"Ihre Fahrkarte, bitte."

Einatmen…und…

Um 14 Uhr sind alle Witze gemacht, alle Schlager gegrölt und alle Kriegsbeile in Alt, Chips und Eierkuchen begraben. Der zuletzt betreute Bierkunde hat reichlich Deputat im Kohlenkeller zurückgelassen. Wie viel Frieden passt auf zwei Europaletten? Ein Typ aus dem Web-Dev, der frappierende Ähnlichkeit mit Boris Karloff hat, kommt, völlig entfesselt eine Flasche Düsseldorfer Kirsch schwenkend, auf mich zu. Meine missbilligende Äußerung ob des fehlenden Kostüms bringt mir eine Obstdusche ein. Responsivität wird gemeinhin überbewertet. 

und klebrig täusche ich Arbeit an einem internationalen Pitch vor und wechsle zusammen mit Axl Rose und zwei Füchschen das Stockwerk. Axl macht in SEO und THC und leistet stets substantielle Beiträge zur Onsite-Optimierung. Wenn wir das Fenster aufmachen, wird schon keiner was merken. Ein Pirat erscheint im Türrahmen. Bietet an, den Pitch zu rehearsen. Denke, es ist Zeit zu gehen.

Vor der Tür erfasst mich eine menschliche Woge der Begeisterung und spült mich in die Altstadt. Ich hätte den Hinterausgang nehmen sollen. Gerade sehe ich noch, wie Heidi auf dem Azubi vorbeireitet, als sich meine Synapsen auch schon äußerst angenehm entfokussieren. Optimierung abgeschlossen. Spätestens um 18 Uhr liege ich im Bett.

"Ich muss Sie noch einmal bitten, mir Ihre Fahrkarte zu zeigen."

"Pfff…"

"Schmollen Sie jetzt etwa?"

"Schmollen? Jetzt werden Sie mal nicht albern."

In einer weltmännisch ausladenden Geste reiche ich dem Karnevalisten Ticket, Master- und Bahncard, die ich nach ausgiebiger Kontrolle per Spielzeug-Scanner, einigen blöden Sprüchen und einem großzügigen Nicken zurückbekomme.

"Danke. Angenehme Reise noch."

Ein Jeck in Geza-Unbehagen-Kostümierung fällt vom Bistro in die Comfortzone.

"Name-dropping", errate ich die billige Scharade sogleich und biete dem unverhofft enttarnten Mittvierziger einen Schluck lauwarmen Pfälzer Weißburgunder an. 

Next Stop: Frankfurt-Airport. Der als Reisegruppe aus Bejing verkleidete Kegelclub Offenbach Grün-Blau 1878 e.V. rimowat choral keuchend vom Bahnsteig ins Wageninnere. Hochkonzentriert bemühen sich alle Darsteller, jeden freien Quadratzentimeter des Gangs mit in Frischhaltefolie eingewickelten Koffern, Pappkartons und Plastiktüten zu verstellen. Method acting ftw.

Sogar den immer wieder lautstark umjubelten Versuch, deutlich zu große Hartschalenkoffer mit wenig Augenmaß und viel Gewalt in bereits solide gefüllte Gepäckablagen zu rammen, imitieren die linksrheinischen Fußpilzfreunde par excellence. Geza inhaliert genüsslich den 2012er Chateau Mitropa. Die Bundespolizei stoppt am Südbahnhof den Zug, um einen falschen Schaffner in Gewahrsam zu nehmen. Ein CEO ruft einen Mitarbeiter an. Ein KPI wird verfehlt und weint bitterlich. Irgendwo pfeift ein Schwein. Die Lämmer schweigen. Ausatmen, Clarice. Endlich wieder normale Menschen.



Autor: W&V Gastautor

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