Autonomes Fahren:
Warum Amazon Werbung im autonomen Fahrzeug schaltet

Autonomes Fahren soll kommen. Und damit neue Geschäftsmodelle. Wie sich das Autonome Fahren entwickelt - und was das für alte und neue Marktplayer bedeutet.

Text: Yvonne Göpfert

Wie Reiten soll autonomes Fahren eines Tages sein, sagen Zukunftsforscher.
Wie Reiten soll autonomes Fahren eines Tages sein, sagen Zukunftsforscher.

Bis 1903 war das Autofahren auf 4 km/h pro Stunde begrenzt. Eine Interessensgemeinschaft aus Pferdekutschenunternehmen, Hufschmieden und Sattlern hatte einst durchgesetzt, dass Fuhrwerke aller Art nur mit dieser Höchstgeschwindigkeit übers Land zuckeln durften. Das Gesetz hat jedoch nicht lange gehalten.1903 wurde der Motor Car Act in Großbritannien verabschiedet. Damit wurden die bis dahin geltende Höchstgeschwindigkeit von 4 km/h auf 14 km/h angehoben. Die Geschichte zeigt, wie schwer sich die Welt mit dem Fortschritt tut. Und hier gibt sich Parallelen zur Ablösung des heutigen Fahrens durch Autonomes Fahren.

Perfektionierung des Autonomens Fahrens nur mit großer Flotte

Die Fakten: Autonomes Fahren entwickelt sich aktuell exponentiell nach den Moor'schen Gesetzen. Das heißt, von einem Entwicklungsstand zum nächsten verdoppeln sich die Fähigkeiten des Systems. Soll heißen: In der Regel ver-x-facht sich der Fortschritt beim Autonomen Fahren binnen eines Jahres. Dazu trägt bei, dass Autonomes Fahren vom Fahren lernt. Und die Flotten werden immer größer. Die Google-Tochter Waymo, die für Autonomes Fahren zuständig ist, hat vor einem Jahr 62.000 Autos für seine Autonome Taxiflotte gekauft. Und auch das Taxivermittlungsunternehmen Uber zählt mehrere tausend Autos in seiner Flotte. Da kommen viele Kilometer zusammen, die das Autonome Fahren voranbringen.

Und auch Tesla investiert: So wie Apple einst einen eigenen Chip für seine iPhones entwickelte und Intel aus seinen Produkten verabschiedete, so plant nun auch Tesla einen eigenen Chip fürs Autonome Fahren zu entwickeln. Ab sofort fahren alle Teslas automatisch mit Autopilot an. Wenn sich bei der Fahrt Abweichungen zu der von Tesla prognostizierten Fahrweise ergeben, werden diese Daten über die Cloud an Tesla gesendet und ein Team analysiert diese Daten. So trainiert Tesla seine gesamt Flotte. Und das ist nicht zu unterschätzen, denn der Tesla Model 3 ist derzeit das meistverkaufte E-Auto in den USA und in der Schweiz.

Wenig Investment in Deutschland

Erschreckend ist das Engagement in Deutschland bezüglich Autonomes Fahren. Gut 400 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet die Deutsche Automobilindustrie jährlich. Rund 7,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands gehen direkt oder indirekt auf die Autoproduktion zurück. Während in Deutschland 800.000 Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen, investiert Deutschland sehr wenig Geld in Autonomes Fahren. 96 Prozent aller Investitionsgelder für Autonomes Fahren fliessen in Kalifornien und nur 4 Prozent in Deutschland sagt Stefan Jenzowsky, Managing Director des Zukunftsforschungsinstituts 2bAHEAD Think Tank. IBM hat in den USA beispielsweise 80 Milliarden US-Dollar investiert, Waymo 100 Milliarden. Auch wenn Daimler und BMW gerade zusammen an einer Plattform für Autonomes Fahren tüfteln, so muss doch auch in den Köpfen noch viel passieren.

Autofahren wird wie Reiten sein

In ein paar Jahren wird Autofahren - so wie wir es heute kennen - sein wie Reiten 1930, fährt Jenzowsky fort. Wenn alle Autonom Fahren und nur ein manuelles Fahrzeug auf der Straße unterwegs ist, besteht erhöhte Unfallgefahr. So wie heute ein Reiter auf der Straße den gesamten Autoverkehr gefährdet. Und so wird Fahren, wie wir es heute kennen, eines Tages ein Freizeitvergnügen. Man wird sagen: Guck mal, Opa kann noch Gangschaltung.

Disruption: Auf clevere Services kommt es an

Wir stehen vor einer Disruption, deren Ausmaße noch niemand so richtig glauben mag. Aber was bedeutet das? „Disruption heißt Zerstörung der eigenen Industrie. Das Wissen um Turbolader und Standheizung ist bald nicht mehr relevant. Das Autonome Fahren eliminiert die Freude am Fahren. Dann ist ein Dacia so gut wie ein BMW. Es wird auf den Innenraum und auf die Services ankommen. Denn niemand fährt mehr, man wird gefahren, betont der Zukunftsforscher Jenzowsky.

Das hat Folgen: Das, was wir digitalisieren, tendiert dazu, kostenlos zu werden. Ein typisches Beispiel ist die Fotografie. Und ähnliches wird auch mit der Mobilität passieren. Uber hat bereits ausgerechnet, wie sich eine Fahrt komplett über Werbung finanziert. Bucht ein Kunde eine Fahrt zum Media Markt, kann sich Amazon z.B. in die Fahrt einkaufen und dem Kunden während der Fahrt Amazon-eigene Elektroprodukte präsentieren. Anhand des persönlichen Fahrziels sind ganz neue individuelle Werbemodelle möglich. Falls der Kunde noch im Auto bei Amazon kauft hat sich die Investition für Amazon bereits gerechnet. Und genau diese Art Geschäftsmodelle gilt es heute zu denken.


Autor:

Yvonne Göpfert
Yvonne Göpfert

ist Expertin für digitales Marketing und Multichannel-Commerce. Sie liebt VR, AR und ein bisschen auch KI und probiert aus, was die neuen Technologien so leisten. Zum Stressausgleich beschäftigt sie sich ganz analog mit Kräutern. Und mischt sie zu Tinkturen, Hustensirup oder leckeren Kochrezepten.


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