4. "Wir müssen Silos einreißen!"

Wer immer den Begriff aufgebracht hat: Selten hat ein Buzzword so viel bewirkt wie "Silo". "Silo" ist in jeder Buzzword-Bingo-Diskussion ein rhetorisches Fallbeil, die Exkommunikation, das ultimative Verdammnisurteil. Früher wollte man "Silos einreißen", um die Zusammenarbeit im Unternehmen zu verbessern und neue Organisationsformen auszuprobieren. Heute muss "Silo" für alles herhalten, was irgendwem irgendwo aus irgendwelchen Gründen nicht passt. Wem sonst nichts einfällt, der muss halt "Silos einreißen". Dem Kunden sind die Silos übrigens meistens egal. Ihn interessiert nicht, wie sich eine Süßigkeitenfabrik organisiert, solange die Schokolade schmeckt. Manchmal braucht man sogar "Silos". Es sind fest umrissene Teams, die sich mit minimalem Abstimmungsaufwand auf ein bestimmtes Projekt konzentrieren können, ohne permanent die ganz Firma "mit ins Boot holen" zu müssen. Buzzword-Gurus wären übrigens die letzten, die das bestreiten würden. Sie ziehen selbst gern Mauern hoch und nennen es "Lab".

5. "Die Digitalisierung ändert alles"

Tut sie nicht. Digitalisierung ändert sehr viel, aber sie betrifft unterschiedliche Branchen auf sehr unterschiedliche Weise in unterschiedlichen Zeiträumen. Manche vernichtet sie - zum Beispiel CD-Hersteller und Videokasetten-Verleiher. Anderen hilft sie; Ingenieuren und Ärzten zum Beispiel. Wieder andere fordert sie heraus, darunter die Medienindustrie. Manche kommen kaum damit in Berührung. Ein Dachdeckermeister deckt ein Schieferdach im Großen und Ganzen noch genauso wie man es im 18. Jahrhundert getan hat. Er bringt sogar noch die einzelne Schieferplatte mit einem Spezialhammer manuell in Form, ehe er sie eigenhändig auf die Holzverschalung nagelt. Neu sind Hilfsmittel wie Kräne zum Materialtransport, E-Commerce für die Materialbeschaffung oder eine Website fürs Marketing (die er oft aber gar nicht nötig hat, weil Schieferdecker gesuchte Fachleute sind). Er könnte eine Drohne einsetzen, um schadhafte Stellen zu identifizieren. Aber bis für ihn der Roboter nach oben klettert, wird es noch Jahrzehnte dauern.

Was sich durch die Digitalisierung nicht ändert

Man kann eine Menge an Algorithmen delegieren, aber für unternehmerische Entscheidungen sind weiterhin Menschen verantwortlich. Ein Chief Marketing Officer mag noch so viel von digitaler Werbetechnologie verstehen: Wenn er keine klare Markenstrategie hat und sich nicht in seine Kunden hineinversetzen kann, wird er genauso scheitern, wie er in einer mittelalterlichen Marktbude gescheitert wäre. Der einzige Unterschied zum Mittelalter ist: Leute wie ihn kann man demnächst durch Bots ersetzen.


Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.