"Der Wettbewerb ist mittlerweile gnadenlos"

Christof Baron, globaler Mediachef von Sanofi, hält den Vorwurf des Interessenkonflikts dagegen für "unbegründet". Baron kennt das Mediaagentur-Business wie wenig andere. Er war viele Jahre lang Top-Manager im WPP-Medianetwork Group M.

W&V hat Baron drei Fragen zum Thema gestellt:

Herr Baron, mit dem Einstieg in den programmatischen Mediaeinkauf dringt Accenture ins Gehege der großen Werbekonzerne ein. Ist das jetzt der "Sündenfall"?

Es ist eine fast zwangsläufige Entwicklung und letztlich die konsequente Weiterentwicklung des Service-Portfolios der Unternehmensberatungen. Sie bilden zunehmend alle Facetten im digitalen Marketing ab.

Für die Agenturnetzwerke begann der 'Angriff' der Unternehmensberatungen schon sehr viel früher und über alle Disziplinen hinweg - von der Kreation, Produktion, CRM, Content-Marketing über die Entwicklung von digitalen Plattformen bis hin zu E-Commerce. Dass nun Programmatic Buying dazukommt, ist nicht überraschend.

Viele wittern nun einen Interessenkonflikt mit dem Media-Audit-Bereich von Accenture. Sie nicht - warum?

Zum einen wird Accenture die Bereiche Media-Audit (Accenture Media Management) und den programmtischen Mediaeinkauf streng getrennt halten, um sich nicht selbst das Geschäft kaputt zu machen. Darüber hinaus sind die Vergleichsmöglichkeiten, die ein Auditor bei den hoch fragmentierten und sehr komplexen programmatischen Gebotsverfahren hat, ohnehin sehr limitiert.

Die Sorge der Agenturen besteht eher darin, dass hier ein in Unternehmen gut vernetzter Konkurrent mit klangvollem Namen auftaucht, der nun ebenfalls Mediainvestments im Digitalbereich managen kann.

Bei einem Konkurrenten wird es vermutlich nicht bleiben.

In der digitalen Welt gibt es keine Exklusivität mehr, für niemanden. Und die Wachstumsaussichten rund um das Thema digitale Transformation und digitales Marketing sind hervorragend. Der Wettbewerb ist mittlerweile gnadenlos, die Grenzen zwischen technischen Providern, Beratern, Vermarktern und Agenturen verschwimmen.

Alle Bereiche, in denen das Einkaufsvolumen keine Bedeutung hat und Preise kaum vergleichbar sind - weil das Inventar im Gebotsverfahren auf Basis von Daten eingekauft wird und am Ende Ergebnisse zählen - stehen jedem offen, der eine entsprechende Technologie- und Datenkompetenz hat.

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Autor:

Judith Pfannenmüller
Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.