Projekt Kreativität :
Beflügeln Drogen tatsächlich die Kreativität?

Koks, Alkohol, Synthetik-Drogen: Über Werber gibt es viele Klischees. Aber machen Drogen überhaupt kreativer? Oder denkt man nur, man sei es? Antworten vom Neurowissenschaftler.

Text: Rolf Schröter

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Michael Nitsche ist wissenschaftlicher Direktor der Abteilung Psychologie und Neurowissenschaften an der TU Dortmund.
Michael Nitsche ist wissenschaftlicher Direktor der Abteilung Psychologie und Neurowissenschaften an der TU Dortmund.

Im Rahmen des W&V Specials "Kreativität" geht es vier Wochen lang um das Schwerpunktthema Kreativität. W&V liefert dazu kanalübergreifend Hintergrundgespräche, Notizen am Rande, interessante Anekdoten und allerlei Bonus-Tracks zum Thema Kreativität.

Zum Beispiel das Interview mit Professor Dr. Michael Nitsche, dem wissenschaftlichen Direktor der Abteilung Psychologie und Neurowissenschaften an der TU Dortmund. Wer sich dafür interessiert, ob Drogen kreativer machen und wie solche Substanzen überhaupt im Gehirn wirken, sollte jetzt weiterlesen.

Herr Professor Nitsche, machen Drogen kreativer?

Das ist eine spannende Frage. Es gibt keine wirklich belastbaren Studien, die das zeigen. Betrachten wir die einzelnen Substanzen: Bei Psychostimulanzien konnte man zeigen, dass damit konvergentes Denken gefördert wird, also Denken in Schubladen entlang vorgegebener Stränge. Divergentes Denken dagegen wird eher nicht gefördert, sondern sogar möglicherweise vermindert. Dabei ist divergentes Denken wohl am ehesten das, was man landläufig unter Kreativität versteht. Auch für Alkohol gibt es keine Studien, die zeigen, dass der Konsum Kreativität fördern würde. Dann gibt es exotische Substanzen wie LSD, die psychedelische Erlebnisse auslösen können. Ob die kreativer machen, stelle ich in Frage. Aber sie können zumindest Wahrnehmungsveränderungen erzeugen. Ob die faktisch im Sinne einer kreativen Idee umsetzbar sind, das ist eine andere Frage. Mit Hilfe von nichtinvasiven Hirnstimulationsverfahren kann man ebenfalls Funktionen der Großhirnrinde verändern. Damit konnte man zeigen, dass die Lösung von Laboraufgaben durchaus verbessert werden kann. Sprich: Die Stimulierung bestimmter Zielareale im Gehirn führen zu Problemlösungen, die bei kreativen Aufgabenstellungen eine Rolle spielen.

Zum Beispiel?

Eine aktuelle Studie hat untersucht, ob bei Jazzmusikern die Improvisationsfähigkeit verbessert werden kann, indem man entsprechende Hirnareale durch schwache Gleichströme stimuliert. Da scheint es so zu sein, dass es bei Laien-Musikern zu einer leichten Verbesserung der Spielfähigkeit kommen kann. Das wurde durch Experten-Ratings beurteilt. Die Stimulation bei Profi-Musikern hat dagegen eher zu einer Verschlechterung geführt. Ob solche Effekte  Alltagsrelevanz haben können, ist gegenwärtig allerdings offen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, ob Drogen kreativer machen: Das Bild ist ziemlich heterogen und bunt; aber man muss sagen, dass dieses Thema auch relativ schlecht untersucht ist.

In welchen Hirnarealen vermuten Sie denn den Sitz der Kreativität?

Es geht hier vermutlich nicht um ein einzelnes Areal, sondern eher um ein komplexes Zusammenspiel einer Vielzahl von Regionen. Der präfrontale Kortex spielt mit Sicherheit eine Rolle. Er ist an der Kontrolle kognitiver Zustände im Allgemeinen massiv beteiligt. Die Amygdala ist eher ein Areal, das für Emotionssteuerung zuständig ist. Auch das kann eine Auswirkung auf die Kreativität haben. Je nachdem, in welcher Stimmung man sich befindet, beeinflusst das die Gedanken und die Richtung der kognitiven Prozesse. Aber das ist ein sehr diversifizierter Prozess, insbesondere wenn man sich Kreativität im Alltagsleben anschaut. Je nachdem, ob man Schriftsteller, Musiker oder Kreative in der Werbebranche betrachtet, sind sicherlich Gehirnareale in unterschiedlicher Gewichtung beteiligt, allein deshalb, weil Kreative mit jeweils unterschiedlichen Materialien arbeiten.

Man glaubt, kreativer gewesen zu sein, wenn man unter Drogen gearbeitet hat. Wer trinkt, glaubt, besonders kreativ zu sein. Woher kommt diese Selbsteinschätzung?

Sowohl Alkohol als auch Substanzen wie Kokain haben Auswirkung auf Stimmungen. Alkohol kann in einer bestimmten Dosis enthemmend wirken. Das betrifft auch die Urteilsfähigkeit. In dem Moment, in dem man unter dieser Substanz steht, hat man das Gefühl, kreativer und besser zu sein. Psychostimulanzien beschleunigen nicht nur kognitive Prozesse. Sie haben auch positive Effekte auf die Selbstwahrnehmung und vermindern die Selbstkontrolle. Das kann einem das Gefühl geben, kreativer zu sein. Im Arbeitsleben muss man viele Stunden mit bestimmten Projekten verbringen. Da können Psychostimulanzien Müdigkeitsgefühle verringern. Man kann längere Zeit aufmerksam bleiben. Aber wie gesagt: Gerade eine Art der Kreativität, die neue Lösungen bringen und aus den normalen Denkbahnen ausbrechen soll, wird bei vielen Substanzen eher verhindert als gefördert. 

Kiffen macht den einen fröhlich, den anderen traurig. Ist die Wirkung von Drogen immer individuell?

Viele der beschriebenen Substanzen wirken neuromodulatorisch. Das heißt, sie haben Effekte, die nicht linear sind. Ihre Wirkung hängt auch davon ab, in welchem Zustand man sich zum Zeitpunkt vor dem Drogenkonsum befindet. Die wissenschaftliche Betrachtung ist zwar schwierig, weil in erster Linie persönliche Beschreibungen von Drogenkonsumenten zugrunde liegen. Trotzdem zeigen diese Befunde, gerade bei LSD, dass der Zustand, in dem man sich vor dem Drogenkonsum befindet, darüber bestimmt, ob das Erlebnis euphorisierend ist oder nicht. Das lässt sich auch bei kognitiven Leistungen zeigen. Je nachdem kann eine eingenommene Substanz eine kognitive Leistung verbessern oder verschlechtern. Es gibt interessante Studien zum Arbeitsgedächtnis und Amphetaminen. Die haben gezeigt, dass tatsächlich Menschen, die eine schlechte Arbeitsgedächtnisleistung hatten, von Amphetaminen profitieren konnten. Aber auf Personen, die vorher schon eine sehr gute Leistung hatten, wirkten Amphetamine eher leistungsmindernd. Man kann einfach nicht von vornherein sagen, welche Auswirkungen eine Substanz auf die individuellen kognitiven Leistungen und die Kreativität haben wird.

Welche Rolle spielt der Placebo-Effekt? Stichwort Drogen als Ego-Booster.

Es gibt Beschreibungen von Künstlergruppen, die sich über den Konsum bestimmter Drogen definiert haben. Die hatten offenbar das Gefühl, unter der Wirkung dieser Substanzen besser zu sein. Natürlich kann das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe einen Placebo-Effekt auslösen. Und: Die Selbstkontrolle ist unter Drogeneinfluss geringer. Das verstärkt Placebo-Effekte.

Alle reden von Disruption. Drogen wirken enthemmend. Die Erwartung an Drogen ist vielleicht mit der Hoffnung verknüpft, dadurch ein unkonventionelles Denken herbeiführen zu können.

Wie gesagt: Psychostimulanzien vermindern dieses unkonventionelle Denken eher. Kreativität ist eben ein sehr komplexes Phänomen. Es gibt eine naive, kindliche Kreativität: Man macht etwas Neues, ohne konkreten Hintergrund. Aber disruptive Ideen helfen nur, wenn sie eingeordnet werden. Um es plakativ auszudrücken: Man muss unterscheiden zwischen tatsächlich hilfreicher Kreativität und Quatsch. Ich kann disruptiv sein, ohne dass das irgendwie weiter hilft. Oder ich kann kreativ sein unter Berücksichtigung bestimmter Grundbedingungen. Das muss man auseinanderhalten. Denn: Was wollen Sie mit einem Produkt, das extrem originell ist, aber nicht hilfreich?

In der Werbebranche gilt Kokain als bevorzugte Droge. Warum ausgerechnet Kokain?

Kokain hat einen relativ schnell anflutenden Effekt, der euphorisiert; einen Kick-Effekt. Zudem ermöglicht es eine länger andauernde Vigilanz, also Aufmerksamkeit. Man kann länger arbeiten und hat dabei ein gutes Gefühl. Ob das tatsächlich zu einer besseren Qualität führt, sei dahingestellt. Die Auswirkungen auf bestimmte Trägersubstanzen im Gehirn sind ähnlich wie beim Amphetamin. Es gibt einen optimalen Status der Neurotransmitter, also Überträgersubstanzen im Gehirn. Eine zu hohe Konzentration führt zu einer Verschlechterung der Leistung. Letztendlich ist das eine Frage der Dosis. Kaffee wirkt übrigens im Prinzip nicht viel anders als Kokain, was die Mechanismen im Hirn betrifft. Nur langsamer und milder.

Koffein ist ja auch eine Droge. Dargereicht wird Kaffee oft mit Zucker. Würden Sie Zucker auch zu den Drogen zählen?

Das ist eine schwierige Frage. Eine solche Definitionsfrage kann man nicht so einfach beantworten. Wenn man keine Mangelzustände in seinem Körper und keine Erkrankungen hat, bekommt das Gehirn genug Blutzucker. Wenn man den Blutzucker erhöht, wird das relativ schnell reguliert. 

Momentan werden manchen Nahrungsmitteln drogenähnliche Wunderwirkungen zugesprochen. Etwa Chia-Samen.

Physiologisch ist es kaum zu erklären, warum man damit eine Leistungsverbesserung haben sollte. Klar: Wenn man Hunger hat, ist man weniger leistungsfähig und konzentriert. Aber Nahrungsmittel als Drogen zu bezeichnen, das geht zu weit.

Man kann die Wirkung des Gehirns einerseits über funktionelle Magnetresonanztomographie messen, und andererseits über eine biochemische Analyse von Überträgersubstanzen. Was ist für den Wissenschaftler interessanter?

Die chemische Wirkweise im Gehirn bedingt das, was man im Magnetresonanztomographen sieht. Die gängigsten Drogen wie Amphetamin, Kokain und Alkohol wirken über das dopaminare System, sprich Dopamin wird hochreguliert. Dopamin ist zum einen eine wichtige Substanz für die Aktivierung des Belohnungszentrums. Und es ist wichtig für sehr viele unterschiedliche Prozesse im Gehirn wie Motorik und kognitive Prozesse. Unterschiedliche Rezeptoren wirken in bestimmten Arealen und haben wiederum Auswirkungen auf andere Trägersubstanzen. Das entfaltet komplexe Wirkungen. Das Wichtige beim Dopamin: Es gibt einen optimalen Konzentrationsgrad, der sich günstig auf kognitive Leistungen auswirkt.

Sie sprechen von "Arealen" im Gehirn. Welche dieser Areale sind besonders wichtig?

Der präfrontale Kortex ist von entscheidender Bedeutung für die Aufmerksamkeit. Das Belohnungszentrum liegt im Nucleus accumbens. Das ist ein Areal, das unter der Hirnrinde liegt, in der Nähe des präfrontalen Kortex. Es gab vor einigen Jahren Studien an Ratten. Die Belohnung war entweder Futter oder die Stimulierung des Belohnungszentrums. Am Ende sind die Ratten verhungert, weil sie nur noch ihr Belohnungszentrum stimuliert hatten.

Übrigens: Eine Studentin der Münchner Akademie U5 untersucht in ihrer aktuellen Diplomarbeit den Einfluss von Alkohol bei der Ideenfindung.

Weitere spannende Inhalte rund um das Thema Kreativität finden Sie in unserem 4-teiligen W&V-Special. Lassen Sie sich inspirieren! 


Autor:

Rolf Schröter
Rolf Schröter

Als Leiter des Marketing-Ressorts der W&V und neugieriger Kurpfälzer interessiert sich Rolf Schröter prinzipiell für alles Mögliche. Ganz besonders mag er, was mit Design und Auto zu tun hat. Selbst besessen hat er bislang nur einen schwarzen Ford Capri 2 mit 6 Zylindern und 225er Reifen, sowie einen lichtblauen VW-Käfer, Baujahr 67.



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