Menschen ohne Lobby :
Akademisches Proletariat: Plädoyer eines Betroffenen

Finden benachteiligte Gruppen in der Öffentlichkeit zu wenig Gehör? Ja, findet Udo Schäfer aus Stuttgart. Und wendet sich in einem Gastbeitrag an Jung von Matt.

Text: W&V Redaktion

Udo Schäfer würde gesellschaftlichen Gruppen ohne Lobby gerne mehr Gehör verschaffen.
Udo Schäfer würde gesellschaftlichen Gruppen ohne Lobby gerne mehr Gehör verschaffen.

Trotz bester Ausbildung kennt Udo Schäfer seit 20 Jahren nur befristete Jobs. Er zählt sich zu den "starken Verlierern" und fordert, dass diese gesellschaftliche Gruppe endlich mehr Gehör findet. Er hätte da einen Vorschlag an Jung von Matt.

Von Udo Schäfer

Ich bin Jahrgang 1961. Gelernter Versicherungskaufmann. Ziemlich spät habe ich mich noch für ein Studium entschieden: Hauptfach Politikwissenschaft, Nebenfächer BWL und Mathematik. Dieses Studium habe ich 1996 mit einem Magister Artium abgeschlossen.

Nach dem Studium war es für mich sehr schwer, beruflich Fuß zu fassen. Nach einer Reihe kleinerer Tätigkeiten bekam ich irgendwann bei Mann + Hummel in Ludwigsburg eine Chance. Weltmarktführer im Bereich Filtration. Nach einem Weiterbildungspraktikum erhielt ich dort eine befristete Verlängerung als Programmierer in der Anwendungsentwicklung.

Dann zeigte der Ingenieurdienstleister Kontec Interesse. Dort arbeitete ich als Anwendungsentwickler und Projektassistent. Doch gerade im Bereich Automotive ist es schwer, sich als fachfremder Quereinsteiger auf Dauer zu behaupten.

Dann erhielt ich ein Angebot aus der Politik und begann als Referent für einen CDU-Politiker im baden-württembergischen Landtag zu arbeiten. Daneben war ich freiberuflicher Dozent an einer Privatschule. Meine bislang letzte Station war das Lernzentrum Hallschlag, wo ich Schülern und jungen Erwachsenen half, ihre Lernziele zu erreichen.

Man will sich nur mit Menschen auseinandersetzen, die man selbst ausgewählt hat

Als persönlich Betroffener bin ich vielleicht besonders sensitiv. Aber mein Eindruck ist, dass die Social-Bee-Kampagne von Jung von Matt benachteiligte soziale Gruppen völlig unnötig gegeneinander ausspielt. Viele Meinungsmacher und Einflussnehmer wollen sich nur mit Menschen auseinandersetzen, die sie selbst ausgewählt und für einen in sich abgeschotteten Binnendiskurs zugelassen haben. Bei dieser Art der Einflussnahme wird jede politische Verantwortung für die Behandlung eines solchen Themas und die daraus resultierenden Folgen abgelehnt. "Wir machen nur Werbung", heißt es dann stets. Spontan konnte ich mich nicht daran erinnern, dass Langzeitarbeitslosen, prekär Beschäftigten und ausgenutzten Kleinselbstständigen von den etablierten Meinungsmachern so viel Aufmerksamkeit und Förderung zuteilwurde.

Das wird nicht dadurch besser, dass Jung von Matt für die CDU mit dem Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" in den letzten Bundestagswahlkampf gezogen ist. Denken Sie mal über den Geltungsbereich dieses "wir" nach. Im "Spiegel" hat Jung von Matt-Vorstand Thomas Strerath ja schon einige Fehler dazu eingeräumt.

Mein Vorschlag wäre, dass sich Jung von Matt und der Außenwerber Ströer auch mal über eine Kampagne für Langzeitarbeitslose, prekär Beschäftigte und Kleinselbstständige Gedanken machen. Ich bin gerne bereit, eine solche Kampagne mit eigenen Beiträgen zu unterstützen. Denn ohne eine Präsenz in den wichtigen Medien dringen diese berechtigte Anliegen nicht durch: "Damit wir alle in Deutschland gut leben können".

Dazu schlage ich die Gründung eines Startups vor, das sich den von mir genannten Zielgruppen widmet. Ein geeigneter Standort wäre Mannheim. Eine Stadt, in der die von mir beschriebenen Konflikte und Widersprüche schnell sichtbar werden, aber deren Bewohner damit konstruktiv umgehen. Die betroffenen Menschen in Mannheim haben eine solche Zuwendung schon lange verdient. Strerath hätte dadurch Gelegenheit, die wirklichen Ursachen des Scheiterns der Bundestagswahlkampagne von Jung von Matt besser zu verstehen.


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W&V Redaktion
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