Interview mit einer Psychologie-Professorin :
Arbeitssucht bei Kreativen: "Hohes Stressniveau wird zelebriert"

Wie viele Überstunden sind noch normal? Wo fängt die Arbeitssucht an? Wie gefährdet sind Kreative? Ein Interview mit der Wirtschaftsprofessorin Ute Rademacher.

Text: Anja Janotta

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Ute Rademacher forscht zu Arbeitssucht.
Ute Rademacher forscht zu Arbeitssucht.

Gerade in vielen freien und kreativen Berufen ist die Grenze zwischen normalem Arbeitspensum und Selbstverleugnung manchmal nicht mehr klar auszumachen. Wo beginnt die Arbeitssucht?  W&V hat dazu Ute Rademacher gefragt. Sie ist Coach und Professorin für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management in Hamburg und hat das Buch veröffentlicht: "Arbeitssucht; Workaholismus erkennen und verhindern".

Frau Rademacher, Agenturen und die Marketingbranche sind ja lange Zeit dafür bekannt, dass Überstunden an der Tagesordnung sind. Wo fängt Ihrer Erfahrung nach die kritische Grenze an?

Arbeitssucht lässt nicht einfach an der numerischen Zahl der Arbeits- und Überstunden festmachen. Viele Studien belegen, dass Arbeitssüchtige zwar regelmäßig Überstunden auf ihrem Arbeitszeitkonto haben, aber Nicht-Arbeitssüchtige eben auch.

Die kritische Grenze wird da überschritten, wo Menschen sich nicht mehr zufrieden und gut fühlen können, ohne zu arbeiten und aktiv zu sein. Wenn man also auch dann noch regelmäßig in der Agentur "hängen bleibt", auch wenn es die Aufträge und Projekte eigentlich nicht erfordern, sollte man stutzig werden.

Gibt es Branchen, in denen die Angestellten eher gefährdet sind, Arbeitssucht zu entwickeln als andere? Sind Kreativarbeiter ganz besonders gefährdet?

Auch wenn es leider wenige verlässliche Studien zur Verbreitung von Arbeitssucht gibt, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass manche Branchen besonders anfällig dafür sind, dass Arbeiten keine Grenzen mehr findet. In medizinischen und therapeutischen Berufen, bei Politikern und Politikerinnen, in Unternehmensvorständen, aber auch im Journalismus identifizieren sich Menschen stark mit ihrem Beruf und sind deswegen stärker von Arbeitssucht gefährdet.

Diese persönliche Identifikation ist auch in der Kreativbranche eine wichtige Motivation. Es lässt sich aber kaum noch bewältigen, wenn ungünstige Rahmenbedingungen hinzukommen. Wenn bei der Arbeit ein hohes Stressniveau fast schon zelebriert wird, in dem ständige Höchstleistungen und hohe Flexibilität bei einem chronischen Mangel an Unterstützung, Lob und Regenerationsphasen gefordert werden.

Wie äußert sich Arbeitssucht?

Zunächst einmal äußert sich Arbeitssucht im Arbeitsverhalten. Arbeitssüchtige geraten immer regelmäßiger in Arbeitsexzesse, bei denen sie sich im Wettlauf mit der Uhr immer höhere und knappere Ziele setzen.

Sie akzeptieren immer engere Deadlines und nehmen mehrere Projekte gleichzeitig an, was Vorgesetzten und Kunden natürlich gefällt, wodurch Arbeitssüchtige weiter bestärkt werden. Sie suchen aktiv nach ständiger Beschäftigung und wehren sich auch nicht selten offen oder auf versteckte Weise, mal etwas kürzer zu treten oder Sachen an andere abzugeben.

Welche Ursachen hat diese Sucht?

Dahinter steckt der innere Drang, hart zu arbeiten, sich nützlich zu machen und alles zu geben. Wenn sie nichts zu tun haben, fühlen sich Arbeitssüchtige nutzlos, nervös oder haben ein schlechtes Gewissen. Arbeitssüchtige ziehen Sachen durch, auch wenn sie ihnen eigentlich keinen Spaß machen.

Die gefährlichen Folgen zeigen sich nicht nur bei der sinkenden Leistung und Motivation, sondern auch bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Von Kopfschmerzen und Schlafstörungen reicht das Spektrum der psychosomatischen Folgen bis hin zu Magengeschwüren, Herzinfarkt und Schlaganfall.        

Warum sollte ein allzu fleißiger Angestellter eigentlich für ein Unternehmen gefährlich sein? Eine Agentur kann doch eigentlich froh sein über jemanden, der freiwillig länger bleibt und die Präsentation zu Ende bringt.

Zum Einen sollte ein Unternehmen daran interessiert sein - und ist gesetzlich dazu verpflichtet - für die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sorgen. Das heißt im Zeitalter von Arbeit 4.0 eben nicht mehr, dass einem beim Arbeiten nichts Schweres auf den Kopf fällt oder die Beleuchtung ausreichend ist, sondern betrifft in starkem Maße die psychische Beanspruchung. Diese ist von außen nicht zu erkennen, was Stressprävention und Schutz vor Arbeitssucht erschweren.

Aber viele Unternehmen - auch in der Kreativbranche - tun einiges dafür, um ihre Mitarbeiter darin zu unterstützen, mit intensiven Arbeitsphasen, schwierigen Projekten oder Kunden auf gesunde Art und Weise umzugehen. Das erlebe ich im Coaching immer wieder. Dennoch müssen Präsentationen natürlich fertig gestellt und neue Kampagnenideen nicht selten von heute auf gestern entwickelt werden. Ohne engagierte Arbeitnehmer ist das nicht zu schaffen.

Arbeitssüchtige jedoch schaden ihrem Unternehmen auf die Dauer meist mehr als sie nutzen. Ihre Konzentrationsfähigkeit und Kreativität lassen nach und sie machen mehr und mehr Fehler. Zudem neigen sie zum Perfektionismus und können schlecht delegieren. Gerade in kreativen Teams kann es eine fatale Wirkung haben kann, wenn jemand anderen wenig zutraut und alles an sich reißt.

Was Chefs und Kollegen bei Arbeitssucht tun können

Wie kann ich als Chef oder Mitarbeiter feststellen, ob mein Kollege gefährdet ist?

Als Kollege oder Kollegin ist man meist näher dran und kann erste Hinweise auf zwanghaftes und exzessives Arbeiten vielleicht besser erkennen als der Vorgesetzte. Aber auch Führungskräfte können hellhörig werden, wenn sie für das Thema Arbeitssucht sensibilisiert wurden.

Arbeitssucht

Was kann ich als Kollege tun – gerade auch, wenn jemand sich hartnäckig wehrt?

Wenn sich jemand hartnäckig sträubt, wird es sehr schwierig  Denn noch wichtiger als bei anderen Süchten ist die sogenannte Krankeneinsicht für die Behandlung von Arbeitssucht. Denn ganz ohne Arbeiten geht es nicht und für den fleißigen Einsatz gibt es ja meist lobende Worte oder den Folgeauftrag vom Kunden, die wegfallen, wenn man sein Arbeitsverhalten ändert. Hier sind das Team und die Führungskräfte gefragt.

Und was kann der Vorgesetzte konkret tun?

Vorgesetzte sind weisungsbefugt, das heißt, sie können von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Einhalten der gesetzlichen Pausenregelungen einfordern. Was heimlich oder zu Hause passiert, ist natürlich eine andere Sache. Manche Unternehmen und Agenturen setzen auch technische Maßnahmen ein, so dass abends und nachts keine Emails versendet werden können.

Als Team gilt es, Arbeitssüchtigen zu zeigen, dass man ihre Arbeitsexzesse missbilligt, und positive Angebote für Veränderungen zu machen: sich als Unterstützung anbieten, Aufgaben abnehmen und Fehler tolerieren, wo sie wirklich keine Bedeutung haben.

Vorbeugen gegen Arbeitssucht

Was kann man präventiv gegen Arbeitssucht machen?

Vor allem sollte man darauf achten, dass einem im Leben noch andere Dinge Spaß machen als die Arbeit und man diesen auch nachgeht. Da es unterschiedliche Typen von Arbeitssüchtigen gibt, können ganz unterschiedliche Dinge helfen.

Für die einen ist es hilfreich, durch Strukturen und klare Grenzen für Freiräume zu sorgen. Wenn man sich mit anderen zum Sport verabredet, schafft man es eher, sich vom Bildschirm loszueisen und auf die Joggingschuhe oder die Yogamatte umzusatteln.

Die anderen können im Coaching lernen, geringere Ansprüche an sich und andere zu stellen und mehr Vertrauen zu entwickeln.

Wieder andere entdecken, dass sie Bestätigung und Erfolg nicht durch den Kick im Job bekommen können, sondern in häufigeren Treffen mit ihren Freunden, Aktivitäten mit ihrer Familie oder der Unterstützung von Hilfsorganisationen. Allerdings muss man auch hier auf das richtige Maß achten und darf sich nicht wieder verausgaben.

In vielen Unternehmen werden gemeinsame Freizeitaktivitäten angeboten, damit sich die Angestellten als Teil einer Firmenfamilie fühlen können – trägt diese Google-und Startup-Mentalität dazu bei, dass die Gefährdung zunimmt?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Viele junge Angestellte legen von sich aus mehr Wert auf eine gute Balance von Freizeit und Privatleben und setzen sich auch konstruktiv und verantwortungsvoll dafür ein. Studien des Kienbaum-Institutes und unserer Hochschule ISM zeigen, dass vielen Menschen der so genannten Generation Y neben Karriere auch ein erfüllendes Privatleben von Bedeutung ist. Ob dies im Alltag des Startup-Lebens gelingt, ist es eine spannende Frage.

Grundsätzlich halte ich es für keine schlechte Sache, gemeinsame Freizeitaktivitäten zu unternehmen, wenn diese dann auch tatsächlich frei von der Arbeit und den Projekten sind. Meiner Erfahrung nach passiert es aber ganz schnell, dass man  - "nur ganz kurz noch…" - eine Frage oder Idee hat oder auf etwas aufmerksam machen möchte, was man sowieso schon in einer Email mitgeteilt hat.

Und wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit durch die gemeinsamen Events völlig verschwimmen, dann wird der Job eben ein Alles, was ein Hinweis auf Sucht nach Arbeit ist. Wenn man sich dieser Dinge bewusst ist, muss es aber nicht unbedingt dazu kommen.

Arbeitssucht klingt ja fast schon nach einem pathologischen Befund. Wie kann man diese Verhaltenssucht behandeln?
 
Tatsächlich wird Arbeitssucht zu den substanzungebundenen Verhaltenssüchten gezählt, wie Spiel-, Sex- oder Kaufsucht. Denn arbeitssüchtiges Verhalten erfüllt alle Kriterien vom Verlust der Kontrolle über Arbeiten und Nicht-Arbeiten über Entzugserscheinungen bis hin zu gesundheitlichen Schäden. Wenn diese Entwicklung weit voran geschritten ist, hilft nur die professionelle therapeutische Behandlung in einer psychosomatischen Klinik. 

Wie kann man präventiv wirken?

Es gibt eine Palette an präventiven Maßnahmen, die Gefährdete, HR Manager, Gesundheitsbeauftragte  Teamleiter oder Führungskräfte einsetzen können. Wichtig für den Erfolg ist, dass alle an einem Strang ziehen und individuelle Interventionen mit der Organisationskultur und dem Verhalten der Geschäftsführung abgestimmt sind. Sie können von Arbeitssüchtigen nicht erwarten, dass sie ihre Einstellung ändern und weniger arbeiten, wenn gleichzeitig diejenigen mit den meisten Überstunden am schnellsten in der Karriereleiter nach oben klettern.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.



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