Hohes Maß an Transparenz

Ist an dem Video alles richtig und alles neu? Wahrscheinlich nicht. Aber: schon die Herleitung, dass Fake News und absurde Verschwörungstheorien auch deshalb überhaupt ihr Publikum finden, weil die deutsche Yellow Press mit erfundenen Nachrichten zu Adeligen und Prominenten dafür gesorgt hat, dass Unwahrheiten ohne Konsequenzen bleiben, ist ein lohnenswerter Gedankengang. Und ein 25-seitiges Google Doc mit Quellen zu einem einstündigen Video ist ein Maß an Transparenz, das wir von keinem Leitartikel einer klassischen Medienmarke kennen. Als hätte es die Diskussion zu Herrn Relotius nie gegeben.

Was können wir lernen? Formate verändern sich ständig, Distributionskanäle auch. Das kann jede Userin verwerflich finden oder einfach akzeptieren. Für gute journalistische Arbeit ist Recherche und Factchecking eine wesentliche Grundlage. Medienhäuser und Startups beschäftigen sich daher immer stärker mit der Nutzung von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, um Journalistinnen die Arbeit zu erleichtern. Das Startup Faktual, in das wir Anfang des Jahres investiert haben, arbeitet explizit daran, die Recherche zu optimieren. Organisationen wie das International Fact Checking Network haben sich ganz dem Factchecking verschrieben und es ist wohl kaum unbemerkt geblieben, dass Twitter mittlerweile auch Tweets von Präsident Trump einem Factcheck unterzieht.  

Kritik zulassen und ernst nehmen

Unser Wunsch ist es, dass etablierte Medienhäuser Stimmen wie Rezo zulassen und ernst nehmen. Seine Kolumne auf Zeit Online ist allein deswegen schon lesenswert, weil sie anders ist, als es klassische Zeit Leserinnen erwarten. Denn er adressiert die Zielgruppen, deren Nutzungsverhalten dafür verantwortlich ist, dass die Printauflagen aller Titel seit Jahren nur eine Richtung kennen. Exemplarisch für unsere Branche ist es aber leider, lang und ausgiebig darzulegen, welche der im Video genannten Fehler eventuell doch keiner war oder eigentlich ganz anders gemeint - eingebettet in die übliche “der junge Mann mit dem blauen Haarschopf” Wertung des Gesehenen. Es geht allerdings den Leserinnen nicht um das Aussehen, sondern um Inhalte in einer zeitgemäßen Darreichungsform.



W&V Redaktion
Autor: W&V Redaktion

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