Christina Neuhofer von Quisma :
AMP: Wenn Google den Mobile Traffic der Publisher frisst

Für welche Content-Anbieter lohnen sich AMPs und wer sollte lieber die Hände davon lassen? Christina Neuhofer von Quisma gibt den Publishern Tipps.

Text: W&V Leserautor

Christina Neuhofer ist seit Anfang 2017 Managing Director bei Quisma.
Christina Neuhofer ist seit Anfang 2017 Managing Director bei Quisma.

Das von Google genutzte Open-Source-Programm AMP, kurz für Accelerated Mobile Pages, ist gerade ein heißes Eisen in der SEO-Branche und bei Verlagen sowie Sendern. Die AMP-Artikel, die durch ihren stark ausgedünnten Quellcode nur einen Bruchteil der Ladezeit benötigen, werden direkt bei Google zwischengespeichert. Publishern gehen damit User und Werbeeinnahmen verloren. Christina Neuhofer*, Managing Director bei Quisma und früher mal bei Google tätig, erklärt, wer auf AMPs verzichten kann.

Kampf um die ersten Plätze im "News-Karussell"

AMPs basieren auf einem HTML-Quellcode, der mobile Webseiten schneller lädt. Sie sind ein zweischneidiges Schwert. Für User sind AMPs eine tolle Sache, schließlich gibt es nichts Nervigeres, als lange auf fertig geladene Websites zu warten – vor allem, wenn man nur einmal kurz die neuesten Nachrichten überprüfen möchte.

Anders sieht die Sache für Publisher aus: Die via Google erstellten News-Seiten werden bei der Suchmaschine direkt zwischengespeichert. Nutzer, die auf den Artikel klicken, um ihn zu lesen, werden nicht auf die eigentliche Quelle weitergeleitet. Traffic und dadurch Werbeeinnahmen gehen also verloren. Einerseits haben die News in Form von AMPs durch ihre gute Platzierung in den organischen Suchergebnissen den Effekt, dass sie deutlich öfter geklickt werden. Andererseits aber hat das Newsportal unter dem Traffic-Strich wenig davon, denn dieser landet nicht auf der eigenen Website.

Zwar hat Google, was die Links angeht, bereits eingelenkt, aber eben nur zum Teil. Wenn User die Links von AMPs teilen, erscheint mittlerweile wieder der ursprüngliche Link und auch deutlich abgespeckte Anzeigen dürfen – über oder unter den Artikeln – wieder integriert werden. Einen negativen Effekt auf die Werbeeinnahmen durch Anzeigen gibt es aber trotzdem: Durch das Minimum an erlaubten Anzeigen pro Artikel gibt es deutlich weniger Anzeigenklicks.

Der Einsatz von AMPs ist das bekannte zweischneidige Schwert

Da es sich bei dem AMP-Quellcode um eine Open-Source-Software handelt, sind die Betreiber der Webseiten eigentlich nicht auf den Service von Google angewiesen, sondern können den Quellcode auch selbst integrieren, um bei mobilen Zugriffen gut abrufbar zu sein. Bei der selbstständigen Integration gibt es aber einen Haken: Erstellt man AMPs nicht über die Google-Services, taucht man als Nachrichtenplattform im "News-Karussell" ganz vorne nicht auf.

Nur die auf den Google-Services basierenden Seiten werden berücksichtigt. Das ist – gerade für Nachrichtenportale, deren Inhalte sich besonders bei aktuellen Informationen wenig unterscheiden – aber immens wichtig. Nur wer ganz vorne im Karussell landet, wird geklickt. Nutzer unterscheiden hier selten zwischen den einzelnen Portalen, sondern wählen meist aus den vordersten Ergebnissen. Die Klickzahlen nehmen nach rechts hin ab. Große Nachrichtenportale kommen folglich nicht daran vorbei, AMPs zur Verfügung zu stellen und dafür die Google-Dienste in Anspruch zu nehmen.

Für kleinere Portale gibt es auch Alternativen

Bei den kleineren Portalen und Blogs sieht das allerdings anders aus. Diese sollten den HTML-Code selbst integrieren oder ganz auf AMPs verzichten. Schließlich haben diese sowieso geringe bis gar keine Chancen im Kampf um die besten Plätze im News-Karussell. Wer nicht ganz oben sein muss, der ist nicht auf AMPs angewiesen und hat die Möglichkeit, seine Webseiten auf anderem Wege zu optimieren.

Da Ladegeschwindigkeit einer der wichtigsten Faktoren für eine gute Platzierung in den Suchmaschinenergebnissen ist, ist es wichtig, alle verwendeten Bilder zu optimieren, das heißt die richtige Größe und Kompression zu nutzen und den "Above the Fold"-Bereich zu optimieren. Hier sollte das JavaScript verzögert und nur die wichtigsten CSS-Klassen im Header geladen werden. Der Rest kann nachgelagert folgen. Im Allgemeinen sollten die Server Requests reduziert werden. Auch aus Content-Sicht kann optimiert werden: Neben dem Beachten von SEO-Basics (Meta-Tags usw.), ist es ratsam, einzigartigen Content zu produzieren, Influencer im eigenen Segment zu suchen und dort Kommentare oder Gastbeiträge zu verfassen.

Am Ende bleibt eine Frage, die sich bei dieser Vorgehensweise von Google aufdrängt: Bombardiert der Suchmaschinenriese damit sein eigenes Geschäftsmodell? Schließlich ist Google auf den Content und die Inhalte der Webseiten angewiesen und macht circa 90 Prozent seines Umsatzes mit Online-Werbung.

Über die Autorin:

Christina Neuhofer ist seit Januar 2017 Managing Director bei Quisma und leitet mit Bernd Hoffmann die Geschäfte der Agentur. Vor ihrer Laufbahn bei Quisma war sie unter anderem knapp drei Jahre lang bei Google Irland, zuletzt als Senior Account Strategist.


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