Ein weiterer früherer Geschäftsführer von Mediacom, Arno Schäfer, verwendet fast dieselben Begriffe: "Klar, fokussiert, interessiert." Schäfer erlebte mehrere große Konferenzen mit Sorrell und nahm ihn im persönlichen Umgang als "wirklich witzig und erstaunlich breit gebildet" wahr. Nur den Namen "Dmexco" habe er am Anfang missverstanden - er dachte, das "D" stehe für Deutschland. Im Job sei er so gut zu erreichen gewesen, "dass man dachte, Martin Sorrell gibt's dreimal."

"Hart, aber fair"

Ähnlich erlebte ihn Rlvnt-Gründer Matthias Biebl in der WPP-Agentur Burson-Marsteller in Berlin: "Er wirkte sehr interessiert, extrem fokussiert und gab uns allen das Gefühl, Teil einer unternehmerischen Vision zu sein. Mich hat das sehr beeindruckt."  Ex-Ogilvy-Mann Johannes Ceh kam einmal in Dubai mit ihm in Kontakt: "Adlerauge. Präzise. Hart, aber fair."

2011 übernahm WPP die Mehrheit bei Scholz & Friends. Nico Lumma, damals Social-Media-Chef der Agentur, erinnert sich noch daran, wie Sorrell damals lebensgroß auf einem XXL-Monitor aus New York zugeschaltet wurde und dabei einen Blick auf die neuen Räumlichkeiten am Hackeschen Markt in Berlin warf:

"Er saß an einem Schreibtisch in einem kargen Raum, vor sich ausgedruckt lauter Spreadsheets. Euphorisch wurde Sir Martin mit einem Kameraschwenk ein Blick auf die neuen Räumlichkeiten gewährt, die er mit einem knappen "looks expensive" kommentierte, worauf die Stimmung merklich abkühlte ... Danach stieg er ein in einen kurzen Abriss seiner Vorstellung des Werbemarktes und seine daraus resultierenden Erwartungen. Es wurde nicht gelacht."

Unter ehemaligen Scholz-&-Friends-Kollegen gehen die Meinungen auseinander. Ex-Pressesprecher Markus Mayr vermutet: "Wahrscheinlich könnte man ihn nachts um drei wecken, und er hätte spontan die Umsatzzahlen von JWT in Vietnam parat". Der frühere S&F-Stratege Gerald Hensel vertritt eine andere These. Je weiter eine WPP-Agentur geografisch und kulturell von der Londoner Zentrale entfernt und je unwichtiger sie zum Beispiel für das Geschäft mit dem XXL-Kunden Procter & Gamble, desto geringer die Rolle von WPP oder Martin Sorrell:

"Man kann als Agentur im WPP-Universum seine Sorrell-Sichtbarkeit auf Basis einer Indexzahl berechnen, die den P&G-Umsatz durch die Entfernung zum Londoner Stadtzentrum teilt."

Egal, ob Sorrell die Zahlen von JWT Vietnam im Halbschlaf aufsagen kann oder nicht: Sein Hang zu Zahlen ist legendär - im Guten wie im Schlechten. Ein ehemaliger deutscher WPP-Manager, der ungenannt bleiben möchte, beschreibt ihn als komplett bilanzfixiert:

"Ein Nerd mit einem unglaublichen Gespür für Zahlen, total entfremdet von den Mitarbeitern seiner zahlreichen Agenturen und ohne wirklichen Fokus auf Dialog."

Bei einer großen europäischen Video-Konferenz mit dem CEO sei es zu einer bizarren Szene gekommen: Die WPP-Leute konnten Sorrell auf dem Screen sehen, er aber nicht sie  - zum Glück. Denn irgendwann griffen die Deutschen zum Bier und klinkten sich aus: "Auf den Screens sah man Sorrell in seinem Hotelzimmer, umgeben von einem Meer von Ausdrucken. Er las brav Brutto-Inlandszahlen für die Region EMEA vor, schier endlos und ohne Pause. Und in Berlin hörte ihm niemand mehr zu, alle unterhielten sich und tranken."

Jetzt hat Sorrell mehr als nur die Kontrolle über eine Video-Konferenz verloren.

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Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.