RTL Journalistenschule:
"Aufmerksamkeit ist wichtig. Glaubwürdigkeit ist wichtiger"
Social Media, KI und schwindendes Medienvertrauen verändern den Journalismus radikal. Im Rahmen der Screenforce Academy erklärt Simon Hof, Ausbildungsleiter der RTL Journalistenschule, was Nachwuchsjournalist:innen heute wirklich brauchen - und weshalb jeder Klick ohne Glaubwürdigkeit wertlos ist.

Foto: RTL
Herr Hof, was muss ein junger Mensch heute mitbringen, um Journalist:in zu werden ?
Eine gute Journalistin oder ein guter Journalist wird man meines Erachtens nur mit Leidenschaft für den Beruf. Er sollte keine Notlösung sein, sondern Wunsch. Dazu braucht es einen wachen Blick, Neugierde auf die Welt, Interesse an Fakten und Menschen und das Talent, Geschichten zu erzählen. Im Journalismus müssen die dann auch unbedingt wahr sein. Für uns ist darüber hinaus noch wichtig, dass künftige Journalist:innen den unbedingten Willen haben, das eigene Potential zu entdecken und zu entfalten. Sie müssen Lust auf Leistung haben – und Spaß daran.
Welche Fähigkeiten sind inzwischen wichtiger als noch vor zehn Jahren – und welche werden überschätzt?
Was für Journalistenschüler:innen immer wichtiger wird, ist ein funktionierendes Selbstmanagement. Also die persönliche Fähigkeit, sich in einer zunehmend komplexen Umwelt zurechtzufinden, sich zu organisieren und sich darin sogar wohlzufühlen. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, das ist toll! Aber dadurch müssen auch immer mehr Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel: Für welche Zielgruppe möchte ich welches Thema auf welcher Plattform in welcher Länge und mit welchen Elementen umsetzen? Für TV oder Streaming funktioniert das anders als für TikTok. Damit sind wir bei der zweiten, eher fachlichen Fähigkeit: Social-Media-Wissen. Also zum Beispiel: Was funktioniert auf welcher Plattform und welche Mechanismen gibt es? Das brauchte man vor zehn Jahren noch nicht so wie heute.
Sicher ist es heute nicht mehr so relevant, alle möglichen Daten im Kopf zu haben. Man kann alles schnell recherchieren. Ich halte aber ein gewisses Maß an Allgemeinbildung nach wie vor für wichtig. Das zeigt einfach eine gewisse Grundhaltung.
Wo ziehen Sie in der Ausbildung die Grenze zwischen Klick-Logik und journalistischer Verantwortung?
Aufmerksamkeit ist wichtig. Glaubwürdigkeit ist wichtiger. Denn ohne Vertrauen nützt auch der beste Klick nichts. Was wir berichten und erzählen muss zwingend stimmen. Gleichzeitig wollen wir unsere Inhalte so erzählen, dass Menschen sie sehen wollen. Wir halten uns an den Pressekodex und unsere internen journalistischen Leitlinien und vermitteln diese auch unseren Schüler:innen.
Welche Rolle spielen KI-Tools heute an der RTL Journalistenschule – und wo ziehen Sie ganz klar eine Grenze:
Der Anspruch der RTL Journalistenschule – wie auch von RTL Deutschland insgesamt – ist, ganz vorne dabei zu sein und dabei klare Standards zu wahren. Ich selbst nutze KI regelmäßig als Hilfsmittel und erwarte von den Journalistenschüler:innen und auch vom Ausbildungsteam, die besten Tools zu kennen und zu nutzen. Einige davon sind natürlich auch KI-Tools oder solche, die KI-Komponenten enthalten. Wir stehen dazu im regelmäßigen Austausch mit unseren KI-Experten und KI Governance im Haus.
KI ist auch Teil des Seminarplans, beispielsweise in einem Grundlagen-Workshop für den Umgang mit unseren KI-Tools wie dem RTL Chatbot, ChatGPT oder Perplexity, die wir durch Partnerschaften mit den Betreibern im abgesicherten Datenraum nutzen können. In allen Disziplinen, in denen der Einsatz von KI sinnvoll ist, wird der Umgang damit auch vermittelt, also im Recherche-Seminar, im Interview-Seminar oder im Schnitt-Workshop. Und es entstehen auch ganz neue Lerninhalte wie zum Beispiel Storytelling mit Unterstützung von KI.
Die Grenzen haben sich mit dem Aufkommen von generativer KI nicht verändert, es gelten dieselben Prinzipien wie seit jeher im Journalismus: Sagen was ist, bei der Wahrheit bleiben, die Einhaltung des Zwei-Quellen-Prinzips, alle Seiten eines Sachverhaltes beleuchten und verschiedene Meinungen zu Wort kommen lassen. Diese Prinzipien wenden wir auch auf den Einsatz von KI-Tools an. Wir haben bei RTL News einen ganzen Abschnitt in unseren journalistischen Leitlinien, der sich mit dem Umgang mit KI beschäftigt. Darin sind klare Leitplanken festgelegt, wie wir KI verantwortungsvoll nutzen und auch, in welchen Fällen wir ihren Einsatz ausschließen, etwa für Visualisierungen von „hard“ News. Das wird an der Schule vermittelt.
Wie bereiten Sie Nachwuchsjournalist:innen auf Hate Speech, Druck und digitale Empörungskultur vor?
Die Themen Hate Speech und digitale Empörungskultur sind Teil unseres Social-Media-Seminars, das ein Grundpfeiler der Ausbildung ist. Wir haben außerdem ein zweitätiges Seminar mit dem Namen „Journalistischer Umgang mit sensiblen Themen und traumatisierten Menschen“. Um die Schüler:innen persönlich abzuholen und im Zweifelsfall zu unterstützen, wenn sie selbst Opfer von Hate Speech werden, haben wir drei zertifizierte systemische Coaches am Bord der Schule, die ganz individuell und persönlich unsere Schüler:innen unterstützen.
Welche Fehlentwicklung im Journalismus bereiten Ihnen persönlich am meisten Sorge?
Durch Social Media hat sich in den letzten 15 Jahren in der Gesellschaft etwas Grundlegendes verschoben. Früher prägten vor allem journalistische Gatekeeper den öffentlichen Informationsraum – also Redaktionen, die geprüft, eingeordnet und Verantwortung übernommen haben. Heute kann im Prinzip jeder senden, posten, Reichweite aufbauen und sich dabei Journalist nennen, ohne sich an journalistische Standards zu halten. Das hat gute Seiten, keine Frage. Aber es hat auch dazu geführt, dass sich faktenbasierte und sauber recherchierte Berichterstattung mit unwahrer Propaganda um Aufmerksamkeit duellieren muss. Neben wirklich guten Influencern gibt es eben auch viele, die Unsinn erzählen – bewusst oder einfach, weil sie es nicht besser wissen. Und der Algorithmus belohnt oft nicht die Verlässlichen, sondern die Lautesten und Extremsten.
Dazu kommt KI: Für viele junge Menschen ist das schon jetzt eine ganz selbstverständliche Informationsquelle – obwohl diese Systeme Fehler machen und Dinge erfinden können. Wenn ich sehe, wie sich einige Freunde meiner eigenen Kinder informieren, finde ich das ehrlich gesagt beunruhigend.
Was mir fehlt, ist Verantwortung auf Seiten der Plattformen. Sie profitieren massiv von Reichweite und Aufmerksamkeit, ziehen sich aber aus der Verantwortung. Die Regulierung, die wir als klassische Medien teilweise haben, wäre dort zumindest in Teilen auch angebracht – genauso wie eine faire Besteuerung.
RTL Deutschland ist Partner der Initiative „Projekt Zuversicht“, die vom reingold salon, Initiative18 und #UseTheNews ins Leben gerufen wurde. Herzstück ist eine großangelegte Studie, die offenbart hat, dass viele Menschen das Vertrauen in Medien und Institutionen verloren haben – und wie man dieses Vertrauen zurück gewinnen kann. Lokaljournalismus spielt dabei eine zentrale Rolle. In Phase 2 der Initiative geht es nun darum, aus den Ergebnissen der Studie heraus ins Handeln zu kommen. Drei Ideathons mit jeweils rund 70 jungen Talenten fanden zuletzt statt, einer davon im Bereich „Medien & Journalismus“. Sie waren dabei, Herr Hof. Gab es Projekte, die Sie direkt angesprochen haben und die das Potenzial haben, bundesweit zu reüssieren?
Ja, absolut. Ein Projekt, das mir besonders im Kopf geblieben ist, hieß „ÜberBrücke“. Die Idee ist im Kern simpel, aber sehr stark: Zwei Menschen aus unterschiedlichen Generationen bringen ihre Perspektiven zusammen – nicht im Streit, sondern im echten Dialog auf Augenhöhe. Was mich daran überzeugt hat, ist der Ansatz, nicht noch mehr Polarisierung zu produzieren, sondern bewusst Räume für Verständnis zu schaffen. Gerade weil wir im Moment sehen, wie stark sich Menschen in Meinungsblasen bewegen, ist das ein extrem relevanter Gegenentwurf. Das Format funktioniert über persönliche Begegnung, über Geschichten, über das, was Menschen verbindet und nicht nur über das, was sie trennt. Genau das kann Vertrauen zurückholen: Wenn ich den anderen wieder als Menschen sehe und nicht als Position. Und das hat aus meiner Sicht echtes Skalierungspotenzial. Weil es sich relativ einfach in unterschiedliche Kontexte übertragen lässt – lokaljournalistisch genauso wie auf größeren Plattformen. Themen gibt es genug, von Politik bis Alltag, und der Zugang ist niedrigschwellig. Für mich war das ein gutes Beispiel dafür, wie junge Talente sehr klar verstanden haben, wo das Problem liegt und gleichzeitig Lösungen entwickeln, die nicht belehren, sondern verbinden.
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