Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Um ehrlich zu sein ein bisschen zufällig. Nach meinem Studium im Industriedesign habe ich mich auf ganz unterschiedliche Stellen beworben. Die Softwareentwicklung hatte ich zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt noch gar nicht richtig auf dem Schirm. Im Bewerbungsgespräch bei meinem heutigen Arbeitgeber auf eine Trainee-Stelle war aber für mich nach wenigen Minuten klar, dass das Berufsbild des Digital Designers für mich genau das Richtige ist.

Mich hat vor allem die Aussicht begeistert mit einem Material, Software, zu arbeiten, welches gestalterische Freiräume bietet wie wenige andere und sichtbar und unsichtbar unsere Gesellschaft auf so vielfältige und nachhaltige Weise durchdringt.

Welche Eigenschaft helfen Ihnen in ihrem Alltag am meisten? Warum?

Natürlich verlangt meine Tätigkeit als Digital Designer ein hohes Maß an Neugierde und Kreativität. Mit jedem neuen Projekt muss man sich auch in einen neuen Anwendungskontext einarbeiten und sich ein zumindest grundlegendes fachliches Wissen aneignen. Diese Herausforderung  motiviert mich aber glücklicherweise besonders.

Eine oft unbeachtete Eigenschaft, die für mich aber von unschätzbarem Wert ist, ist die Fähigkeit sich nicht zu sehr an die eigenen Ideen zu klammern oder Kritik an diesen persönlich zu nehmen. Konzepte, die ich für Softwareprodukte erstelle, sind lebende Dokumente und können immer nur den gegenwärtigen Kenntnisstand abbilden. Teilweise radikale Änderungen in Folge neu gewonnener Erkenntnisse sind eher die Regel als die Ausnahme. Die dann verworfene Arbeit war ja trotzdem nie umsonst, denn häufig führt einem gerade das Wissen was nicht funktioniert – und warum – zur "richtigen" Lösung eines Problems.

Schildern Sie möglichst anschaulich ein Projekt, das Sie besonders begeistert hat.

Direkt am Anfang meiner Tätigkeit als Digital Designer war ich an der Konzeption einer App für den Bereich der häuslichen Pflege beteiligt. Konkretes Ziel war es verschiedene Features zu entwickeln, die für pflegende Angehörige in ihrem Alltag eine echte Hilfe darstellen. Mich hat dieses Projekt besonders begeistert da ich selbst einige Zeit in der Pflege tätig war. Diese eigene praktische Erfahrung konnte ich in Form von neuen Ideen, wie zum Beispiel einen an die besonderen Anforderungen der Pflege angepassten Trinkmengenplaner, direkt einbringen. Darüber hinaus war es natürlich besonders schön und sinnstiftend an einem Projekt zu arbeiten, welches so direkt eine Unterstützung von Menschen zum Ziel hat, die diese so dringend benötigen.

              
Was ist Ihnen in Ihrem Job am wichtigsten? Was macht am meisten Spaß?

Am wichtigsten ist mir eine vertrauensvolle Kommunikation mit Vertretern des Kunden und anderen Projektbeteiligten. Ein gutes Softwareprodukt ist nie eine Einzelleistung, sondern kann nur entstehen, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, Kenntnissen und Meinungen zu seiner Entstehung beitragen. Gerade in der anfänglichen Konzeption ist man daher extrem auf offene Kommunikationskanäle angewiesen. Nicht nur um an benötigte Informationen zu kommen, sondern auch um die eigenen Ideen und Konzepte einer wohlwollenden und konstruktiven Kritik auszusetzen. Die so entstehenden Gespräche und manchmal auch Diskussionen sorgen in jedem Fall für eine etwas klarere Sicht auf zu entwickelnde Softwareprodukt … und machen mir insgeheim auch jede Menge Spaß.

Ihr Job ist unverzichtbar, weil …

...der Einfluss, den Softwareprodukte auf unsere Gesellschaft ausüben, enorm ist, die Entwicklung dieser Produkte aber häufig vornehmlich unter technologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorangetrieben wird. Nach meinem Gefühl kommt die Frage nach dem Nutzen für den Menschen hier manchmal zu kurz. Im schlimmsten Fall wird er nur als der Störfaktor an der Tastatur wahrgenommen, der sich partout der wunderbar logischen und rationalen Struktur der IT verweigert. Um hier aber eine andere Perspektive überzeugend vertreten zu können bedarf es breiter Kenntnisse die über etablierte Bereiche wie das UX Design oder das Requirements Engineering hinausgehen. Genau dies bieten Digital Designer.

Wenn Sie nicht Digital Designer wären, was wären Sie dann?

Höchstwahrscheinlich würde ich als Industriedesigner an Konsumentenprodukten arbeiten. Dies ist ja schließlich, was ich mal gelernt habe.  Ein kleiner persönlicher Traum von mir ist es aber noch irgendwann einmal ein eigenes Brettspiel zu entwickeln. Um ehrlich zu sein "verfolgt" mich dieser Wunsch schon seit meiner Kindheit und bis jetzt kam mir noch nicht die passende Idee, um ihn umzusetzen.



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Autor: Alessa Kästner

ist Absolventin der Burda Journalistenschule und volontierte beim Playboy. Die gebürtige Münchnerin schrieb für Magazine wie ELLE, Focus oder Freundin und schnupperte im Anschluss noch ein wenig Agenturluft bei Fischer Appelt. Ihre Kernthemen als W&V-Redakteurin: Digital Lifestyle, New Work und Social Media.