211 Minuten TV am Tag.

211 Minuten TV am Tag.

Während der Corona-Pandemie stieg die Videonutzung in allen Altersgruppen deutlich. Im März 2020 lässt sich die Entwicklung zwischen erster und zweiter Monatshälfte – also vor und während des ersten Lockdowns – eindrucksvoll ablesen. Die TV-Nutzung stieg in der zweiten Märzhälfte um 31 Minuten. Auch kostenlose (+4 Minuten) und kostenpflichtige (+8 Minuten) VOD-Angebote legten deutlich zu. Das liegt an dem in Krisenzeiten besonders ausgeprägten Wunsch nach seriöser Information, aber auch an einem verstärkten Bedürfnis nach Ablenkung und Flucht in "normale", sorgenfreiere Welten. Außerdem verfügten  viele Menschen im Lockdown über mehr freie  Zeit. Das Jahr 2020 war das Jahr des Fernsehens! Der Grund dafür waren aber nicht nur mehr Zeit und Informationsbedarf, sondern auch die spezifischen Funktionen des Mediums.

Fernsehen stellt einerseits eine entspannte, wohltuende Lean-back-Verfassung her, die das gesamte Spektrum zwischen sanfter Berieselung tagsüber und wohltuender Lagerfeueratmosphäre beim abendlichen Live-Event umfasst. Andererseits  liefert das lineare Fernsehen mit seinem Angebot aus Nachrichten, Lokalem, Unterhaltung und Events gerade in der Corona-Zeit eine wichtige Strukturierung des Alltags und gibt den Menschen einen Rahmen und Orientierung. Die gesellschaftliche Bedeutung des Fernsehens zeigt sich in Ausnahmezeiten besonders deutlich, denn es bietet psychologische Entlastung und zugleich seriöse, faktenbasierte Informationen.

Kognitive und emotionale Abkürzung

Interaktive digitale Plattformen bedienen hingegen meist andere Bedürfnisse. YouTube zum Beispiel liefert rasche Lebenshilfe mittels Tutorials und "how-to"-Clips, die den Nutzern eine kognitive Abkürzung anbietet – oder auch eine emotionale Abkürzung, wenn mit kurzen, lustigen Videos schnelle Ablenkung und Entspannung gesucht wird. Netflix schließlich unterstützt in besonderem Maße das Bedürfnis nach Eskapismus und den kompletten Ausstieg aus dem Alltag – zumindest für eine gewisse Weile. Das gelingt natürlich am besten bei einem qualitativ hochwertigen Rezeptionserlebnis, was den hohen Anteil der Pay VOD-Nutzungsdauer auf dem großen Fernsehbildschirm erklärt.

Die psychologischen Prozesse, die die Medienwahl steuern, erklären, warum Videoangebote eine so große Rolle in unserem Alltag spielen, allen voran das lineare Fernsehen, das konkrete und wichtige Funktionen erfüllt: Es gibt Struktur und Orientierung und hilft uns, unseren Gefühlshaushalt auch in außergewöhnlichen Zeiten zu regulieren.

Über den Autor: Gerald Neumüller ist Director Research Seven.One Media. 


Autor: W&V Gastautor

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