Kein GWA-Vorsitz :
Warum Michael Trautmann nicht GWA-Präsident werden will

Viele hatten GWA-Vize Michael Trautmann an der Spitze des Agenturverbandes sehen wollen. Jetzt hat er das Amt abgelehnt. Im W&V-Interview sagt er warum.

Text: Conrad Breyer

Michael Trautmann hat viele Projekte am Laufen, u.a. veröffentlicht er bald ein Buch über Neues Arbeiten.
Michael Trautmann hat viele Projekte am Laufen, u.a. veröffentlicht er bald ein Buch über Neues Arbeiten.

Alle hatten es erwartet, die Fachpresse berichtet. Und Michael Trautman hat selbst lange damit geliebäugelt. Er sollte, wollte Präsident des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA werden. Bislang ist er Vize, kümmert sich im Vorstand um den Effie. Präsident Wolf-Ingomar Faecks möchte nach zwei Amtsperioden abtreten. Jetzt macht Trautmann einen Rückzieher, stellt sich nicht zur Wahl, zum Teil aus ganz persönlichen Gründen.

Herr Trautmann, alle waren sich sicher, am meisten Sie selbst – jetzt wollen Sie doch nicht mehr GWA-Präsident werden. Was ist passiert?

Ich bin mir der Verantwortung, die mit der Übernahme eines solchen Amtes verbunden ist, sehr bewusst. Ich habe die Arbeit unseres aktuellen Präsidenten Wolf-Ingomar Faeks in den letzten vier Jahren als Vize-Präsident im GWA aus nächster Nähe beobachten können. Angesichts der Veränderungen bei Thjnk und meiner neuen Rolle dort und darüber hinaus passt der Job des GWA-Präsidenten aktuell nicht zu mir.

Sie spielen auf den Verkauf Thjnks an WPP an. Zudem stecken Sie als Chairman nicht mehr so tief im operativen Geschäft der Agentur, betreuen mit Upsolut Sports außerdem Ihre eigene Firma.

Mein Engagement für Thjnk bestimmt immer noch meinen Tagesablauf, auch wenn sich die Inhalte geändert haben. Richtig ist, dass ich nicht mehr das Management der Gruppe verantworte, einen großen Teil meiner Verantwortung, nämlich die für die Holdingfunktionen, habe ich bereits abgegeben, als Uli Pallas (der Finanzchef, Anm.d.Red.) unser Vorstandsteam verstärkt hat. Sowohl Bobby & Carl als auch Upljft (Bobby & Carl ist die gemeinsame Agentur von Thjnk und ThyssenKrupp, Upljft ein Joint Venture von Thjnk und dem Ad-Tech-Unternehmen Facelift, Trautmann führt beides, Anm.d.Red.) wachsen stark und es mangelt nicht an Themen, bei denen ich mich einbringen kann. Bei Upsolut Sports haben wir ebenfalls viel zu tun und werden bereits im November, unter dem Namen Curox eine völlig neue Sportart etablieren und unter dem Namen Curox 01 unser erstes eigenes Sportevent durchführen. Ich bin also erst dabei, mein neues Zeitgefühl zu entwickeln.

Was verbirgt sich hinter diesem Sport ?

Curox kombiniert die Sportarten Running und Functional Training. Schwere Gewichte zu bewegen und gleichzeitig acht Kilometer zu laufen macht Curox nicht nur einzigartig, sondern vor allem messbar: Die Athleten werden in den einzelnen Disziplinen sowie in ihren Laufzeiten zeitlich dokumentiert und können so ihre Trainingsprogression messen.

Es war allerdings bekannt, dass Ihre Partner kein Fans der Idee waren, Sie als GWA-Präsidenten zu sehen. Dann der Verkauf an Martin Sorrells WPP. Haben die Ihnen die Idee ausgeredet?

Es gehört in einer Partnerschaft dazu, dass solche Dinge besprochen werden. Und ja, meine Partner haben mir dabei geholfen, diese Entscheidung zu treffen. Auf der anderen Seite war es die Selbstbeobachtung, was meine neue Rolle für Veränderungen mit sich bringt.

Das heißt? Mehr Selbstbefreiuung? Man sagt ja auch, Sie hätten immer mal wieder Auseinandersetzungen gehabt im Vorstand.

Ich habe nach wie vor meinen Arbeitsplatz bei Thjnk, verbringe 80 Prozent meiner Zeit mit Themen der Thjnk-Gruppe und ich glaube, dass ist gut mich und auch für Thjnk. Ich mache diesen Job jetzt seit über 13 Jahren und ich habe immer wieder neue Impulse setzen können, indem ich meine Rolle neu interpretiert habe. Und ja, genau aus so einer Auseinandersetzung ist die Idee entstanden, es so zu machen, wie wir es jetzt machen.

An welchen Herzensprojekten sitzen Sie noch?

Ich bin gerade in einer sehr produktiven und auch glücklichen Phase meine Berufslebens und ich bin Karen Heumann, Armin Jochum und Uli Pallas (Vorstand von Thjnk; Anm.d.Red.) sehr dankbar dafür, dass Sie mir geholfen haben, meine Rolle neu zu definieren. Bobby & Carl, Upljft und Upsolut Sports sind alles Herzensangelegenheiten. Hinzu kommt mein Buchprojekt "On the Way to New Work" und bis letzten Sonntag die Initiative "Mit mir 90 Prozent".

Was ist das für ein Buchprojekt?

Ich beschäftige mich seit gut zwei Jahren damit, wie sich die Arbeit in unserer Branche und wie sich Arbeit ganz allgemein verändern wird. Zusammen mit dem Unternehmensberater Christoph Magnussen betreibe ich dazu einen Podcast, der wöchentlich erscheint und wir arbeiten an einem Buch zu dem Thema.

Das ist dann doch wieder nicht wenig. Wie schaffen Sie das alles?

Im Rahmen des New-Work-Projektes habe ich unter anderem meinen Arbeitsstil einer kritischen Prüfung unterzogen. Eine Schwachstelle dabei war, dass ich mich nicht ausreichend fokussiert habe. Daran arbeite ich seitdem sehr konsequent. Ich habe durch die Konzentration auf weniger Themen sogar wieder mehr Zeit, für die konkrete Arbeit mit und für Kunden.

Früher hätten Sie sich einfach alles aufgeladen und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt?

Vielleicht. Insgesamt geht es mir inzwischen darum, ein Gleichgewicht zwischen Familie, Business, Community und meinem Selbst zu finden.

Viele Ihrer Projekte begleiten Sie im Netz. Sie gelten deshalb manchen als Facebook-Nerd. Keine Angst anzuecken?

Ich bin überzeugt davon, dass ich meine Projekte durch die Begleitung auf Facebook und anderen sozialen Medien besser vorantreiben kann. Dass es für andere zum Teil befremdlich wirkt, nehme ich in Kauf. Mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen habe ich drei kritische Begleiter in der Familie, die mich hier gut beraten (lacht).

Zurück zum GWA. Sind die Kollegen nicht auch enttäuscht?

Wenn das so ist, dann ehrt mich das. Eines der großen Verdienste von Ingo (GWA-Präsident Wolf-Ingomar Faecks; Anm.d.Red.) ist es aber, dass er ein echtes Team geformt hat und dass er seine Rolle eben nicht so wichtig gemacht hat, dass seine Nachfolge die zentrale Frage der nächsten Wahl ist. Wir haben eine ganze Reihe von geeigneten Kandidaten für eine solche Rolle.

Wer macht es?

Wir haben uns auf einen Kandidaten verständigt, den wir anderen alle mit großer Begeisterung unterstützen werden. (Es ist Benjamin Minack, wie sich erst nach dem Interview herausstellte; Anm.d.Red.)

Sie bleiben Vize und zuständig fürs Effie-Ressort?

Ich werde mich wieder zur Wahl stellen, welche genaue Aufgabe ich – eine erfolgreiche Wahl vorausgesetzt – dann übernehme, werden wir sehen.

Ihnen liegt sehr an Werthaltigkeit der Werberarbeit. Kein einfaches Thema in diesen Tagen, da Kunden und Agenturen sich immer schlechter verstehen. Wie werden Sie das verfolgen?

Mit allen Themen, mit denen ich mich beschäftige, hoffe ich zu Ergebnissen beizutragen, die es rechtfertigen, dass wir in Zukunft wieder besser bezahlt werden. Für mich ist es nach wie vor nicht nachvollziehbar, warum es in den Bereichen Unternehmens-, Personal- oder Rechtsberatung einen Faktor 10 bis 20 zwischen den günstigsten und den teuersten Anbietern gibt und bei Agenturen maximal einen Faktor 2 bis 3.

Werden Sie in zwei Jahren als GWA-Präsident antreten?

Ich freue mich sehr, mich in einem Team, das aus erfahrenen und neuen Vorstandskolleginnen und  -kollegen bestehen wird, noch einmal zur Wahl zu stellen. Alles andere wird sich zeigen.


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.


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