Minuspunkte sammelt kaercher.de auch in Sachen mobile Umsetzung. Funktionen, die am Desktop funktionieren, sind ohne Anpassungen in die mobile Variante übernommen. Resultat: Unschöne Ergebnisse bei der Smartphone-Nutzung in Sachen UX. Beispielsweise überlagern Hover-Effekte, welche nach dem ersten Tap erscheinen, andere Elemente. Teilweise ist ein zweifach-Tap auf die Linkkachel notwendig, um weiter navigieren zu können, da zunächst ein Hover-Status erscheint.

Tooltips erschweren die Bedienung in der mobilen Ansicht. Quelle: www.kaercher.de

Versucht man mittels Schieberegler zu interagieren, verschiebt sich der komplette Screen. Zudem ist ein weiterscrollen an manchen Stellen nicht möglich, da das komplette Sichtfeld von einem interaktiven Bild gefüllt ist, welches nicht auf Wischgesten reagiert.

Weiter geht’s zum Online Shop: Die Bestellung von Produkten auf kaercher.de erfolgt in vier transparenten Schritten. Der potenzielle Käufer weiß dadurch immer, wo er sich im Kaufprozess befindet. User, die im myKärcher-Bereich eingeloggt sind, sparen sich die Registrierung vor dem Kauf. Verwirrend empfinden wir die zweimalige Abmeldemöglichkeit, bereits am Anfang des Kaufprozesses, die regelrecht zum Abbruch der Transaktion animiert.

Positiv bewerten wir die Gestaltung der Formulare. Diese sind meist übersichtlich aufgebaut und der User erhält Hilfestellungen bei der Eingabe. So werden beispielsweise fehlerhafte Eingaben direkt im betroffenen Feld angezeigt und erläutert. Nicht optimal ist, dass hin und wieder Fehlermeldungen angezeigt werden, obwohl noch keine Eingabe getätigt wurde. Verbesserungswürdig empfinden wir die Variante der Auswahl via Drop-Down: Hier sollte über den Einsatz eines Radiobuttons, welcher eine schnellere und einfachere Eingabe ermöglicht, nachgedacht werden.

Verwirrung stiften diverse Auswahlboxen, die in Situationen auftauchten, in denen der User üblicherweise nicht damit rechnet. Beispielsweise erscheint das Aufforderungsfeld "Ich möchte den Kärcher Newsletter abonnieren" nach dem Klick auf "Newsletter abonnieren".

Formulare auf www.kaercher.de: Sofortige Fehlermeldung und Erläuterung bei Falscheingabe. Quelle: www.kaercher.de

Formulare auf www.kaercher.de: Sofortige Fehlermeldung und Erläuterung bei Falscheingabe. Quelle: www.kaercher.de

 

Kärcher bietet dem Nutzer auf seiner Website ein Mega Menü, welches mit verschiedensten Kacheln und Produktbildern gefüllt ist. Diese Bildnavigation macht es allerdings schwer gesuchte Produkte auf Anhieb zu finden. Bilder ähneln sich teils sehr und das Lesen der Produktnamen wird durch die Kachelanordnung erschwert.

Sehr gut erscheint die Anordnung und Auffindbarkeit der Informationen: vier Navigationsebenen sind nicht zu komplex, sondern übersichtlich und User-freundlich. In wenigen Fällen, beispielsweise bei den Services, wird es sechs Ebenen tief. Durch die Breadcrumb-Navigation findet der User dennoch leicht zurück.

Die Content Navigation auf Unterseiten eignet sich, um auf den Produktseiten zu navigieren. Verhältnismäßig lange Ladezeiten und, erneut, die mobile Navigation dämpfen die Freude. Innerhalb des Ausklapp-Menüs ist es zudem nicht möglich die zweite Navigationsebene einzusehen. Der Smartphone-User muss zunächst auf einen Punkt der ersten Ebene klicken, um sich dann umständlich durch die Bildkacheln zu scrollen, um ans Ziel zu kommen.

Informativ und viele multimediale Inhalte

Vorbildliche 4,3 von möglichen fünf Punkten vergeben wir für die Qualität der Texte und die gewählten Medien auf kaercher.de. Die Website bietet hochwertigen und relevanten Content in ausreichendem Umfang: Von Einsatzbeispielen der Produkte, über Putztipps bis hin zur kulinarischen Reise der Maultasche wird es dem User nicht langweilig. Begleitend zum Text finden sich nahezu immer unterstützende und hochwertige Bilder, Illustrationen, Infografiken und sogar 360°-Bilder, welche die Seite lebendig wirken lassen und ein "Magazin-Leseerlebnis" ermöglichen. Einziger Kritikpunkt: Elemente sind nicht immer sinnvoll, nur weil sie möglich sind. So ist das Bild, auf dem der schmutzige Boden mittels "Schieberegler-Dampfreiniger" gereinigt werden kann, eine spielerische Komponente, aber nicht wirklich zielführend.

Wenig Mehrwert: Der Raum kann durch einen Schieberegler gesäubert werden. Quelle: www.kaercher.de

Wenig Mehrwert: Der Raum kann durch einen Schieberegler gesäubert werden. Quelle: www.kaercher.de

Geduld ist eine Tugend

Einen Schritt zurück in der Punkteskala in Sachen Utility: Lediglich drei Punkte erhält kaercher.de. Hauptgrund ist die wenig performante Seite (lediglich 34 von 100 möglichen Punkten beim Google Speed Test) in der Mobile-Variante. Immerhin: Ein Spinner informiert den wartenden User über den Ladevorgang. Die Desktopseite hingegen überzeugt mit 91 von 100 Punkten. Auffällig ist, dass an Stellen Ladezeiten nötig waren, wo sie eigentlich nicht zu erwarten waren. Das Resultat ist ein holprig wirkendes Surferlebnis.

Sympathisch, humorvoll und unterstützend fanden wir die 404 Error-Seite. Der User steckt hier nach einem kurzen Schmunzeln nicht in der Sackgasse, sondern landet mit einem einfachen Klick wieder auf der Startseite. Ebenso ist die Möglichkeit gegeben, durch die Suchfunktion weiter nach dem richtigen Ergebnis zu suchen.

 

Schön und sympathisch umgesetzt: Eine 404 Error-Seite im Kontext der Webseite. Quelle: www.kaercher.de

Schön und sympathisch umgesetzt: Eine 404 Error-Seite im Kontext der Webseite. Quelle: www.kaercher.de

Und diese Suche funktioniert. Der User erhält Suchvorschläge, basierend auf den bereits eingegebenen Zeichen und findet eine übersichtliche Suchergebnisseite. Letztere ist in Tabs untergliedert und die Ergebnisse überzeugen. (Außer beim Suchvorgang "Hauswand säubern", hier lieferte die Suche leider kein Ergebnis.)

Schön umgesetzt ist der Produktberater mittels Filtermöglichkeit in der Sparte der Hochdruckreiniger. Hier kann über Icons und Schieberegler genau definiert werden, welche Anforderungen der Interessent an einen Hochdruckreiniger hat. Die Liste der Produkte passt sich daraufhin an. In der Desktopvariante ist dies überzeugend umgesetzt.

Weniger rund läuft die "Produkte vergleichen"-Funktion: Zwar gibt es bei jedem Produkt eine Checkbox für den Produktvergleich, allerdings öffnet sich nach dem Klick sofort ein unklar formuliertes Pop-up. Möchte der User zwei oder mehrere Produkte vergleichen, muss er den Hinweis schließen oder auf den Button "weiter einkaufen" klicken, um den Vergleich fortzusetzen.

Etwas zu dürftig ausgestattet finden wir den, nur durch einen Login erreichbaren, myKärcher-Bereich. Nicht sinnvoll erscheint, dass sich wichtige Funktionen, wie den Auftrag zur Reparatur oder auch die Bestellübersicht, nur so erreichen lassen. Auch optisch wirkt der Bereich zu clean: Der User findet keine Bilder oder Illustrationen mehr. Ein rein funktionales Design, bestehend aus "unfertig" wirkenden Kacheln, bestimmt das Bild. Die Bereichsnavigation ist unauffällig designet und damit leicht zu übersehen, auch der weiterführende Link in einer der Kacheln ist nur bedingt erkennbar. Auch unschön: Die Hauptnavigation ist auf einmal nicht mehr vorhanden.

Der myKärcher Bereich: zu clean und funktional. Hier hätten wir mehr erwartet. Quelle: www.kaercher.de

Der myKärcher Bereich: zu clean und funktional. Hier hätten wir mehr erwartet. Quelle: www.kaercher.de

Marke und Website im Einklang

4,3 Punkte vergeben wir in der Kategorie Brand Perception. Die Marke Kärcher ist auf der Seite omnipräsent. Die Markenfarbe, das prägnante Gelb, findet sich häufig, aber nie zu aufdringlich. Auch die Bildwelt spiegelt die Marke Kärcher wider. Produktclaims sind gut eingesetzt und die Produktdarstellungen wirken hochwertig und passen zum Image der Marke.

Kärcher schafft auch über die Produkte hinaus eine eigene Kärcher-Welt: Durch die Themeninhalte und Ratgeber erfährt der User ein unverkennbares Markenerlebnis. Kärcher schafft dadurch nicht nur Wiedererkennung und Akzeptanz, sondern auch einen echten Mehrwert für den User. Im Vergleich zu Konkurrenzseiten ist Kärcher hier vorbildlich.

3,7 Punkte beim Joy of Use

Langweilig wird es auf kaercher.de nicht: Verschiedene Filter, interaktive Bilder (siehe Hochdruckreiniger-Schieberegler) oder die 360°-Ansicht der Produkte lassen allerlei Freiheiten zum Ausprobieren. Support erhält der User über eine Chat-Funktion. Zwar wirkt das Chat-Fenster auf Dauer etwas aufdringlich, aber dennoch: Kärcher nimmt den User an die Hand und bietet Support, wann immer es nötig ist.

Auch wenn der Eindruck entstand, dass Funktionen teilweise nach Möglichkeit und nicht nach Sinnhaftigkeit eingesetzt wurden: Kärcher zeigt, dass Innovationsfreude auch auf der Webseite gelebt wird und Dinge auch einfach mal ausprobiert werden können.

Das Fazit

"Sauberes Ergebnis" für Kärcher mit überzeugenden 3,7 Punkten im UX-Check. Dringend nachgebessert werden sollten dennoch die mobile Variante und die Barrierefreiheit der Seite. Auch aus dem cleanen und sehr unpersönlichen myKärcher-Bereich kann deutlich mehr herausgeholt werden. Dennoch, Kärcher präsentiert sich als starke Marke und überzeugt durch multimediale Vielfalt, qualitativ hochwertigem Content und einer funktional gut umgesetzten Desktopvariante.


Über den Autor:

Markus Lucht ist Managing Partner der UDG United Digital Group, eine der führenden Agenturen in Deutschland im Bereich der digitalen Transformation. Der 44-jährige verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in Digitalagenturen und über umfangreiches Wissen in den Bereichen digitale Markenführung, User Experience, strategische Kundenführung und digitale Transformation.

Zur Methodik:

Untersucht wurde im Dezember 2019 die User Experience anhand der fünf Hauptkriterien Usability, Content Quality, Utility, Brand Perception und Joy of Use in jeweils drei Unterkriterien. In den Unterkriterien werden jeweils bis zu fünf Punkte vergeben, deren Mittel dann die Punktzahl des Hauptkriteriums bildet. Deren Durchschnitt wiederum ergibt das Gesamtergebnis von maximal fünf Punkten.

 


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W&V Leserautor

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