu habe ich noch keine vernommen.

Wäre es nicht für alle einfacher, man schneidet die schwierigsten Szenen (Vergewaltigung und vor allem den tatsächlichen Selbstmord) um oder raus? Und vielleicht dürften sich einige Fans dann ohne Zweifel auf die zweite Staffel freuen, die sicher ebenso empathisch und erzählerisch sorgsam mit ihren Helden umgeht.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.