Haben sich die Shitstorms zwischen 2010 und 2012 verändert?

Von 2010 bis 2012 gab es immer schon größere oder kleinere, stärkere oder schwächere Shitstorms. Sie passieren jeden Tag in Social Media. Wir kennen aber nur eine Hand voll. Selbst ich weiß nach über zwei Jahren Forschung nicht, wie viele Fälle neben den von mir gesuchten und analysierten noch passierten - sich jedoch meiner und der Wahrnehmung Dritter entzogen. Es ist daher schwer, auf Grundlage einzelner bekannter Fälle der vergangenen Jahre auf mögliche Veränderung von Shitstorms zu schließen.
Denn zusätzlich ist die Wahrnehmung von Shitstorms stark durch die Berichterstattung in den Social Media und den Medien determiniert. Unbestritten nahm die Verwendung des Begriffs 'Shitstorms' durch Dritte rapide zu. Fälle von Cyber-Mobbing, klassische PR-Krisen im Netz, Web-Kampagnen oder sämtliche Arten des Online-Aktivismus werden zunehmend in einen großen Topf geschmissen und als Shitstorm deklariert. Folglich erleben wir dessen verstärkte Thematisierung und eine damit einhergehende erhöhte Wahrnehmung in der allgemeinen Öffentlichkeit. Das verführt diese im Endeffekt zu der irrtümlichen Ansicht, Shitstorms würden sowohl in ihrer Anzahl und ihrem Ausmaß zunehmen.

Was genau untersuchen Sie?

Die Dissertation ist eine Grundlagenarbeit. In 23 Kategorien setze ich mich mithilfe eines Methodenmix aus quantitativer und vor allem qualitativer Inhaltsanalyse unter anderem mit grundlegenden Fragen zu den beteiligten Plattformen, dem Verlauf, den Themen, Akteuren, Reaktionen des Adressaten oder den Folgen auseinander.
Dabei konzentriere ich mich gar nicht auf die Bezeichnung 'Shitstorm'. Dann wäre meine Arbeit eine linguistische Abhandlung über englischsprachige Literatur, Sascha Lobos Rolle in der Prägung und Verbreitung des Wortes und damit nach spätestens drei Seiten zu Ende.
Ich interessiere mich für das Phänomen hinter dem Begriff – jenen kritischen Meinungs- und Beitragswellen, die den Adressaten an den sogenannten 'digitalen Pranger' stellen. Es geht um digitale Öffentlichkeit, die neue Macht der User, die Risiken und Chancen von Social Media vor allem für die Unternehmen oder das Krisenpotential des Internets allgemein.
Genau diese Vielschichtigkeit reizt mich bis heute an meiner Doktorarbeit und stellt wohl deren größte Herausforderung dar. Daher bin ich überzeugt, dass meine Ausführungen auch dann noch Relevanz haben werden, wenn keiner mehr den Begriff 'Shitstorm' nutzt.
Ich konzentriere mich jedoch ausschließlich auf Unternehmen. Private Adressaten hätten den Rahmen der Arbeit gesprengt. Grundsätzlich weisen meine Ergebnisse allerdings viele Schnittstellen von Shitstorms gegen Privatpersonen auf.

Haben Sie schon erste Ergebnisse, gibt es etwa verschiedene Shitstorm-Typen?

Gerade systematisiere ich über 100 Seiten Auswertung. Die Handlungsempfehlungen für die Unternehmen sind da noch gar nicht dabei. Finale Aussagen kann ich jetzt noch nicht treffen. Die Untersuchungen weisen aber auf ein grundlegendes Charakteristikum des Shitstorms, nämlich dessen Komplexität hin. So sind Shitstorms weit mehr als ein paar Kommentare, Likes und Shares auf Facebook. Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen sind da schwierig. So gibt es nicht DEN einen Shitstorm und auch nicht DIE einzig richtige Reaktion dagegen.
Aber es gibt dennoch einige grundlegende 'Shitstorm-Typen', die sich zum Beispiel hinsichtlich der beteiligten Plattformen, der involvierten Themen oder Akteure differenzieren lassen. Einige Fälle konzentrieren sich auf wenige bis sogar nahezu eine einzige Plattform. Wieder andere streuen stark über mehrere Social-Media-Kanäle. Meine Unterscheidung zwischen externen Plattformen und Plattformen der Unternehmensebene erlaubt auch die Einteilung nach Typen, die sich primär außerhalb der Plattformen des Adressaten abspielen und denen, die vor allem seine eigenen Social-Media-Präsenzen betreffen.

Das Wort Shitstorm ist ja sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn Sie eine ganze Dissertation damit füllen, haben Sie doch sicher gute Synonyme dafür gefunden, oder?

Ich könnte mich am englischen Sprachraum orientieren, der ist voller Alternativen zum Begriff 'Shitstorm'. Aber da es immer noch eine deutschsprachige Arbeit ist, nutze ich unter anderem Bezeichnungen wie 'Empörungswelle', 'Proteststurm', 'Kritikflut', 'massenhafte Empörung', oder einfach nur 'Empörung'. Im richtigen Kontext reicht das oftmals aus.



Franziska Mozart
Autor: Franziska Mozart

arbeitet als freie Journalistin für die W&V. Sie hat hier angefangen im Digital-Ressort, als es so etwas noch gab, weil Digital eigenständig gedacht wurde. Heute, wo irgendwie jedes Thema eine digitale Komponente hat, interessiert sie sich für neue Technologien und wie diese in ein Gesamtkonzept passen.