Negativpreis Plagiarius:
Die wildesten Produkt-Fakes des Jahres

Der Umsatz mit gefälschten Produkten geht in die hunderte Millionen Euro. Wer sich dabei durch besondere Frechheit hervorgetan hat, kann mit dem Plagiarius rechnen. Das sind die zehn aktuellen Preisträger.

Text: Annette Mattgey

Das Symbol des Plagiarius: Ein Zweg mit goldener Nase.
Das Symbol des Plagiarius: Ein Zweg mit goldener Nase.

Beim Thema Fälschungen kommt es auf die Verbraucher an. Sie haben es in der Hand, ob sie zum Schnäppchen greifen oder zum Original. Wobei es durchaus Fakes gibt, die teurer sind als das ursprüngliche Produkt. Der alljährlich vergebene Plagiarius-Preis will denn auch ein Stück Erziehungsarbeit leisten und aufzeigen, wer mit Fälschungen Profit macht, was am liebsten kopiert wird und warum oft der Kunde der Dumme ist. 

Laut EU-Kommission haben die europäischen Zollbehörden 2018 an den EU-Außengrenzen mehr als 27 Millionen rechtsverletzende Produkte mit einem Wert von über 740 Millionen Euro beschlagnahmt. China (inkl. Hong Kong) ist einerseits Herkunftsland Nr. 1 für Fälschungen. Gleichzeitig entwickeln sich viele chinesische Firmen von der verlängerten Werkbank des Westens zu innovativen Mitbewerbern auf den Weltmärkten, die selbst ihre Produkte schützen. In Auftrag gegeben bzw. vertrieben werden Nachahmungen zudem häufig in Industrieländern, u.a. von ideenarmen Mitbewerbern oder ehemaligen Produktions- bzw. Vertriebspartnern. Gezielt prüfen gerade auch westliche Wettbewerber die Existenz von gewerblichen Schutzrechten. Sind keine eingetragen, werden Anspruchsdenken und Skrupel über Bord geworfen und fremde Design- und Techniklösungen als eigene Leistung verkauft.

Die Formen sind vielfältig: Sie reichen von Designplagiaten über Technologieklau bis zu Markenfälschungen. Verkauft werden die nachgemachten Waren in allen Preis- und Qualitätsabstufungen: Von gefährlichen Billigfälschungen bis zu qualitativ hochwertigen Plagiaten. Die Schäden für die Originalhersteller sind enorm: Umsatzeinbußen, Verlust von Arbeitsplätzen, ungerechtfertigte Imageschäden, mangelnde Erträge für zukünftige Produktentwicklungen.

Die Aktion Plagiarius e.V., die einst von Designer Prof. Rido Busse ins Leben gerufen wurde, vergab jetzt auf der Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" den Schmähpreis. zum 44. Mal. Dabei ist unerheblich, ob ein nachgemachtes Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder rechtswidrig ist.

Die diesjährige Laudatorin, Christiane Nicolaus, Direktorin des Design Center Baden-Württemberg, betonte in ihrer Rede: "Design ist Innovationstreiber, Differenzierungsmerkmal und wirtschaftlicher Erfolgsfaktor - über alle Branchen hinweg. Es ist die Schnittstelle zwischen Produkt und Mensch. De-sign- und Ingenieurleistung erfordern nicht nur sehr komplexes Fachwissen, sondern auch ein Gespür für Märkte, Trends und wirtschaftliche Machbarkeit. Produktentwicklung kostet Zeit, Geld und Know-how. Innovativen Firmen steht der Lohn für ihre Arbeit zu. Sich inspirieren lassen ist das eine - plumpes Nachahmen zum eigenen Profit, auf Kosten anderer, ist respektlos und unfair."

Eine Jury ist für die Auswahl zuständig. Sie vergab vier Hauptpreise (der 3. Preis wurde zweimal vergeben) und sechs gleichrangige Auszeichnungen aus insgesamt 23 Einsendungen.

Die Preisträger 2020 des Negativ-Preises "Plagiarius"

Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger wählt, werden die vermeintlichen Plagiatoren über ihre Nominierung informiert und erhalten die Möglichkeit zur Stellungnahme. Neben fallbezogenen Informationen fließen diese Reaktionen, sofern erfolgt, mit in die Bewertung ein. Der Jury geht es nicht darum, legale Wettbewerbsprodukte zu brandmarken. Intention ist vielmehr, plumpe 1:1 Nachahmungen, die dem Originalprodukt bewusst zum Verwechseln ähnlich sehen und die keinerlei kreative oder konstruktive Eigenleistung aufweisen, in den Fokus zu rücken.

Warum Plagiate gefährlich sind

Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Plagiaten ist oftmals katastrophal. Das Tückische: Auf den ersten Blick machen Plagiate einen guten Eindruck. Verbraucher sollten sich aber nicht blauäugig der Illusion hingeben, dass gleiches Aussehen automatisch die gleiche Qualität, Leistungsfähigkeit und vor allem Sicherheit bedeutet. Viele Plagiate und Fälschungen sind nachweislich aus billigen Materialien gefertigt, schlecht verarbeitet und haben nie eine Qualitäts- oder Sicherheitskontrolle durchlaufen. De facto zeigt sich das u.a. in kurzer Lebensdauer, mangelhafter Elektronik und Funktionalität oder sehr hohen Schadstoffbelastungen. Kurzum: Gesundheitsrisiken. Beispielsweise, wenn das Material der vermeintlich harmlosen Rucksackfälschung mit giftigen, krebserregenden Schadstoffen belastet ist, oder die gefälschte Sonnenbrille keinen UV-Schutz vor gefährlichen Sonnenstrahlen bietet. Lebensgefährlich wird es bei gefälschten Felgen, Medikamenten, Motorsägen, Beatmungsgeräten etc.

Fake-Shops boomen

Auf namhaften globalen E-Commerce-Plattformen werden neben Originalwaren nachweislich auch massenweise rechtswidrige Plagiate und Fälschungen angeboten. Meist von Drittanbietern, die nach Bedarf ihre (Schein-)Identitäten wechseln und sich erfolgreich in der Anonymität des Internets verstecken. Ein lukratives Geschäft ohne (Haftungs-) Risiken, bei dem nebenbei noch die Plattform-Betreiber mitverdienen. Parallel entstehen immer mehr "Fake-Shops". Unseriöse Anbieter übernehmen entweder auslaufende Domains bekannter Marken oder registrieren Domainnamen, in denen Markennamen vorkommen. Die Fake-Shops sehen den Webseiten der Markenhersteller täuschend ähnlich. Oft verwenden sie Originalfotos, -bewertungen etc., um die Verbraucher in die Irre zu führen. Solange es für Jedermann weltweit möglich ist, (de-) Domains ohne Identitätsprüfung zu registrieren oder sich auf E-Commerce-Portalen mit falschen Namen und Adressen anzumelden, werden diese Lücken zu unlauteren Zwecken ausgenutzt werden.


Autor:

Annette Mattgey, Redakteurin
Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt". 


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