Wie war das bei dir selbst: Wie digital und wie "social" tickte Klaus Eck damals?

Sehr wichtig war für mich damals das "Cluetrain-Manifest", dessen Ansprüche mich bis heute geprägt haben. Darin wurde skizziert, wie die Kommunikation von Unternehmen und ihren Kunden im Internet-Zeitalter offener und ehrlicher gestaltet werden kann. In gewisser Weise nahm es Social Media vorweg. Mit der Realität damaliger Redaktionsarbeit hatte das aber noch nichts zu tun.
 
Weil es vor allem um schnelle News ging?

Genau, so wie damals in allen Redak­tionen. In unserem fünfköpfigen Online-Ressort entstanden die News auf der Grundlage von zahllosen Presse- und Tickermeldungen. Jeden Tag wurden  dabei viel zu viele News verwertet und publiziert. Zum Nachrecherchieren blieb kaum Zeit. Die Klicks und Visits waren damals wie heute eine wichtige Währung. Den meisten Traffic brachten aber nicht die Nachrichten, sondern Studien, die in der Marketingwelt heiß begehrt waren, sowie Vermarktungskooperationen. Relevanter Content war und ist immer noch die Voraussetzung für den digitalen Erfolg.

Wie war der Blick auf die Konkurrenz?

Relevante Wettbewerber waren damals Kress und Horizont. Jeden Tag schauten wir uns die Ergebnisse unserer Aktivitäten an. Wer war diesmal besser? Wer hatte die exklusiveren Meldungen? Das interessierte uns Journalisten und Newsjunkies, aber vermutlich nur wenige unserer Leser. „Meedia“ und „turi2“ gab es noch nicht, aber Peter Turi leitete damals immerhin schon Kress Online erfolgreich.

Wir finden es heute normal, wenn sich Journalisten über Blogs und soziale Netze zu digitalen Persönlichkeiten entwickeln. War so etwas damals vorstellbar? Die eine oder andere technische Möglichkeit gab es ja schon …

Der einzelne Online-Redakteur war damals eher unbekannt. Angesichts der vielen Meldungen, die jeder Einzelne am Tag veröffentlichte, blieb für die Profilierung im Netz wenig Platz. Vermarktet hat niemand sein digitales Werk selbst. Nur wenige exklusive Meldungen sind von der Verlags-PR begleitet worden.

Hast du es denn versucht?

Ja. Parallel zu meiner Arbeit als Online-Chef von wuv.de habe ich damals in einem anonymen Blog über mein Leben berichtet. Davon wussten nur wenige. Zunächst ging ich an das Thema Bloggen sehr spielerisch heran und versuchte,  das Konzept des Tagebuchschreibens direkt ins Digitale zu übertragen. Nach einem halben Jahr brach ich mein kleines Experiment wieder ab, weil ich mein privates Leben nicht öffentlich ausstellen wollte. Je mehr ich über meinen Alltag berichtet habe, desto deutlicher wurde mir, dass ich immer auch über meine Freunde, Mitarbeiter und Familie berichtete. Das überschreitet sehr schnell persönliche Grenzen und zerrt Dritte in  die Öffentlichkeit. Diese Entscheidung überlasse ich bis heute lieber anderen selbst.

Der Gedanke einer digitalen Persönlichkeit hat mich aber bis zum heutigen Tag nicht mehr losgelassen und unter anderem zu den Büchern Karrierefalle Internet und Transparent und glaubwürdig geführt, in denen ich mich mit dem Reputationsthema auseinandersetze. Darüber hinaus ist das Reputation Management eine der Grundlagen unserer Unternehmensberatung.

2007 bist du noch einmal als Berater zu uns in den Verlag gekommen – in einer Zeit der Web-2.0-Euphorie. Welche Erfahrungen hast du damals gemacht?

Es war kein spezielles W&V-Projekt. Ich habe damals im Süddeutschen Verlag vielen Print-Redakteuren die neue So­cial-Media-Welt erläutert. Dabei traf ich in den Redaktionen auf Verwunderung und Ablehnung. Kaum jemand wollte sich als Person in die digitale Öffentlichkeit begeben und via Xing oder Facebook mit den Lesern vernetzen. Viele wollten sich überhaupt nicht mit den Leserbriefen und sonstigen Reaktionen auseinandersetzen. Dafür sei keine Zeit, hieß es überall einhellig.

Das hat sich zum Glück geändert …

Ja, aber es war ein weiter Weg dorthin. Auch bei W&V. Ihr habt euch ziemlich langsam ins Social Web vorgetastet. Es gab auch lange Zeit keine Kommentarfunktion auf wuv.de. Zum Glück sind auch die Zeiten vorbei, in denen die gedruckte W&V das Social Web verneinte und Titel wie "Social Media? Nein, danke!" möglich waren. Im Mai habe ich mich über den Titel "Der Wert von Top-Bloggern" gefreut, der endgültig Blogger in den Adelsstand erhob und ihre Bedeutung anerkannte. Nur konsequent war da auch das kürzlich gelaunchte W&V-Blog "Mr Media" von Thomas Koch …

… das uns viel Freude macht. Zugleich haben wir mit "Markenschau" ein weiteres Blog gestartet.

Ich weiß. Und ich bin mittlerweile ja auch ganz zufrieden mit euch. Viele W&V-Redakteure nutzen heute längst ganz selbstverständlich Xing, Facebook und Twitter, um auf ihre lesenswerten Artikel zu verweisen. Das vormals undenkbare passiert: Jeder einzelne Redakteur trägt dazu bei, dass rund um die Medien­marke W&V eine Marken-Community entsteht. Für derlei Aktivitäten in der Kundenbindung ist in der Vergangenheit sehr viel Geld ausgegeben worden. Inzwischen entsteht die Community ganz selbstverständlich auf Basis von Content und gutem Journalismus.

Klaus Eck ist gelernter Journalist und leitete im legendären Boom-Jahr 2000 die Online-Redaktion der W&V. Später zog es ihn
als Buchautor, Blogger (PR-Blog) und  Kommunikationsberater in die Selbstständigkeit. Er gilt als Pionier der deutschen Social-Media-Szene und berät mit seiner Agentur Eck Kommunikation u.a. Adidas, Audi, BASF und Siemens. Klaus Eck twittert unter @klauseck.

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Autor: Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.