Olympische Winterspiele :
Stimmung bei Olympia leidet unter TV-Diktat

Viele Wettbewerbe bei den Winterspielen richten sich nach den milliardenschweren Interessen der TV-Imperien. Darunter leidet die Stimmung vor Ort.

Text: W&V Redaktion

Ein wesentlicher Stimmungstöter in Pyeongchang sind die späten Wettkampfzeiten.
Ein wesentlicher Stimmungstöter in Pyeongchang sind die späten Wettkampfzeiten.

Als er auf die dürftige Stimmung im Biathlon-Stadion von Pyeongchang angesprochen wurde, musste sich Bundestrainer Gerald Hönig zurückhalten. "Ich will nicht das Wort Trauerspiel in den Mund nehmen", sagte Hönig am Dienstag im Deutschen Haus. Genau dieses Wort hatte er aber am Samstag nach Laura Dahlmeiers erstem Sieg noch verwendet, um die Stimmung in Pyeongchang zu charakterisieren.

Nicht nur bei den Biathleten, auch bei den Skispringern herrscht Tristesse auf den Rängen. Nur wenige Hundert Zuschauer waren etwa bei Andreas Wellingers Sieg auf der Normalschanze bis zum Schluss dabei. Genauso bei Katarina Althaus' Sprung zu Silber.

Biathlon und Skispringen sind sicher nicht die Lieblingssportarten der Südkoreaner. Die Kälte hält auch den einen oder anderen davon ab, ins Stadion zu gehen. Ein wesentlicher Stimmungstöter sind aber die späten Wettkampfzeiten. Starts um 21.30 Uhr (13.30 Uhr MEZ) haben Wellinger & Co. beim Großschanzen-Wettbewerb am Samstag und beim Teamwettbewerb am Montag noch vor sich.

IOC-Eventchef Kit McConnell wies die Vermutung von sich, dass die Interessen der Fernsehanstalten bei der Gestaltung des Zeitplans Vorrang vor denen der Sportler und Zuschauer am Ort hätten: "Die Athleten sind am wichtigsten." Für das mitteleuropäische Fernsehpublikum sind die Startzeiten der Skispringer und Biathleten in Pyeongchang jedenfalls günstig, für die Sportler zumindest ungewohnt.

Die in den USA besonders populären Eiskunstlauf-Wettbewerbe finden am südkoreanischen Vormittag statt, so dass NBC sie zur besten Sendezeit in den Vereinigten Staaten ausstrahlen kann. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro dauerten die für den US-Markt wichtigen Finalläufe der Schwimmer zum Teil bis nach Mitternacht.

ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann, dessen Sender einen Teil der Übertragungsrechte von Discovery gekauft hat, sagt: "Wir sind nicht die Lizenznehmer, deshalb können wir keinen Einfluss auf den Zeitplan nehmen. In den Zeitplan sind aber die Interessen der europäischen Fernsehmärkte eingeflossen."

"Wer das meiste zahlt, hat den größten Einfluss"

Vor allem Discovery und NBC haben massives Interesse daran, dass die für die jeweiligen Märkte wichtigsten Entscheidungen zu den dort jeweils attraktiven Sendezeiten fallen. NBC zahlt rund 6,3 Milliarden Euro für die Rechte an den Spielen bis 2032. Discovery hat sich die europäischen TV-Rechte für die vier Olympischen Spiele bis 2024 für 1,3 Milliarden Euro gesichert. Fuhrmann dazu: "Wer das meiste zahlt, hat den größten Einfluss."

Andreas Bauer, der Trainer der Skispringerinnen, erklärt das Dilemma: "Auf der einen Seite möchte man im Fernsehen präsent sein und Einschaltquoten generieren. Das tut der Sportart gut, das tut den Athleten gut. Auf der anderen Seite will man stimmungsvolle Bilder sehen und da gehört auch eine gewisse Kulisse dazu. Es ist schwierig, ein Maß zu finden."

Besser besucht sind insbesondere die Wettbewerbe auf Eis in der Küstenstadt Gangneung. Der Ticketverkauf nähert sich vor allem deshalb der vom Organisationskomitee vor Beginn der Spiele ausgegebenen Zielmarke von 90 Prozent an. 910.000 Tickets haben die Organisatoren bislang insgesamt verkauft, sagte OK-Sprecher Sung Baik You am Dienstag. Das entspricht 85 Prozent der 1,17 Millionen Tickets, die für die Winterspiele zur Verfügung stehen. (Martin Beils, dpa)


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