Werbeblocker :
Späte Einsicht: Entwickler zieht Adblocker Peace zurück

Wegen moralischer Bedenken zieht ein Entwickler die erfolgreiche Adblocker-App Peace aus dem Apple-Store zurück. Sie sei zu simpel gestrickt und schade zu vielen Angeboten.

Text: Frauke Schobelt

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Eigentlich sollte man annehmen, dass der Entwickler der Adblocker-App Peace die Nächte durchtanzt. Immerhin katapultierte der Start von Apples neuem Betriebssystem iOS 9 den Werbeblocker für mobile Inhalte innerhalb kürzester Zeit in die Top 5 der Verkaufshits. Doch offenbar bereitet der große Erfolg dem Programmierer nun eher Bauchschmerzen: Wie US-Medien schreiben, beschloss er in Absprache mit Anbieter Ghostery die Anwendung zurückzuziehen. Peace ist bereits aus dem App-Store verschwunden.

In einem Blogpost erklärt Entwickler Marco Arment die Gründe für seine Entscheidung: "Obwohl ich 'gewinne', habe ich nichts davon genossen. Deshalb ziehe ich mich aus dem Markt zurück." Der eigene Erfolg und die Auswirkungen auf den Markt waren Arment nicht mehr geheuer: 

Achieving this much success with Peace just doesn’t feel good, which I didn’t anticipate, but probably should have. Ad blockers come with an important asterisk: while they do benefit a ton of people in major ways, they also hurt some, including many who don’t deserve the hit.

Die Anwendung Peace erfordere es, dass jede Werbung gleich behandelt wird, egal aus welcher Quelle. Doch diese Schwarz-Weiß-Denke und "Alles-oder-Nichts"-Haltung würden der Komplexitität des Themas nicht gerecht, so die späte Erkenntnis von Arment. Seine Sorge vor ungewollten Kollateralschäden ist zu groß.

Vergangene Woche hatte Arment in seinem Blog noch vehement gegen mobile Werbung gewettert und Peace beworben - weil damit das Surfen im Web deutlich beschleunigt werde.

Web advertising and behavioral tracking are out of control. They’re unacceptably creepy, bloated, annoying, and insecure, and they’re getting worse at an alarming pace.

Ad and tracker abuse is much worse on mobile: ads are much larger and harder to dismiss, trackers are harder to detect, their JavaScript slows down page-loads and burns battery power, and their bloat wastes tons of cellular data. And ads are increasingly used as vectors for malware, exploits, and fraud.

Publishers won’t solve this problem: they cannot consistently enforce standards of decency and security on the ad networks that they embed in their sites. Just as browsers added pop-up blockers to protect us from that abusive annoyance, new browser-level countermeasures are needed to protect us from today’s web abuses.

And we shouldn’t feel guilty about this. 

Nun fühlt sich Arment aber offenbar doch schuldig und gibt auf Twitter einen "Riesenfehler" zu. Er sei immer noch von der Notwendigkeit von Adblockern überzeugt, um Nutzer vor übermäßiger Werbung zu schützen. Doch in den vergangenen "verrückten" Tagen habe er gelernt, "dass ich mich nicht wohl damit fühle, selber einen solchen Adblocker zu entwickeln und als Schiedsrichter darüber zu entscheiden, was geblockt wird." Um einen positiven Wandel im Werbemarkt herbeizuführen, sei ein komplexerer Ansatz notwendig - mehr als eine simple iOS-App zu leisten vermag. Seine Rolle in diesem "digitalen Krieg" macht Arment auch moralisch zu schaffen:

Ad-blocking is a kind of war — a first-world, low-stakes, both-sides-are-fortunate-to-have-this-kind-of-problem war, but a war nonetheless, with damage hitting both sides. I see war in the Tao Te Ching sense: it should be avoided when possible; when that isn’t possible, war should be entered solemnly, not celebrated.

Andere mögen diese Arbeit fortsetzen, er sei für diese Art Business nicht gemacht, so Arment. "Es ist es einfach nicht wert." Käufer von Peace erhalten ihr Geld zurück. Wer die App weiter nutzen will, erhält keine Updates. Stattdessen empfiehlt der Entwickler Apps der Konkurrenz, wie Purify oder Crystal. Arment selber verweigert Interviews und liest aus Selbstschutz auch erst mal keine Kommentare, wie er auf Twitter schreibt. Stattdessen bastelt er lieber an seiner Podcast-App Overcast - fern von digitalen Kriegsschauplätzen der Werbung. Eines stellt er jedoch klar: Er sei nicht von der Werbewirtschaft gekauft worden. Die wird ihm aber trotzdem sehr dankbar sein


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.



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Anonymous User 22. September 2015

Eine Anzeige hier und da stört mich nicht. Gefühlt nehmen momentan die Störer zu. Laden ewig, kaum weg zu klicken. So etwas setze ich nie ein. Dicht gefolgt von non-skippable in-stream ads auf YouTube einfach die Pest der Onlinewerbung! Bei letzterem rät selbst Google die Channel Betreiber zur sorgfältigen Abwägung (abandon rate vs, CPM revenue).

Es berät irgendwie kaum einer die Kunden sinnvoll in dem Punkt. Und große Marken machen mit. Fererro und Coka Cola habe ich jetzt grad in Erinnerung. Ich liebe Raffaello und Cola sauf ich auch. Trotzdem bin ich jetzt sauer und werde auf Fanta und Kinder-Schokolade wechseln!

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