Doch hier irrt der bloße Alarmismus, wenn er die dialektische Gegenbewegung ignoriert. Die Geschichte der Medientechnologie lehrt uns, dass jedes Überangebot an Fälschung den Wert des Originals nicht vernichtet, sondern ins Unermessliche steigert. Bots sind, technisch betrachtet, keine neue Erfindung, sondern eine Konstante des Netzes seit den Tagen des IRC-Chats. Was sich ändert, ist lediglich die sprachliche Qualität. Wissenschaftlich betrachtet befinden wir uns in einem klassischen evolutionären Wettrüsten, einem koevolutionären Prozess zwischen Täuschung und Enttarnung. Zu glauben, wir stünden wehrlos vor der Flut, ignoriert die ökonomischen Kräfte: Plattformen, deren Geschäftsmodell auf menschlicher Aufmerksamkeit basiert, haben ein existenzielles Interesse daran, den „Bot-Noise“ zu filtern. Tun sie es nicht, sterben sie – und neue, verifizierte Räume entstehen.

Die Lösung liegt daher nicht in der technokratischen Abwehrschlacht, sondern in einer neuen digitalen Ontologie: dem Labeling. Wir steuern auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft des Netzes zu, und das ist in diesem Fall eine gute Nachricht. Es wird den Bereich des „Synthetischen Äthers“ geben – nützlich für Information, Service und schnelle Prozesse. Und es wird die „Human-Only-Zones“ geben. Das Label „Mensch“ oder „KI“ wird zur entscheidenden Trennlinie des 21. Jahrhunderts. Ähnlich wie wir im Supermarkt lernen mussten, zwischen Analogkäse und echtem Emmentaler zu unterscheiden, werden wir lernen, digitale Inhalte nach ihrem biologischen Ursprung zu klassifizieren.

Der „Proof of Personhood“, der kryptografische Nachweis der Menschlichkeit, wird damit vom technischen Detail zur Eintrittskarte in den relevanten Diskurs. Für das Marketing bedeutet dies eine radikale Abkehr von der Quantität. Die Reichweite, aufgebläht durch Bot-Traffic, wird als Vanity Metric entlarvt. An ihre Stelle tritt die verifizierte Interaktion. Das ist teurer, seltener und mühsamer zu erreichen – aber es ist die einzige Form der Kommunikation, die noch Wertschöpfung verspricht.

Gary Marcus’ Warnung ist wichtig, aber sie ist nur die halbe Wahrheit. Die Bot-Schwärme bedrohen nicht die Kommunikation an sich, sie bedrohen nur die bequeme Illusion, dass alles im Netz für immer kostenlos, anonym und gleichzeitig vertrauenswürdig sein kann. Wir stehen nicht vor dem Ende des Internets, sondern vor seiner Erwachsenwerdung. In Zukunft wird uns das Label „Created by a Human“ vielleicht so exklusiv erscheinen wie heute das Siegel einer Manufaktur. Die KI zwingt uns, das Menschliche wieder als Qualitätsmerkmal zu entdecken. Und das ist, bei allem Lärm, eine tröstliche Aussicht.

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Autor: Max Anzile

Maximilian Anzile ist CEO von Pirates World, einer Agenturgruppe mit inzwischen über 50 Köpfen und noch mehr Ideen. Unter dem Dach segeln die Social Media Pirates (Owned & Content), Black Flag Agency (Media Lab ) und die AI Pirates (KI Transformation & Execution Studio). Parallel baut er mit New Minds ein Beratungs- und Podcast-Format, das C-Level-Transformation und Künstliche Intelligenz nicht trocken, sondern mit Haltung und Popkulturgefühl diskutiert.

Sein Spielfeld: die Schnittmenge von Social Media, Technologie und Kreativität – dort, wo neue Agentur- und Medienmodelle entstehen.

Abseits vom Business: Basketballer mit Trash-Talk-Attitüde, stolzer Familienvater und Italo-Herzblutträger („Espresso vor Deals, Pasta nach Deals“).