Instagram Stories wurde also ins Leben gerufen, weil Systrom und sein Team einige ungeschriebene Regeln umgehen mussten, die die Nutzer von regelmäßigen Posts abhielten. Mit einer Funktion, die sich so stark an der Ungezwungenheit von Snapchat orientiert, können Nutzer laut Systrom "… ihrer Kreativität in diesem neuen Format freien Lauf lassen. Wenn es bei Instagram darum geht, Höhepunkte ins perfekte Licht zu rücken, füllen wir mit diesem Angebot nun die vorhandene Lücke. Alle Augenblicke sollen eingefangen werden, nicht nur die besten."

Doch genau das könnte problematisch werden. Einerseits begegnet Instagram so den sinkenden Zahlen durchschnittlicher Posts pro Nutzer. Doch andererseits könnte die Lösung dieses Problems auf Kosten von dem gehen, was die Attraktivität der Plattform ausmacht. Die Beliebtheit der App gründet darauf, dass man dort schöne, perfekt komponierte Bilder von kreativen professionellen wie auch Hobby-Nutzern findet. Dank zahlreicher Filter kann sich mithilfe dieser App jeder Smartphonebesitzer als Künstler, Fotograf oder Model fühlen – oder dazu werden. Die App inspiriert in besonderem Maße zu künstlerischen Ambitionen.

Stories könnte jedoch der Anfang vom Ende werden, auch wenn es sich nur um ein Feature handelt. Es könnte der Punkt sein, ab dem über Instagram nur noch beständig banale Inhalte verbreitet werden. Die Kernnutzer von Instagram könnten sich daher auf lange Sicht von der Plattform abwenden.

Zu erwähnen ist hierbei, dass es natürlich nicht zum ersten Mal grundlegende Veränderungen an den Funktionen des Produkts gibt. Anfangs hieß die Anwendung Burbn und diente vor allem als Location-Check-In-App. Aber nach längerer Beobachtung des Nutzungsverhaltens bemerkte das Erfinder-Team etwas Interessantes: Es wurde weniger die Check-In-Funktion als vielmehr die Funktion zum Teilen von Fotos genutzt. Daraus entwickelte sich schließlich Instagram, wie wir es heute kennen. So gesehen bleibt man sich bei Instagram durch die jüngste Neuausrichtung treu.

Schließlich sind Nutzer auch wankelmütig, und so werden heute noch beliebte Social-Media-Apps möglicherweise schon wenig später mit Missachtung gestraft und sorgen nur noch für gleichgültiges Achselzucken. So fristet beispielsweise Bebo schon seit langem ein vergessenes Dasein in der Anonymität des Internet. Ein Schicksal, das auch Myspace ereilte, weil das Potenzial der Musikfunktionen der Plattform trotz der Unterstützung von Superstar Justin Timberlake nicht genutzt werden konnte. Sogar die beiden Säulen moderner Social Media bleiben von dieser Entwicklung nicht verschont: Facebook laufen Berichten zufolge die jungen Nutzer davon und der Wachstumsstopp von Twitter löst Panik bei den Investoren aus.

Und viele der neuen Akteure wie Ello und Medium haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine einfache Frage: Ist es besser, sich anzupassen, um möglichst viele Nutzer zu erreichen? Oder sollte man sich lieber darauf konzentrieren, das weiterzuentwickeln, was einen überhaupt erst erfolgreich gemacht hat?

Leider kenne ich auch die Antwort nicht. Wir werden wohl abwarten müssen, wie diese Geschichte ausgeht.

Über den Autor:

Folarin Akinmade unterstützt Serviceplan Middle East in Dubai als Texter. Er studierte am King's College London und arbeitet als Freelancer unter anderem für Red Bull und OMD UK.


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