Interview :
Thomas Strerath über die Arbeitskultur bei Jung von Matt

Freiraum führt zu Kreativität? Nein, sagt Jung-von-Matt-Chef Thomas Strerath, der auch nichts von Teamarbeit hält. In einem Interview spricht er erstaunlich offen über die Kultur bei Jung von Matt. Ob das viel mit der Zukunft der Werbebranche zu tun hat? Lesen Sie selbst. Und lesen Sie am besten zwei Mal.

Text: Daniela Strasser

Das "Effie-Gate" ist gerade abgeschlossen, aus juristischer Sicht zumindest. Am Wochenende hat Jung-von-Matt-Vorstand Thomas Strerath mit neuen Thesen für Aufruhr gesorgt – in Form eines Interviews, das er der Managementberatung Detecon gegeben hat. Strerath spricht darin über die Arbeitskultur bei Jung von Matt. Mit einem angenehmen und harmonischen Betriebsklima hat dies offenbar wenig zu tun.

Hier Streraths wichtigste Aussagen zum Nachlesen:

"Viele glauben, Kreativität sei ein Geistesblitz. Das stimmt natürlich nicht. Genauso ist es falsch zu denken, dass alleine Freiraum in die Kreativität führt. Je enger und klarer die Leitplanken sind, desto kreativer sind die Leute."

Bei Jung von Matt respektiere man nur den, "der selbst hervorragend arbeitet". Er habe "einen Mitarbeiter im administrativen Bereich" entlassen müssen, dem immer wieder Fehler unterlaufen seien. "Bei uns muss es überall erstklassig sein."

Strerath äußert sich auch zur eigenen Rolle:

"Auch mich respektiert hier keiner in irgendeinem Meeting, nur weil ich Chef, Vorstand oder Mitinhaber bin oder mehrfach Agenturmann des Jahres war. Man muss hier inhaltlich liefern. Das steckt sehr tief in der DNA dieser Agentur."

Training sei alles, sagt Strerath. "Deshalb gibt es erst Mal überhaupt keinen Freiraum, um Ideen zu äußern (...). Die Junioren sitzen da, um die Ideen, die andere hatten, zu wiederholen." Eine altmodische Auffassung, das immerhin räumt er ein. Von dem Interview existieren zwei Fassungen. Die erste, so sagt es jedenfalls Strerath, sei nicht mit ihm abgestimmt gewesen, daher habe er nachjustieren lassen. So ergänzt er in der jetzigen Version, dass "Junioren natürlich auch eigene Ideen haben dürfen".

Zur Generation Y hat Strerath deutliche Ansichten:

"Früher hatten Eltern viele Kinder. Heute haben Kinder viele Eltern. Sie sind Einzelkind in einer Patchwork-Familie und haben vier Eltern mit schlechtem Gewissen, die ihnen selbst beim Purzelbaum zujubeln. Diese Menschen haben das Gefühl, dass sie privilegiert sind. Natürlich bekommen wir in der Ausbildung mit, dass mal jemand meint, alle hätten nur darauf gewartet, dass er sein Video präsentiert. Aber das passt nicht zu uns."

In der Vorversion hatte noch gestanden, auch wer gleich über seine Work-Life-Balance sprechen wolle, der sei falsch bei Jung von Matt. Nun sagt Strerath: "Ich hoffe schon, dass die Mitarbeiter eine Work-Life-Balance haben und die Agentur hat auch die Verpflichtung, dies zu ermöglichen. Aber manchmal bekommt man das Gefühl, dass die neue Generation von ihrem Arbeitgeber mehr erwartet, als man selbst zu leisten bereit ist."

Einen weiteren Grund, weshalb der Werbebranche Attraktivität abhanden kommt, wähnt er beim Kunden.

"Wir stellen fest, dass eine gewisse Unentschiedenheit in Konzernen zunimmt. Karrieren im Großkonzern entstehen vor allem durch Fehlervermeidung. Man macht dort Karriere, weil man nie einen Fehler gemacht hat. Man macht aber nicht Karriere, weil man etwas besonders richtig gemacht hat. Wir sehen immer mehr Entscheider, die sich nicht trauen, die Sachen, die wir ihnen vorstellen, zu realisieren."

Strerath verweist auf Edeka und #Heimkommen. "Wenn wir also solche Leuchttürme nicht mehr haben, kriegen wir keine guten Mitarbeiter. Entsprechend hart müssen wir von unseren Kunden verlangen, dass sie uns zu solchen Leistungen beauftragen."

Der perfekte Arbeitsplatz ist bei Jung von Matt vor allem eines: leer. Strerath: "Ähnlich wie bei anderen kreativen Agenturen ist es hier nicht gewollt, eine zu extreme private Gestaltung des Arbeitsplatzes vorzunehmen."

"Wir sagen: Je freier der Schreibtisch ist, desto klarer sind die Gedanken. Und wir brauchen sehr fokussierte, sehr zugespitzte Gedanken."

In der Vorversion lautete es noch: "Hier ist es den Leuten verboten, eine private Gestaltung des Arbeitsplatzes vorzunehmen (...) Kreatives Chaos existiert hier nicht."

Teamarbeit schätzt man bei Jung von Matt ebenso wenig wie kreatives Chaos: "Wir glauben auch, dass Teamarbeit komplett überschätzt wird." Strerath zitiert David Ogilvy, der Teamarbeit "eine Verschwörung der Mittelmäßigkeit" nennt und weist darauf hin, dass die größten Werbeideen in der Regel von einer einzelnen Person stammten: "Und diese ist nicht unbedingt sozialverträglich."

 "Es gibt Agenturen, die wollen den geringsten Arschloch-Faktor in der Branche haben. Das ist erst einmal wünschenswert. Exzellenz bedingt aber auch kantige und manchmal schwierige Persönlichkeiten, Sie müssen sie nur gut einbinden."

Dass Meetings bei Jung von Matt grundsätzlich im Stehen stattfinden, wusste man schon. Neu ist, wie wenig Strerath grundsätzlich von Meetings hält:

"Ich weiß, dass Konzernmitarbeiter oft von 9 bis 18 Uhr in Meetings sitzen. Da frage ich mich, was in all den Meetings so entsteht: Ein Unternehmen trifft sich mit sich selbst. Was ist der Effekt davon? Wir machen genau das Gegenteil: Wir müssen unsere Leute aus den Meetings heraushalten. Sie sollen den zeitlichen Freiraum haben, an den Sachen intensiv zu arbeiten."

Wer übrigens eine Minute zu spät zum JvM-Meeting erscheint, hat keine Chance mehr, daran teilzunehmen: Die Türen sind dann geschlossen.

Strerath glaubt daran, dass die Kreativen möglichst nicht abgelenkt werden sollen und ihre Ruhe brauchen. Kreative sollten eigentlich alleine sein oder mit einem Partner kleine Gruppen bilden.

"Die normale Arbeitswelt bei unseren Kunden und auch bei vielen Agenturen ist so, dass man 20 Mal unterbrochen wird. Das führt aus unserer Sicht zu einem hohen Qualitätsverlust. Deswegen sagen wir, dass wir gerade die Kreativen davon völlig freihalten müssen. Deswegen eine Denkzelle, keine E-Mails, keine Telefonate, um große Werkteile am Stück bearbeiten zu können."

Strerath ist übrigens Berater, die kreative Federführung der Agentur hat noch immer Mit-Gründer Jean-Remy von Matt inne. "Inspiration ist zu planen", sagt Strerath weiter.

In der ersten Version seines Interviews wählte Strerath deutlich harschere Worte. Unter welchen Umständen das Interview zustande gekommen war und ob es tatsächlich zunächst unabgestimmt veröffentlicht worden war, dazu wollte sich die Unternehmensberatung Detecon auf W&V-Nachfrage nicht äußern. "Wir sagen zu dem Fall nichts mehr", so ein Unternehmenssprecher.


Autor:

Daniela Strasser, W&V
Daniela Strasser

Redakteurin bei W&V. Interessiert sich für alles, was mit Marken, Agenturen, Kreation und deren Entwicklung zu tun hat. Außerdem schreibt sie für die Süddeutsche Zeitung. Neuerdings sorgt sie auch für Audioformate: In ihrem W&V-Podcast "Markenmenschen" spricht sie mit Marketingchefs und Media-Verantwortlichen über deren Karrieren.