"Nervöse Werbungtreibende"

Für einen etwas anderen Weg hat sich der Evening Standard entschieden, der laut Auflagenkontrolleur ABC im Februar noch 787.000 Freiexemplare ausgewiesen hat. In den vergangenen Tagen war die Auflage allerdings bereits auf weniger als 645.000 gesunken.

Von diesem Montag an wird die Print-Auflage weiter auf 500.000 Exemplare abgesenkt, die nun direkt an Haushalte in den Wohngebieten verteilt werden sollen. "Von Hampstead bis Bethnal Green, von Brixton bis Hammersmith, von Swiss Cottage bis Greenwich werden unsere Lastwagen und Distributionsteams jeden Tag Hunderttausende Exemplare an die Haushalte ausliefern", erklärte Mike Soutar, CEO des Evening Standard, in einer internen Mail an die Mitarbeiter.

Auch Soutar wies darauf hin, dass das Werbegeschäft derzeit extrem schwierig und der Markt sehr ruhig sei, da "nervöse Werbungtreibende ihre Spendings reduzieren oder aufschieben". Der Evening Standard ist im Besitz der russischen Milliardärsfamilie Lebedev, die das kriselnde Blatt 2009 für ein Pfund übernommen und kräftig in den Titel investiert hat. Dennoch verzeichnete der Evening Standard 2018 einen Verlust in Höhe von 9,5 Millionen Pfund (10,3 Mio. Euro).

Das größte britische Gratisblatt Metro mit einer Auflage von knapp über 1,4 Millionen Exemplaren hat sich bislang noch nicht offiziell dazu geäußert, wie es auf die Disruption des bisherigen Distributionswegs reagieren will. Der Verlag Daily Mail and General Trust, zu dem das Blatt gehört, erklärte gegenüber der Financial Times lediglich, dass man, falls dies notwendig sei, die "Auflage anpassen werde".



Franz Scheele
Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.