Wie verhält sich das Gender Pay Gap in der Werbeindustrie im Vergleich zu anderen Branchen?

In der jüngsten Pay-Gap-Analyse unserer Berater von Compensation Partner haben wir einen neuen Ansatz der Berechnung gewählt: Wir haben Berufe nach Gehaltsklassen getrennt – geringer vergütete Jobs mit einem Gehalt bis zu 35.000 Euro im Jahr und besser bezahlte mit einem Jahresgehalt zwischen 55.000 Euro und 66.000 Euro. In der ersten Gruppe schnitt die Werbebranche mit einer Entgeltlücke von 3,9 Prozent ab. Sie belegte in dieser Gehaltsklasse das untere Mittelfeld. Bei den höheren Berufen belegte der Sektor dagegen den letzten Rang mit eine Lücke von rund 13 Prozent. Insgesamt zeigt sich die Branche beim Blick auf die Entgeltlücke tendenziell unausgewogen.

Wie erklären Sie sich die Lücke zwischen Männer- und Frauengehalt, besonders in den Führungspositionen?

Solche Vergleiche sind immer mit Vorsicht zu betrachten. In diesem Fall haben wir die Datengrundlage genommen, nach Männern und Frauen sortiert und dann die durchschnittlichen Gehälter verglichen. Dabei treten in besser bezahlten Berufen auch höhere Gehaltsunterschiede hervor. Diese Lücke ist jedoch unbereinigt, da viele Faktoren wie Ausbildung, Region, Alter und Berufserfahrung unbeachtet bleiben. Würden wir diese anpassen, kämen deutlich geringere Lücken zustande.

Am meisten haben Angestellte der Altersgruppe 21 bis 25  und 26 bis 30 Jahre den Fragebogen beantwortet. Erklärt das ein wenig das vergleichsweise geringe Gehaltsniveau?

An der Studie nahmen nicht nur vorwiegend junge Menschen teil, sondern vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus kleinen Unternehmen ohne Personalverantwortung. Viele davon aus Agenturen, die bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigen. Das sind die Hauptgründe für die verhältnismäßig geringen Gehälter der Studie. Diese Datengrundlage spiegelt aber in gewisser Weise auch die Agenturlandschaft in Deutschland wider. Es gibt nur wenige große Agenturen wie Jung von Matt oder Serviceplan in Deutschland – dagegen gibt es Hunderte kleine bis kleinste Betriebe. Die Gehälter gehen hier dramatisch auseinander.

UX-Designer, Projektmanager Digital, Texter und Technikspezialisten werden von den Agenturen händeringend gesucht. Schlägt sich diese akute Personalnot auch in der Entwicklung der Gehaltsdaten nieder? Kann sich die Werbebranche da überhaupt gegen die weitaus finanzkräftigere IT-Branche durchsetzen?

UX-Designer, Projektmanager, Texter oder Technikspezialisten werden nicht nur von Agenturen gesucht. Online-Unternehmen sind auf die Funktionen ebenfalls angewiesen wie mittlerweile auch traditionelle Industrieunternehmen – es ist eine logische Folge der zunehmenden Digitalisierung. Die Nachfrage nach Digital Experts wird größer, das merken wir vor allem im Bereich UX-Design. Erfahrene UXler verdienen über 50.000 Euro im Jahr, in größeren Unternehmen über 60.000 Euro. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders. Entkräftet wird der Gehaltszuwachs jedoch durch die vielen Quereinsteiger in diesem Gebiet. Es finden sich zahlreiche Studienfächer unter UX-Designern wieder. Die Nachfrage steigt, doch das Angebot wächst ebenfalls – ob gleichermaßen, muss sich erst zeigen. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach UX-Profis, Projektmanagern Digital oder Content Managern in den nächsten fünf Jahren deutlich zunimmt – und damit auch die Gehälter. Auch die Werbebranche wird bei der Rekrutierung von Profis aus der Digitalwirtschaft tiefer in die Tasche greifen müssen.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.