Die Quoten nach Folge zwei sind aber ok: 2,38 Millionen Menschen saßen beim Nacktshooting vor dem Bildschirm, von den werberelevanten 14- bis 49-Jährigen waren es 1,74 Millionen (17,2 Prozent Marktanteil).
Wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergab, findet aber die Mehrheit der Deutschen, dass das Format ein falsches Schönheitsideal vermittelt. "Die Kritik an Germany's next Topmodel hat sich geändert, weg von der Magersuchtsdebatte hin zu einem sehr viel größeren Thema: Was ist eigentlich Weiblichkeit?", sagt Medienwissenschaftlerin Miriam Stehling von der Uni Tübingen. Es gehe in der Debatte auch um die Unterwerfung von Frauen - bei GNTM etwa vor den Vorgaben der Jury und dem Schönheitsideal. "Das passt zusammen mit neuen feministischen Bewegungen wie #MeToo. Es geht nicht um einen Schlankheitswahn, sondern darum: Was für ein Frauenbild transportieren wir eigentlich?"

Zuschauer reflektieren

Stehling hat auch untersucht, warum sich Frauen GNTM anschauen. "Junge Mädchen, die GNTM schauen, sind nicht unbedingt mit dem Frauenbild einverstanden", erklärt sie. "Da gibt es eine Ambivalenz, indem sie etwa sagen 'Ich schaue mir das gerne an', die sexistischen Aufforderungen aber kritisch reflektieren." Für 14- bis 20-Jährige sei Reality-TV normal. "Sie wissen, dass es inszeniert ist", sagt Stehling. Aber: "Sie verbannen deswegen nicht das ganze Format."
Der Protest der Schülerinnen zeige, dass die Zielgruppe das Format kritisch sehe und das Frauenbild hinterfrage. "Ich glaube, dass Bewegungen wie #MeToo und #Aufschrei dazu geführt haben, dass diese Themen präsenter sind. Da sehe ich schon einen Zusammenhang", sagt Stehling. "Man muss aber differenzieren zwischen sexistischen Aufforderungen, wie es sie bei GNTM gibt, und sexualisierter Gewalt." In der Show müssen Teilnehmerinnen zwar in knappen Outfits oder nackt mit Bodypainting posieren. Mit den Übergiffen, die bei #MeToo zur Sprache kommen, kann man das Stehling zufolge aber nicht vergleichen.
Das sieht Medienwissenschaftlerin Jutta Röser von der Uni Münster ähnlich. "Bei #MeToo geht es um sexualisierte Machtausübung, Übergriffe und Gewalt", sagt sie. "GNTM funktioniert ja gerade mit und für Frauen." Auch sie glaubt, dass Zuschauer nicht unbedingt mit dem dort gezeigten Frauenbild einverstanden sind.

ProSieben nimmt die Kritik gelassen

"Seit 13 Jahren wird GNTM immer wieder von Medienwächtern geprüft und als unbedenklich eingestuft", erklärt ein Sprecher. "Aber seit 13 Jahren arbeiten sich auch unterschiedlichste Gruppen an GNTM ab, um für ihre Organisation oder ihr Produkt Aufmerksamkeit zu bekommen." In dem Fall sei das die Organisation Pinkstinks, die hinter dem Protestsong steht.
Hat die Show in Zeiten von #MeToo und #Aufschrei eine Zukunft? "GNTM verändert sich von Jahr zu Jahr", betont der Sprecher. "Und nimmt Veränderungen in der Gesellschaft auf." Jurorin Heidi Klum hatte im Vorfeld erklärt, auch Mädchen "mit tollen Kurven" seien gefragt.

Tatsächlich sind zwei Mädchen noch im Rennen, die nicht auffallend dünn sind. Wie toll Kurven sind, hat Heidi Klum in Sendung zwei beim Oben-ohne-Fototermin am Strand merhfachbetont.
"Ich würde mich sehr wundern, wenn die ganze Debatte einfach so verpuffen würde und es mit GNTM einfach so weitergehen würde", sagt Soziologin Degele aus Freiburg. Aber: "Man sollte nicht denken, dass sich durch #MeToo schon morgen alles ändert", sagt sie. "Solche sozialen Strukturen fallen nicht einfach so ab. Aber es ist gut zu sehen, dass es an immer mehr Stellen hinterfragt wird." (sh/dpa)


Autor:

W&V Redaktion
W&V Redaktion

Nicht alle W&V-Artikel erscheinen unter dem Namen eines einzelnen Autors. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Artikel mit „W&V-Redaktion“ gekennzeichnet sind. Zum Beispiel, wenn mehrere Autoren daran mitgearbeitet haben oder wenn es sich um einen rein nachrichtlichen Text ohne zusätzliche Informationen handelt. Wie auch immer: Die redaktionellen Standards von W&V gelten für jeden einzelnen Artikel.