Gerade hat Bauer bekanntgegeben, dass Sie das Australien-Geschäft verkaufen wollen. Warum?

Australien ist einer der schwierigsten Magazinmärkte der Welt. Der Anteil am Werbemarkt liegt dort bei unter einem Prozent. Wir haben schon länger überlegt, unser Australien-Geschäft zu verkaufen. Nun hat es sich ergeben.

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Australien, Neuseeland, Rumänien, Russland – werden Sie sich in diesem oder nächstem Jahr aus noch mehr Ländern zurückziehen?

Ich kann nicht ausschließen, dass wir uns aus Ländern zurückziehen. Aber das ist nicht im Sinne einer Rückkehr nach Deutschland zu verstehen. Wir machen nur ungefähr ein Drittel unseres Umsatzes in Deutschland, zwei Drittel im Ausland. Und ich sehe nicht, dass das anders wird. Im Gegenteil. Was wir hier betreiben, ist Risikostreuung. Wir wollen uns nicht zu stark auf ein einzelnes Standbein konzentrieren. Und wenn Sie sich unsere jüngsten Zukäufe anschauen: Die waren in Ländern wie Dänemark, Israel oder UK.

Sie wollen dort investieren, wo die Stärken von Bauer liegen. Welche sind das?

Ganz klar Publishing und Radio. Das sind heute unsere großen Ergebnisbringer. Und innerhalb des Publishing-Geschäfts gibt es Segmente, in denen wir historisch in allen unseren Märkten sehr stark sind. Das ist zum Beispiel der Bereich der TV-Zeitschriften und Zeitschriften für Frauen über 50. Da ergäbe sich logischerweise die Möglichkeit für Zukäufe. Auch muss es eine Art Marktbereinigung geben, wenn Märkte schrumpfen. Aber wir haben das Problem, dass das Kartellamt uns das extrem schwierig macht wegen der antiquierten Definition der Märkte.

Was sind die drei großen Lektionen für Bauer aus der Corona-Krise?

Wenn Sie uns vor einem Jahr gesagt hätten, dass wir innerhalb von ein, zwei Wochen weltweit 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice haben, dann hätten wir gelacht, weil unsere Infrastruktur zum Teil noch ziemlich veraltet war. Aber: Es hat funktioniert, und zwar richtig gut! Die zweite Lektion ist: Natürlich hängen unsere Umsätze zu einem nicht unwesentlichen Anteil vom Werbemarkt ab. Aber der Werbemarkt ist halt ein Schön-Wetter-Freund. Das heißt, wenn es gut geht, dann kann es auch sehr gut laufen und wenn es schlecht geht, dann kann es sehr schnell runtergehen. Man braucht weitere Geschäfte und zusätzliche Umsatzquellen, um diese Risiken aus dem Werbemarkt abfedern zu können. Die dritte Lektion ist für mich, dass ein paar Themen jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung akuter werden. Zum Beispiel die Kartellgesetzgebung, das Medienrecht und dessen Anwendung auf Facebook, YouTube oder Instagram. Da muss sich was ändern. Und das wird durch die Krise beschleunigt.

Können Sie das konkretisieren?

Die Kartellämter haben Marktdefinitionen, die relativ eng sind, aber nicht mehr unbedingt dem Nutzungsverhalten der Leserinnen und Leser Rechnung tragen. Ganz banal gesprochen: Wenn Sie wissen wollen, was Prinz Harry gerade so macht, dann kaufen Sie sich vielleicht eines unserer Yellow-Magazine oder Sie schauen fern. Oder aber – und das ist in der Regel heute der Fall – Sie gehen auf eine der vielen Webseiten oder in soziale Kanäle, die übrigens oft nicht von klassischen Medienunternehmen betrieben werden. Dieser Trend hat sich durch Corona nochmal beschleunigt. Mein 89-jähriger Vater hat jetzt beispielsweise ein Tablet zuhause und lernt, damit Nachrichten zu lesen. Es ist abstrus zu glauben, dass es keine starke Austauschbarkeit für verschiedene Medienkanäle gibt. Das sieht das Kartellamt aber nicht so, das schaut zum Beispiel nur auf Magazine. Wenn wir den Magazinbereich angucken, dann gibt es – weil wir alle schrumpfende Unternehmen sind – Konsolidierungen. Wir dürfen aber nicht konsolidieren. Und das bringt die Branche vielleicht um, obwohl eigentlich einer von zwei Playern überleben könnte.

Wie werden Sie am Ende das Geschäftsjahr abschließen?

Bauer ist ein kerngesundes Unternehmen: Wir haben nach wie vor einen sehr positiven Cashflow. Ich würde schätzen, vom Nettoergebnis werden wir ungefähr bei 70 Prozent von dem landen, was wir uns im Budget vor Corona vorgenommen hatten. Beim Umsatz werden es wahrscheinlich 90 Prozent sein. Frage: Bauen Sie Arbeitsplätze ab? Antwort: Im Rahmen der Portfolio-Bereinigung zum Beispiel in Australien und Neuseeland gehen Arbeitsplätze verloren. Wir stellen aber nach wie vor auch Mitarbeiter ein. Wir haben zum Beispiel in unserem vierten Geschäftsbereich – den KMU Services (administrative Services für kleine und mittelständische Unternehmen) – drei Entwicklungszentren, die alle Talente suchen. Frage: Im Januar wurde bekannt, dass Sie die "Mitteldeutsche Zeitung" in Sachsen-Anhalt übernehmen. Dort haben sie bereits die "Volksstimme". Soll das Tageszeitungsgeschäft eine Nische bleiben? Antwort: Mal schauen. Was Bauer auszeichnet ist, dass wir relativ flexibel sind. Und wir gucken uns auch Opportunitäten an. Ich kann nicht ausschließen, dass ich Ihnen in ein, zwei Jahren eine andere Antwort geben würde, aber aus heutiger Sicht liegt unser Fokus an anderer Stelle.

Es gibt ein berühmtes Interview mit Axel Springer, in dem er sagt, manchmal leide er wie ein Hund, wenn er die "Bild"-Zeitung lese. Sie waren mal bei der NZZ – das war sozusagen der Einstieg in der Beletage des Journalismus. Wenn Sie manchmal die Produkte Ihres Hauses lesen, die oft kritisiert werden – wie geht es Ihnen mit den Inhalten?

Was die meisten Leute nicht wissen: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in der Steiermark. Ich bin im Wesentlichen mit Bauernkindern in die Schule gegangen. Ich glaube, man darf nicht anfangen zu denken, man sei etwas Besseres. Wir produzieren viele Magazine, die leichte Unterhaltung bieten. Oder auch informativ sind, wie die Programmzeitschriften. Dafür gibt es einen Markt. Und ich glaube, der muss genauso bedient werden wie andere Märkte auch. Frage: Wie stehen Sie zu Kritik an Ihren Produkten? Antwort: Kritik ist wichtig, aber es gibt einen großen Unterschied – insbesondere, wenn ich an Rezo und YouTube denke. Das, was wir machen, unterliegt immer dem Presserecht. Das heißt, der Wahrheitsgehalt unserer Inhalte ist justiziabel, Falschbehauptungen können rechtlich verfolgt werden. Und das geschieht auch von Zeit zu Zeit. Denn ab und zu passiert uns ein Fehler. Deswegen ist das auch richtig. Das ist aber nicht wahr für irgendetwas, was Sie auf YouTube schalten. Hier sind die Betreiber nur schwierig zu belangen. Das ist einer der wirklich massiven, politisch großen Fehler, die die westliche Welt gemacht hat. Nämlich, dass die größten Medienunternehmen unserer Zeit nur sehr eingeschränkte Verantwortung haben für das, was auf ihrem Medium passiert.

Aber wir reden im Moment über Sie. Bauer hatte auch mal versucht, im politischen Zeitschriftenmarkt Fuß zu fassen. Hubert Burda hat eigentlich auch immer ganz gut davon gelebt, dass er auf der einen Seite Unterhaltung macht und auf der anderen sagen konnte: Ich habe "Focus", also ein politisches Nachrichtenmagazin. Haben Sie Träume, noch ein digitales oder ein Printmagazin zu machen?

Bauer leidet ein bisschen weniger unter diesem Dünkel. Auf meiner Visitenkarte steht – die hätte ich Ihnen jetzt gegeben – können Sie es lesen? "We think popular." Wir machen Medien für die breite Masse und nicht für gewisse Eliten oder Nischen. Frage: Es gibt einen Bereich, der radioverwandt ist, aber trotzdem ein neues Genre: Podcast. Hören Sie selber welche? Antwort: Selbstverständlich, Drosten zum Beispiel. Und "The New Yorker" höre ich sehr gerne, dazu vereinzelt deutsche Podcasts. Frage: Haben Sie da Wachstumsphantasien? Antwort: Ja, durchaus. Aber ich sehe das ein bisschen anders. Es ist für mich kein Markt. Podcasting ist für mich ein Audio-Produkt, das sich logischerweise sowohl für die klassischen Printmedien als auch für Audio-Unternehmen ergibt. Die Eintrittsbarrieren sind niedrig, und es ist ein relativ schwieriges Geschäftsmodell, wenn Sie ausschließlich Podcasts machen wollen. Aber als Teil eines Angebots, das man Abonnenten bietet, glaube ich, hat das durchaus viel Zukunft.

Sie wollen sich zu einem Multi-Business-Unternehmen entwickeln. Wie stellt man sich Bauer in drei Jahren vor?

Publishing ist weiterhin ein großes Standbein für uns. Wir sind nach wie vor der größte Radiobetreiber Europas. Und dann haben wir zwei neue, gut etablierte Geschäftsfelder. Vergleichsportale, ein schnell wachsender Bereich, und unser jüngstes Kind, das noch sehr klein ist: das sind Services für KMU. Vielleicht kommt noch etwas hinzu, wer weiß. Frage: Wann werden Sie sagen: Ich war ein guter Bauer-Verlagsmanager? Antwort: Was mir gut gefällt an der Familie Bauer ist: Sie werden sie nie auf den Covern von Hochglanzmagazinen sehen. Es gibt eine gewisse Bescheidenheit. Man muss sich nicht die Bestätigung von außen suchen. Das ist sehr stark die DNA dieses Hauses. Wenn Sie ein Unternehmen haben, wo die Kultur relativ "low ego" ist, also wo das Ego der Manager relativ wenig zur Schau gestellt oder honoriert wird, dann führt das zu einer gesünderen Unternehmenskultur.

Wann sind Sie erfolgreich? 

Wenn wir langfristig Wert geschaffen haben.

Zur Person: Veit Dengler (51) ist seit April 2018 bei der Bauer Media Group in der Konzerngeschäftsleitung tätig, seit April 2019 hat er die Funktion des Chief Operating Officer (COO) inne und verantwortet das gesamte operative Konzerngeschäft. Vor Bauer war Dengler mehrere Jahre seit 2013 CEO für die Schweizer NZZ-Mediengruppe, deren Flaggschiff die "Neue Zürcher Zeitung" ist. Der Manager arbeitete davor unter anderem für McKinsey und Dell. Der gebürtige Österreicher studierte an der Kennedy School of Government der Harvard University und an der Wirtschaftsuniversität in Wien. In Österreich war er 2012 an der Gründung der liberalen Partei "NEOS – Das Neue Österreich und Liberales Forum" beteiligt und zeitweise stellvertretender Vorsitzender.

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