2. Marken mit Strahlkraft werden im Konkurrenzkampf stärker

Es stimmt, dass die Chinesen stolz auf ihre Kultur und ihre Nation sind und sich das im Einkaufsverhalten niederschlägt. Natürlich ist Huawei ihnen näher als Samsung oder Apple. Trotzdem faszinieren globale Marken in Peking und Shanghai genauso wie in Paris oder Berlin. Es liegt in ihrer DNA: Starke Marken werden im Konkurrenzkampf nicht schwächer, sondern stärker. Solange sie unverwechselbar bleiben, Mehrwert bieten und gut geführt werden, respektiert man sie. Chinesische Kunden haben dafür sehr feine Antennen.

3. In manchen Segmenten gibt es keine Alternativen

Dazu gehören der Markt für Sportartikel und das Luxussegment, das trotz aller disruptiven Energie und trotz gigantischer Geldmengen, die China investiert, vermutlich noch zehn bis 20 Jahre brauchen wird, um auf europäisches Niveau zu kommen. Dennoch sollte sich bei uns niemand in dieser Komfortzone ausruhen und sich zu stark auf das Image der eigenen Traditionsmarke verlassen.

China will jeden Tag besser werden und erwartet diesen Ehrgeiz auch von ausländischen Partnern. Dazu gehört nicht nur das herausragende Markenerlebnis, sondern auch Sensibilität in der Kommunikation. Wer das hinbekommt, wird auch in Zukunft im Reich der Mitte gute Geschäfte machen.

4. Chinas Tempo ist atemberaubend – aber Schockstarre bringt uns nicht weiter

Legendär ist etwa die chinesische Verkehrstechnologie: Von Shanghai nach Peking dauert es mit dem Zug viereinhalb Stunden. In den USA braucht die Eisenbahn zwischen New York und Chicago für etwa die gleiche Strecke 19 Stunden. Auch im klassischen Einzelhandel ist die Entwicklungsgeschwindigkeit der Chinesen beachtlich. Hier können wir noch viel lernen, aber ohne dabei in Ehrfurcht zu erstarren. Besser sollten wir selbstbewusst unsere Tugenden herausstellen, für die wir in China geschätzt werden: Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit, Kreativität und Verständnis für komplexe Prozesse.

Fazit: China und Europa können viel voneinander lernen

Nach 15 Jahren Agenturgeschäft in China habe ich das Land zumindest einigermaßen kennengelernt und seine Entwicklung immer aufmerksam, fasziniert und neugierig verfolgt. Ich bin überzeugt, dass Europa und China noch viel voneinander lernen können. Über einige Dinge werden wir uns vielleicht nie einig werden, und unser Verständnis von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Privatsphäre mag nicht zueinander passen. Aber wir sind Teil ein und derselben globalen Wirtschaft und Wissenschaftsgesellschaft.

Darum wünsche ich mir ein anderes und besseres China-Gefühl in Deutschland. Eines, das schon immer Grundlage für Fortschritt und Innovation war: Neugier statt Angst. Denn ich empfinde China als Herausforderung und nicht als Bedrohung. Wenn wir lernen, die Chinesen besser zu verstehen, dann müssen wir China nicht fürchten.

Martin Schnaack, Avantgarde

Martin Schnaack, Avantgarde

Martin Schnaack ist Gründer und CEO von Avantgarde. Die Agenturgruppe, die sich auf Brand Experience spezialisiert hat und Marken strategisch berät, hat ihren Hauptsitz in München und beschäftigt rund 700 Mitarbeiter in sieben Ländern, darunter in den USA und in China. Auf der Kundenliste stehen Marken wie Mercedes, Porsche, BMW, Lufthansa und Samsung.


Autor:

W&V Leserautor

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Einen davon haben Sie gerade gelesen.