Wenn wir über den Agenturtellerand blicken, wird auch seit zehn Jahren eine europaweite Quotenregelung (für Aufsichtsräte) der Europäischen Kommission von einigen Ländern (allen voran Deutschland) blockiert, "weil man dann ja nicht mehr die Besten einstellen kann".

Die Non-Profit-Organisation European Women on Boards hat gemessen, dass im Jahr 2021 in 668 börsennotierten europäischen Unternehmen sieben Prozent Frauen als CEO an der Spitze saßen. In Deutschland waren es sogar nur  drei Prozent. Allerdings gab es aufgrund von bindenden Quotenregelungen Fortschritte bei der Besetzung von Aufsichtsräten, wo heute auf europäischer Ebene 35 Prozent Frauen verzeichnet werden (nachzulesen hier). Auch hier sind die Fortschritte schneller und deutlicher in den Ländern, die gesetzliche Quoten eingeführt hatten. Diese Länder gehören auch zu den wirtschaftlich erfolgreicheren Nationen. Der wirtschaftliche Schaden, den Quoten vermeintlich nach sich ziehen, ist daher nicht auszumachen.

Auch wenn eine gesetzliche und bindende Quote für Frauen in Führungspositionen für unsere Branche wohl nie Einzug halten wird, so ist es doch problematisch, sich kategorisch und polemisch dagegen auszusprechen. Seit zehn Jahren kämpfen die Kommission und freiwillige Vereine dafür, unsere Gesellschaft gerecht auszugestalten. Seit zehn Jahren hat sich auf freiwilliger Basis keine Veränderung eingestellt. Seit zehn Jahren scheint es so, als würden sich unter den "Besten" zu 97 Prozent nur Männer finden.

Aus meiner Sicht würden einer Branche, die 2022 mehrheitlich von Männern geführt und von Frauen in den unteren Rängen getragen wird, die von Sexismusvorwürfen gebeutelt und von Mitarbeitermangel gezeichnet ist, ein paar Quotenfrauen nicht schaden. Sich gegen eine Quote auszusprechen, weil man selbst nicht betroffen ist, ist egoistisch oder uninformiert.

Angst vor der Quote sollten tatsächlich nur diejenigen haben, die es sich nicht zutrauen, die begleitenden Maßnahmen, die es für eine Zielerreichung der Quote benötigt, umzusetzen. Der reflexartige Ruf nach "Bestenauslese" ist unter Berücksichtigung der Entwicklungen der letzten zehn Jahre 2022 zynisch. Schließlich hat diese vermeintliche Bestenauslese zu den patriarchalisch geprägten Agenturkulturen geführt, wie wir sie heute noch immer überwiegend vorfinden.


Zur Autorin: Dr. Rosa Kriesche-Küderli ist seit 15 Jahren im Bereich Marketing und Kommunikation tätig. Sie promovierte an der Wirtschaftsuniversität Wien zum Thema "Werbeerfolg" und hatte im Laufe ihrer Karriere unter anderem Stationen bei FCB Wien, OMD Los Angeles und Serviceplan München, aktuell in der Position als Executive Strategy Director. Rosa Kriesche-Küderli ist seit einem Jahr Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Komitees für Forschung und Kommunikation bei der Non-Profit-Organisation European Women on Boards und verantwortet dort die Gender Diversity Index Studie. In ihrem Executive MBA der Berlin School of Creative Leadership forschte Kriesche-Küderli an Genderstereotypen in der Führung und publizierte die Studie "the patriarchy of leadership". 

 


Autor: W&V Gastautor

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