Wie funktioniert das "Miracle Morning"-Ritual und gibt es dafür wissenschaftliche Grundlagen?

Ich gestehe freimütig: ich musste mich erstmal einlesen. Nicht in puncto Motivation, sondern in puncto IBES. Ich schenke dem schon seit einigen Jahren keine große Beachtung mehr. Herr Yotta hat die Inhalte des Miracle Morning offenbar größtenteils "geliehen" – freundlich ausgedrückt. Im Original sind ein paar Routinen enthalten, die ich durchaus befürworten würde. Die positiven Nebenwirkungen von moderater sportlicher Betätigung sind hinreichend bestätigt. Auch Lesen und strukturiertes Schreiben haben, wie im Original vorgesehen, nachgewiesen förderliche Effekte.

Aber ich vermute, das Augenmerk liegt auf diesen Affirmationen und Mantras, die dort rezitiert werden, korrekt? Hier gibt es nicht wirklich viel Forschung. Ein mir bekannter Fachartikel im einflussreichen Magazin Psychological Science kommt zu dem Ergebnis, dass solche Affirmationen eher schaden als nützen.

Sprechen besondere Persönlichkeitstypen unterschiedlich darauf an oder ist das was für jeden?

Das Perfide ist: Menschen, die eh schon über ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl verfügen, scheinen leicht davon zu profitieren, die Effekte sind aber minimal. Menschen hingegen, die unter einem niedrigen Selbstwertgefühl leiden, fühlen sich im Mittel nach dem Aufsagen von solchen Affirmationen noch schlechter. Die Phrasen machen ihnen jene Diskrepanz bewusst zwischen dem, was sie spüren möchten und dem, was sie tatsächlich tief innendrin fühlen – und das zieht sie noch weiter runter.

Wer fühlt sich von solchen Übungen und den zugehörigen Seminaren angezogen? Meine Vermutung lautet: in der Mehrzahl Menschen, die davon gerade nicht profitieren werden. Das Fazit lautet also: Finger weg, die Zeit können wir sinnvoller nutzen.

Kann man das auch alleine morgens vor dem Spiegel machen oder ist die Gemeinschaft dafür wichtig?

Wie schon gesagt: Ich würde es gar nicht machen. Nötigte man mich dazu, so würde ich die Gruppensituation bevorzugen. Ich kann mir vorstellen, dass das daraus entstehende Gemeinschaftsgefühl möglicherweise positive Effekte zeitigt.

Sie beschäftigen sich mit Positiver Psychologie. Was ist das: eine Denkschule, eine Methode, eine Technik?

Die Positive Psychologie ist ein Oberbegriff für einen noch recht jungen Teilbereich der akademischen Psychologie. Sie wird weltweit an Universitäten von Wissenschaftlern weiterentwickelt. Die Themen sind nicht besonders neu: Was ist ein gelungenes Leben? Wann empfinden Menschen Sinn im Leben, oder Teilen davon, z.B. ihrer Arbeit? Oder auch: Was motiviert uns nachhaltig, über den Effekt von extrinsischen Belohnungen hinaus?

Die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin hatte bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts einen ausgeprägten "Weg-von"-Fokus: Es ging vornehmlich um negative Phänomene des menschlichen Erlebens (Beispiel: Depressionen) und deren Beseitigung. Das ist immens wichtig und auch nach wie vor der Schwerpunkt der akademischen Psychologie. Die Positive Psychologie möchte indes den Blickwinkel erweitern, indem sie die  "Hin-zu"-Themen genauer unter die Lupe nimmt. Vereinfacht könnte man sagen: In der Positiven Psychologie geht es um Selbsthilfe- und Motivationsthemen, aber auf Basis von harter Wissenschaft – und ohne das Tschakka-Guru-Gedöns. Auf dieser Seite gebe ich einen Überblick über ihre Entwicklung und die wichtigsten Themen.

Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Klienten hat eine schwierige Präsentation vor sich, eine Unterredung mit dem Chef oder eine Prüfung. Wie sollte diese Person in den Tag starten?

Am besten ausgeschlafen und mit einem guten Frühstück im Magen. Darüber hinaus wäre ich vorsichtig mit Verallgemeinerungen.

Aber: es gibt eine recht gut erforschte Technik zur Zielerreichung namens WOOP, die von der Psychologin Gabriele Oettingen beschrieben wurde. WOOP ist ein englisches Akronym und steht für die Begriffe Wish (Wunsch), Outcome (Konsequenz), Obstacle (Hindernis) und Plan (wie im Deutschen). Beim Punkt W überlegt man sich konkret, was man erreichen möchte, hier im Beispiel also: den Chef mit einer guten Präsentation überraschen. Für das erste O schaut man sich den "Wunsch hinter dem Wunsch" genauer an. Sprich: Was erhoffe ich mir von der guten Leistung, die der Chef dann wahrnimmt? Hier geht´s darum, Motivation zu tanken. Für das zweite O geht man dann im Geiste durch, was alles in die Hose gehen könnte. An dieser Stelle wird der Unterschied zu esoterischen Visualisierungen besonders deutlich – da malt man sich immer nur das Beste aus.

Hat man alle Punkte gesammelt, die realistisch schief laufen könnten, macht man schließlich sogenannte Wenn-Dann-Pläne: Man überlegt sich also im Detail Strategien, um den potenziellen Hindernissen zu begegnen. Hier im Beispiel könnte das so aussehen: "Wenn ich merke, dass ich meinen Faden verloren habe, dann nehme ich zwei tiefe Atemzüge und wiederhole, was ich als Letztes gesagt habe. Dies wird mir die Zeit geben, den richtigen Anknüpfungspunkt zu finden." Zusammengefasst geht es darum, eventuelle Hindernisse auf dem Weg zum Ziel zu antizipieren, um dann möglichst konkrete Mikro-Strategien als Gegenmaßnahme zu entwickeln.

Wie lassen sich Egoisten zu Teamplayern machen? Das verrät Nico Rose morgen in W&V+.


Autor:

Annette Mattgey, Redakteurin
Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt".