Ist das Ganze also nur ein PR-Gag, mit dem Bienkowski auf seine Agentur und vielleicht auch auf die Situation der Obdachlosen in Deutschland aufmerksam machen will? Immerhin betreibt er mit Caveman eine Agentur, die unter anderem Guerillamarketing anbietet. Bienkowski äußert sich dazu nicht, erklärt aber vielsagend: "Wenn dadurch in den kommenden Wintern, die alle stärker und kälter werden, Obdachlose vor dem Erfrieren gerettet werden können, ist es alle Mühe wert".

Der Chef der Bahnhofsmission jedenfalls weiß nichts von einer möglichen Kampagne.

Sollte Bienkowski tatsächlich Obdachlose für Shitstorms rekrutieren, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob er diese Menschen ausnutze. Knapp 100.000 Euro würde ein "Shitstorm XXL" der Agentur einbringen. Dafür bietet sie  15.000 Kommentare und 5.000 Likes. Die Agentur finanziere im Gegenzug die Auslagen des Vereins, so Bienkowski. "Das deckt frisches Obst, medizinische Untersuchungen, Essen und kleine Goodies ab wie den Besuch von Freizeitparks, Schwimmbädern oder Kinos." Die Obdachlosen seien freiwillig da und gerne am Computer. Vielleicht habe die Aktion einige WoW-Süchtige hervorgebracht, aber das sei doch besser, als den ganzen Tag Alkohol zu trinken, meint er zynisch. Wie viele Obdachlose genau der Verein an der Hand hat, will Bienkowski nicht sagen. "Es sind aber sicherlich mehr als 100." Er nutze die Virtualisierung von Server-Systemen. So ist es möglich, die IP-Adressen der Computer zu verändern und mehrere Follower oder Fans von einem Gerät aus zu steuern.

Konkreter werden will er allerdings nicht, auch nicht was die Shitstorms angeht, an denen sein Team bereits beteiligt sein könnte: "Zum Schutz unserer Klientel sind wir verpflichtet Stillschweigen zu bewahren, das Gleiche gilt für unsere obdachlosen Partner." Nach eigenen Angaben ist die Agentur aber für das sprunghafte Wachstum der Fans von politischen Parteien im vergangenen Jahr verantwortlich.  



Franziska Mozart
Autor: Franziska Mozart

arbeitet als freie Journalistin für die W&V. Sie hat hier angefangen im Digital-Ressort, als es so etwas noch gab, weil Digital eigenständig gedacht wurde. Heute, wo irgendwie jedes Thema eine digitale Komponente hat, interessiert sie sich für neue Technologien und wie diese in ein Gesamtkonzept passen.