Was, wenn es einen Menschen gäbe, der jedes beliebige Kunstwerk nachmalen könnte? Was, wenn dieser Mensch in der Lage wäre, die Stile ganz großer Künstler so zu imitieren, dass er eigene Kunstwerke unter falschem Namen erschafft? Was, wenn der internationale Kunstmarkt diese Werke dann ohne Wenn und Aber abkaufen würde? Wolfgang Beltracchi ist so ein Mensch.

Und es fällt schwer, nicht vom Glauben abzufallen, während man Beltracchi (der dem Dude aus"“The Big Lebowski" gefährlich ähnelt) da in Seelenruhe über sein gottgegebenes Talent plaudern hört, als würde er über das Wetter philosophieren: "Ich malte Gemälde, die im Oeuvre des Künstlers eigentlich nicht haben fehlen dürfen." Netflix gelingt es, Beltracchis Wesenszüge und Kunstfälscherei gleichermaßen greifbar zu machen. Die Doku folgt ihm und seiner Gattin Helene in der Zeit nach dem die Fälschungen entstanden sind und Beltracchi 2011 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde.
Selbst der Aufwand um die gefälschten Bilder herum war hoch: von nachgestellten Making-of-Fotografien mit Helene als Komplizin, bis hin zu unechten Bilderrahmen. Am Ende wurde Beltracchis Fakes durch ein falsches Zinkweiß aufgedeckt, das Spuren von Titanweiß enthielt. Welch Ironie, eine blütenweiße Weste hatte der Deutsche ganz sicher nicht.  Klar ist: Wolfgang Beltracchi ist einer, der nicht nur außerhalb der Box dachte, sondern ohne mit der Wimper zu zucken gleich die ganze Box mit fälschte – weil er es eben konnte.

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Free Solo

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Der Berg ruft! Und zwar laut. In "Free Solo" klebt die Kamera an den Fersen des Extremsportlers Alex Honnold. Honnold und der Granitfelsen El Capitan im Yosemite- Nationalpark verschmelzen zu einer Masse. Und das ohne Sicherung und Hilfsmittel. Der Anstieg? Schlappe 1000 Meter. Ganz bestimmt ist "Free Solo" die gewaltigste Natur- und Sport-Doku der vergangenen Jahre.

2019 gab es obendrauf bei der Oscarverleihung die Auszeichnung für den besten Dokumentarfilm. Zu Recht! Wenn sich Honnold am Felsmassiv wie ein Hybrid aus Äffchen und Bergziege entlang schabt, vergisst man ihm hin und wieder beide Daumen feste zu drücken – da ist eine innere Gewissheit, dass dieser Kletterverrückte sich das tatsächlich gut überlegt hat, was er da macht.

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Peaky Blinders (Staffel 1-5)

Bei Netflix verfügbar

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England. Man befürchtet, Kiefer und Wangen des Cillian Murphy drohen jede Sekunde in tausend Glasstücke zu zerbersten. Für die Rolle des Tommy Shelby ist Murphys Gesicht aber wie gemacht. Er verschanzt die seelischen Narben aus den Schützengräben des 1. Weltkriegs dahinter. Diese scheint Tommy Shelby im ganzen Verlauf der Serie nie wirklich flicken zu können und doch gelingt dem Familienoberhaupt allerhand.

Gemeinsam mit seinen Brüdern Arthur (Paul Anderson) und John (Joe Cole) baut sich Shelby 1918 ein respektables Business in Bermingham auf: Pferderennen, illegale Wetten, Schwarzmarkthandel. Dabei scheint er mit seiner Rasierklingenbande Faschisten wie Mafiosi immer drei Schritte voraus, obwohl - oder vielleicht gerade weil - er hohe Risiken eingeht. Die Videos, die im Netz kursieren und das selbstbestimmte Auftreten Tommy Shelbys von Kopf bis Fuß analysieren sind vielleicht Küchenpsychologie. Ganz sicher verdient Tommy Shelby aber in Sachen Communitybuilding und Mitarbeitermotivation ein Ehrenabzeichen.

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Hannibal (Staffel 1-3)

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Wenn Will Graham (Hugh Dancy) wieder einmal ganz tief in den Psychen von Serienkillern herumwühlt, könnte man meinen, auch etwas Lüsternheit in den Augen des FBI-Profilers aufblitzen zu sehen. Dass sein Therapeut Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) mit den immerzu nach oben gezogenen Mundwinkeln und den überlegenen Augen wiederum etwas zu viel Interesse an Graham selbst entwickelt, macht die Sache nicht minder ungemütlich.

Derselbe Hannibal, der in seiner Freizeit auch gern das Küchenmesser für Graham und andere geladene Gäste schwingt. Bei jedem Bissen stockt dem Zuschauer der Atem. Denn nie ist gewiss, ob bei den kulinarischen Delikatessen nicht doch ein bisschen menschliches Gewebe mit in den Suppentopf gerutscht ist. Das alles wird in Perfektion ausgeleuchtet, was kaum auszuhalten ist. Hin und wieder verliert sich die Serie in poetischen Floskeln und triefend schönen Bildern. Dann weiß man gar nicht mehr, worum es hier eigentlich gehen soll. Vampir-Effekt nennt man das wohl im Marketing.

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Queen of Katwe

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Schachmatt! Die indische Regisseurin Mira Nair hat 2017 einen herzzerreißendes Biopic über die Schachspielerin Phiona Mutesi aus Uganda gedreht. Im Film ist Phiona (Nadina Nalwanga) neun Jahre jung und fristet ihr Dasein in einem Slum. Ihr eigenes Geburtsdatum ist ihr ebenso fremd, wie ein behütetes Zuhause: Vater und Schwester starben früh, sodass Phionas Mutter Harriet (Lupta Nyong’o) ihre einzige Stütze ist.

Als das Mädchen von dem Ex-Fußballer Robert Katende (David Oyelowo) entdeckt wird, öffnet sich eine Tür. Von ihm lernt Phiona wie man Gegner auf dem Schachbrett schlägt. Quasi über Nacht wird Phiona zu einer begnadeten Schachspielerin, mehr noch, sie spielt sich bis zur Meisterin des Landes hoch. Der Empowerment-Gedanke dürfte nicht nur Feministinnen und Schachfreunden gefallen: "Schach hilft uns, Probleme zu lösen. Es lehrt Disziplin und festigt den Geist. Nutzt den Verstand, dann findet ihr alle sichere Felder”" heißt es in "Queen of Katwe".

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Autor:

Benjamin Freund hat Medienwissenschaft und Kulturjournalismus studiert und arbeitet als freier Journalist für diverse Print- und Onlineformate. Benjamin wirft ein Auge auf die großen und kleinen Phänomene unserer Pop- und Netzkultur.


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W&V Leserautor

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Einen davon haben Sie gerade gelesen.