Über Wochen hinweg hatte der Virus viel mehr Menschen getroffen als das Parteiregime offiziell zugegeben wollte. Die chinesische Führung geriet darum mit dem dramatischen Ausbruch innenpolitisch massiv unter Druck, denn in der Bevölkerung wuchs Wut auf die Machthaber. Hunderte Millionen Menschen informieren sich seither kaum mehr über die Staatsmedien, sondern übers Netz. Das tief sitzende Misstrauen führt dazu, dass panischen Gerüchten in Chat-Diensten mehr geglaubt wird als den geschönten Berichten der gelenkten Staatsmedien.

Für das kommunistische Regime ist die Stimmungslage bedrohlich, weil ihre gesamte Legitimation stillschweigend darauf beruht, dass die Bürger Freiheiten opfern, dafür aber Wohlstand und Sicherheit garantiert bekommen. Wenn nun mit der Gesundheit die wichtigste aller Sicherheiten nicht mehr geschützt werden kann und alle erkennen, dass Freiheiten – insbesondere auch die Freiheit von Medien – zum schieren Lebensschutz dringend gebraucht werden, droht das System seine Autorität zu verlieren.

Die Krise: eine Chance für die Pressefreiheit

In Deutschland indes hatte sich zu Beginn der Corona-Krise Medienbashing einmal mehr zum Volkssport Nummer Eins entwickelt. Selbst den gemeinhin als seriös eingestuften Medien wurde „unerträgliche Panikmache“ vorgeworfen. Heute wäre es vielen Bürgern lieber, sie und die Politik hätten die alarmierenden Berichte ernster genommen und früher vorgesorgt. Aus der Corona-Krise werden die Deutschen vieles lernen müssen. Wenn sie endlich einmal die Pressefreiheit neu schätzen und dafür offensiv einzutreten lernten, so wäre Krise hier auch Chance. 

Staatspräsident Xi Jinping hat die politische Brisanz der Lage erkannt und gab plötzlich die Losung aus, möglichst viel Offenheit walten lassen. Wer Infektionen in seiner Region vertusche oder seine eigenen politischen Interessen über die Gesundheit des Volkes stelle, müsse mit schweren Strafen rechnen. Kader würden „für die Ewigkeit an den Pranger der Schande genagelt“, sollten sie Krankheitsfälle unterschlagen. Sogar eine App wurde freigeschaltet, in der Bürger Vertuschungen von lokalen Funktionären und Behörden anprangern können. 

Und auch Wenliang wurde plötzlich zum Helden des Sozialismus erklärt. 

Doch für viele Chinesen bleibt sein Tod ein Symbol für das Versagen einer unfreien Parteiendiktatur. Bis heute lässt das Regime in Peking äußere Kritik am Vorgehen der Behörden im Internet weiterhin weiträumig löschen. Kritische Kommentare insbesondere aus Hongkong werden getilgt, selbst in privaten Nachrichtenchats regiert Zensur.

Peking erlaubt nur die Kritik aus der Partei an der Partei. Das Regime hat offenbar Angst vor der viralen Vertrauenskrise. Denn am Ende könnte der Corona-Virus auch das Machtsystem der Kommunistischen Partei erschüttern. Es vereinen sich derzeit die Freiheitsbewegung der Hongkong-Chinesen mit dem Freiheitsruf der Virusbedrohten. Die Freiheit von Presse und Informationen ist – und das zeigt die Epidemie grausam klar – zuweilen überlebenswichtig.


Christiane Goetz-Weimer ist eine deutsche Verlegerin und Publizistin. 2012 gründete sie mit ihrem Ehemann Wolfram Weimer die Weimer Media Group, in der unter anderen der Wirtschaftskurier, Börse am Sonntag und The European verlegt werden. Als Verlegerin leitet sie auch das Spitzentreffen Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee, die Zeichensetzer-Veranstaltung Signs Award in Berlin sowie die Mittelstandspreis-Markengala in Frankfurt. Die ehemalige Redakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gründete bereits 2001 den CH. Goetz Verlag in Potsdam, der Zeitschriften, Sachbücher über Politik, Historie und Wirtschaft und Belletristik-Werke verlegt. 


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