Kommentar :
Warum #MeToo TV-Shows wie GNTM verändern sollte

Stärken statt Vorführen: #MeToo bleibt ein Thema, bei dem auch Medien das Bewusstsein für Missbrauch im Alltag schärfen sollten - besonders TV-Formate wie "Germany's Next Topmodel".

Text: Manuela Pauker

Manuela Pauker ist Ressortleiterin bei Werben & Verkaufen - und bekennender TV-Junkie.
Manuela Pauker ist Ressortleiterin bei Werben & Verkaufen - und bekennender TV-Junkie.

Seit einigen Monaten wird viel über #MeToo gesprochen. Über die Frauen – und auch Männer – die sich immer noch offenbaren. Über die Täter, die ihre Macht gewissenlos ausreizten. Und das System, das derlei Praktiken über Jahrzehnte hinweg möglich gemacht hat.

Dass das Thema keine vorübergehende Erscheinung war, wie mancher zu Beginn noch vermutete, zeigt die Entwicklung der letzten Tage. Immer noch melden sich Betroffene zu Wort, aktuell sind neue Vorwürfe gegen Schauspieler Dustin Hoffman und Musikproduzent Russell Simmons Gegenstand der Ermittlungen. Nur zwei von immer noch vielen. Eine Ende ist derzeit nicht abzusehen.

Irgendwann wird die Aufregung natürlich doch wieder abebben. Viele hegen die Hoffnung, dass die aktuelle Diskussion etwas bewirkt, das das neu entstandene Bewusstsein künftigen Missbrauch verhindert. Und es wird Gradmesser geben, die zeigen, ob sich tatsächlich etwas geändert hat. Einer davon ist demnächst wieder im deutschen Fernsehen zu sehen: "Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum", so der offizielle Name. Die Casting-Show bildet seit Jahren den Mikrokosmos der Branche ab – und des #MeToo-Problems.

Das Recht zum Nein-Sagen unterstreichen

Jede Teilnehmerin, die es bei GNTM in die Endrunde schaffte, lernte zügig die vermeintlich gängigen Mechanismen der Branche. Du willst nicht beim Oben-ohne-Shooting mitmachen? Das könnte deine Chancen auf den Einzug in die nächste Runde aber gewaltig schmälern. Du fühlst Dich nicht wohl dabei, auf einem Bett dürftig bekleidet mit einem fremden männlichen Model mitten auf den New Yorker Broadway wilde Posen einzunehmen?

Das gehört in diesem Business nun mal dazu, stell Dich nicht so an. Und Du gerätst beim Unterwasser-Shooting in Panik, weil Du Angst hast zu ertrinken? Das ist aber ganz schlecht, da hat die Heidi bestimmt kein Bild für Dich. Außerdem langweilst Du den Fotografen – geh mal mehr aus Dir heraus! So ein schwieriges Model wird ja nie jemand buchen! Wenn Du es wirklich willst, musst Du Dich eben überwinden!

Gerade GNTM hat bisher Eins zu Eins abgebildet, was in der Branche falsch läuft. Und damit nicht nur den Teilnehmerinnen, sondern auch dem jungen Publikum vermittelt: Wenn man etwas wirklich, wirklich will, muss man eben auch Dinge tun, die man eigentlich lieber nicht tun möchte. Und sich auch nicht groß darüber beschweren. Denn wer sich beschwert, ist schwach. Und hat sowieso unrecht. Auch diese Art von Unterhaltung ist der Nährboden, auf dem schweigende Opfer gedeihen.

Das ProSieben-Format "Germany's Next Topmodel" hätte aber auch die Chance, jetzt etwas zu ändern. Die Kandidatinnen nicht vorzuführen, wäre ein Anfang. Dafür das Recht zum Nein-Sagen stärker unterstreichen – und nicht nur, wenn sich eine Kandidatin etwa aus religiösen Gründen einer Aufgabe verweigert. Aber ist doch alles nur Unterhaltung, werden viele jetzt einwenden. Sicher. Aber Entertainment lässt sich ja vielleicht auch unterhaltsam inszenieren, ohne das Selbstwertgefühl zu zerstören.


Autor:

Manuela Pauker
Manuela Pauker

leitet das Medienressort der gedruckten W&V. Blattmacherin wollte sie schon früh werden, doch leider gab es zum 14. Geburtstag statt des erhofften Kopierers (zum Produzieren einer Zeitschrift) einen Wandteppich zum Selbstknüpfen. Printmedien blieben dennoch ihre Leidenschaft – auch wenn sie parallel zum TV-Serienjunkie wurde