Youtube-Videos: Männerwelten bringt deutlich mehr Views

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Via Hashtag-Challenge Bewusstsein schaffen

Auch auf der Social-Media-Plattform Tiktok gab es eine Aktion zum Thema, die allerdings kaum Berichterstattung erhielt und auch zu keiner größeren Debatte in Deutschland geführt hat: Beim Denim Day, der jedes Jahr an einem Mittwoch im April stattfindet, werden Menschen aufgefordert, Jeans (Denim) zu tragen, um auf Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe aufmerksam zu machen.

Die auf Tiktok teilnehmenden Mädchen, Frauen, Jungen und Männer hielten dabei meist das Kleidungsstück in die Kamera, das sie während des Übergriffs getragen haben. Andere bemalten sich mit Farbe und erzählten allein und der der Kamera ihre Version der Geschichte, wobei die Botschaft eher eine positive ist: Du hast mich nicht kaputt gemacht, sondern stärker. Ich bin nicht das, was an dem Tag passierte. "I am not a victim, but a survivor." Sie tanzen, weinen und lachen in die Kamera zum Song "It's Time" der Imagine Dragons.

Denim Day auf Tiktok: Kleidung ist kein Vergewalktigungsgrund!

Denim Day auf Tiktok: Kleidung ist kein Vergewaltigungsgrund!

Im Rahmen dieser Challenge öffnen sich junge Menschen zum schlimmsten, persönlichsten und traurigerweise prägendsten Erlebnis in ihrem Leben. Unter dem Hashtag #denimday wurden bereits über 120 Millionen Views generiert. Sicherlich kann man auch hier kritisieren, dass es deutlich besser wäre, sich einem Therapeuten gegenüber zu öffnen. Aber in jedem Fall ist die Teilnahme an dieser Challenge besser als Schweigen. Viele Opfer sexueller Gewalt fühlen sich schuldig oder schämen sich – diese Ängste und Sorgen werden durch die Partizipation Gleichgesinnter genommen. 

Denim Day auf Tiktok: Kleidung ist kein Vergewaltigungsgrund!

Denim Day auf Tiktok: Kleidung ist kein Vergewaltigungsgrund!

Das steckt hinter dem Denim Day

Die Geschichte des Denim Day beginnt in Italien im Jahr 1992, als ein 18-jähriges Mädchen von einem 45-jährigen Fahrlehrer vergewaltigt wurde, der sie zu ihrer allerersten Fahrstunde mitnahm. Der Täter wird wegen Vergewaltigung verurteilt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Jahre später legt er Berufung ein und behauptet, sie hätten einvernehmlichen Sex gehabt.

Der Oberste Gerichtshof Italiens hob die Verurteilung tatsächlich auf, und der Täter wurde freigelassen. Als Erklärung diente die Kleidung des Opfers: Aufgrund der Tatsache, dass es enge Jeans trug, musste es dem Täter geholfen haben, diese auszuziehen. Somit handele es sich nicht um eine Vergewaltigung, sondern um einvernehmlichen Sex. Dies wurde in ganz Italien als das "Jeans-Alibi" bekannt.

Denim Day: Jeans als Statement gegen sexuelle Gewalt

Denim Day: Jeans als Statement gegen sexuelle Gewalt

Wütend über das Urteil starteten die Frauen im italienischen Parlament einen Protest in Jeans auf den Stufen des Obersten Gerichtshofs. Dieser Protest wurde von den internationalen Medien aufgegriffen und inspirierte den kalifornischen Senat und die kalifornische Versammlung, auf den Stufen des Kapitols in Sacramento dasselbe zu tun. Patti Occhiuzzo Giggans, Exekutivdirektorin von Peace Over Violence, sah dies in den Medien und meinte, jeder sollte Jeans tragen, um gegen all die Mythen zu protestieren, warum Frauen und Mädchen vergewaltigt werden. Der Denim Day war geboren. Die erste Veranstaltung zum Denim Day in LA fand im April 1999 statt und wird seither jährlich fortgesetzt. 

Als die am längsten laufende Kampagne zur Prävention und Aufklärung über sexuelle Gewalt in der Geschichte fordert der Denim Day Gemeindemitglieder, gewählte Amtsträger, Unternehmen und Studenten auf, an diesem Tag mit ihrer Kleidung ein soziales Statement abzugeben, indem sie Jeans tragen, als sichtbares Mittel des Protests gegen die Missverständnisse, die sexuelle Gewalt umgeben.

Die Rolle der sozialen Medien

Bewegungen wie diese sind heute ohne soziale Medien nicht denkbar. Soziale Medien verstärken die Sichtbarkeit des Themas und rufen zur Interaktion auf. Der Beitrag von Joko & Klaas hätte durchaus auch viel Reichweite generieren können, wäre er nur im TV zu sehen gewesen – aber es ist zu vermuten, dass der Einfluss geringer und vor allem die Diskussion wesentlich schwächer gewesen wäre, wenn das Thema nur analog behandelt worden wäre.

Besonders in dieser Zeit, in der viele Menschen über Monate hinweg auf die eigenen vier Wände beschränkt waren, sind soziale Medien viel mehr als ein Zeitvertreib wie TV-Konsum oder Netflix-Bingewatching. Im Vergleich zu anderen Medien bieten sie Möglichkeiten der Kommunikation und Nähe. Diese Interaktion ist ein Nährboden für Viralität und auch der Grund, warum sich positive Ideen und Konzepte, wie die in diesem Artikel behandelten, schneller verbreiten und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern werden.

Diese Entwicklung ist irreversibel und wir stehen erst am Anfang. Die berühmte Aussage Angela Merkels, dass "das Internet für uns alle Neuland ist", ist keine sieben Jahre alt. Wir sollten uns also nicht die Frage stellen, ob oder wie gut das ist, sondern wie wir damit umgehen und dafür sorgen, dass dieses Neuland ein positiver Ort wird und bleibt.

Adil Sbai lebt in Wien und ist CEO und Co-Founder der OnlinePunks GmbH, die das Influencer Marketing von Unternehmen und Agenturen mit ihrer selbst entwickelten Suchmaschine InfluData unterstützt. Diese bietet Zugang zu Analysen und Kontaktdaten von weltweit sieben Millionen Influencern. 



Autor: W&V Leserautor

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