WPP in Deutschland :
"Man dachte, Martin Sorrell gibt's dreimal"

Nach einer märchenhaften Laufbahn schien Martin Sorrell zuletzt mehr Legende als CEO zu sein. Wie nahmen deutsche WPP-Manager den obersten Chef eigentlich wahr? Erinnerungen an den mächtigsten Werber der Welt.

Text: Frank Zimmer

Martin Sorrell hat WPP groß gemacht.
Martin Sorrell hat WPP groß gemacht.

Auf neueren Fotos sieht Martin Sorrell ein bisschen aus wie ein deutscher Chefarzt beim internationalen Gynäkologenkongress auf Malta: leichte Gesichtsbräune, gut, aber unauffällig und jederzeit dem Anlass entsprechend gekleidet, konservatives Brillenmodell, wacher Blick, energische Ausstrahlung, immer einsatzbereit. Nichts wirkt staatsmännisch-entrückt wie etwa bei manchen Porträts von Mathias Döpfner, die man genauso gut in Ölmalerei anfertigen könnte. Nichts scheint gestellt, "stylish" oder "cool" wie bei vielen so genannter Werbestars.

Jedes offizielle Sorrell-Bild könnte der Screenshot einer TV-Reportage über ihn sein. Im nächsten Augenblick, so wirkt es, muss er wieder etwas analysieren, berechnen, beurteilen und entscheiden.

Wie wichtig war Martin Sorrell?

Sorrells unternehmerische Leistung ist so groß, seine Karriere so lang und sein Gehalt so märchenhaft, dass hinter der imposanten Biografie am Ende kaum noch zu erkennen war, wie er in seinem weltweiten Agenturreich überhaupt wirkte. Wie wurde er in deutschen WPP-Agenturen wahrgenommen? Als ferne Gottheit in London ohne Kontakt zum operativen Geschäft oder eher als Senior-CEO, mit dem jederzeit zu rechnen war?

Eine Umfrage unter ehemaligen WPP-Managern in Deutschland lässt eindeutig auf Variante 2 schließen. Ex-Mediacom-Geschäftsführer Oliver Blecken beschreibt ihn als "eindrucksvolle Persönlichkeit - voller Energie, präsent, informiert und fokussiert". Auf Mails habe er innerhalb von 30 Minuten geantwortet.

Ein weiterer früherer Geschäftsführer von Mediacom, Arno Schäfer, verwendet fast dieselben Begriffe: "Klar, fokussiert, interessiert." Schäfer erlebte mehrere große Konferenzen mit Sorrell und nahm ihn im persönlichen Umgang als "wirklich witzig und erstaunlich breit gebildet" wahr. Nur den Namen "Dmexco" habe er am Anfang missverstanden - er dachte, das "D" stehe für Deutschland. Im Job sei er so gut zu erreichen gewesen, "dass man dachte, Martin Sorrell gibt's dreimal."

"Hart, aber fair"

Ähnlich erlebte ihn Rlvnt-Gründer Matthias Biebl in der WPP-Agentur Burson-Marsteller in Berlin: "Er wirkte sehr interessiert, extrem fokussiert und gab uns allen das Gefühl, Teil einer unternehmerischen Vision zu sein. Mich hat das sehr beeindruckt."  Ex-Ogilvy-Mann Johannes Ceh kam einmal in Dubai mit ihm in Kontakt: "Adlerauge. Präzise. Hart, aber fair."

2011 übernahm WPP die Mehrheit bei Scholz & Friends. Nico Lumma, damals Social-Media-Chef der Agentur, erinnert sich noch daran, wie Sorrell damals lebensgroß auf einem XXL-Monitor aus New York zugeschaltet wurde und dabei einen Blick auf die neuen Räumlichkeiten am Hackeschen Markt in Berlin warf:

"Er saß an einem Schreibtisch in einem kargen Raum, vor sich ausgedruckt lauter Spreadsheets. Euphorisch wurde Sir Martin mit einem Kameraschwenk ein Blick auf die neuen Räumlichkeiten gewährt, die er mit einem knappen "looks expensive" kommentierte, worauf die Stimmung merklich abkühlte ... Danach stieg er ein in einen kurzen Abriss seiner Vorstellung des Werbemarktes und seine daraus resultierenden Erwartungen. Es wurde nicht gelacht."

Unter ehemaligen Scholz-&-Friends-Kollegen gehen die Meinungen auseinander. Ex-Pressesprecher Markus Mayr vermutet: "Wahrscheinlich könnte man ihn nachts um drei wecken, und er hätte spontan die Umsatzzahlen von JWT in Vietnam parat". Der frühere S&F-Stratege Gerald Hensel vertritt eine andere These. Je weiter eine WPP-Agentur geografisch und kulturell von der Londoner Zentrale entfernt und je unwichtiger sie zum Beispiel für das Geschäft mit dem XXL-Kunden Procter & Gamble, desto geringer die Rolle von WPP oder Martin Sorrell:

"Man kann als Agentur im WPP-Universum seine Sorrell-Sichtbarkeit auf Basis einer Indexzahl berechnen, die den P&G-Umsatz durch die Entfernung zum Londoner Stadtzentrum teilt."

Egal, ob Sorrell die Zahlen von JWT Vietnam im Halbschlaf aufsagen kann oder nicht: Sein Hang zu Zahlen ist legendär - im Guten wie im Schlechten. Ein ehemaliger deutscher WPP-Manager, der ungenannt bleiben möchte, beschreibt ihn als komplett bilanzfixiert:

"Ein Nerd mit einem unglaublichen Gespür für Zahlen, total entfremdet von den Mitarbeitern seiner zahlreichen Agenturen und ohne wirklichen Fokus auf Dialog."

Bei einer großen europäischen Video-Konferenz mit dem CEO sei es zu einer bizarren Szene gekommen: Die WPP-Leute konnten Sorrell auf dem Screen sehen, er aber nicht sie  - zum Glück. Denn irgendwann griffen die Deutschen zum Bier und klinkten sich aus: "Auf den Screens sah man Sorrell in seinem Hotelzimmer, umgeben von einem Meer von Ausdrucken. Er las brav Brutto-Inlandszahlen für die Region EMEA vor, schier endlos und ohne Pause. Und in Berlin hörte ihm niemand mehr zu, alle unterhielten sich und tranken."

Jetzt hat Sorrell mehr als nur die Kontrolle über eine Video-Konferenz verloren.

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Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.