Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) will nicht länger auf unverbindliche Empfehlungen setzen, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen. "Wir werden dort Sanktionen einführen, wenn Unternehmen künftig keine Zielgröße für Frauen in den Vorständen melden oder die Zielgröße "Null" nicht begründen", kündigte sie an. Außerdem müssten die sozialen Berufe aufgewertet werden. Mehr als 5,7 Millionen Menschen arbeiteten in Deutschland in diesen Berufen, 80 Prozent davon seien Frauen. Ihre Arbeit sei schwierig und viel zu gering bezahlt.

Große regionale Unterschiede zwischen Ost und West sieht das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. So klafften die Bezüge von Frauen und Männern im reichen Baden-Württemberg und Bayern viel stärker auseinander als etwa in Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt, zeigt eine Umfrage unter 309 000 Beschäftigten auf dem Böckler-Portal Lohnspiegel.de.

Während Frauen oft zu geringen Löhnen als Verkäuferin, Physiotherapeutin oder Erzieherin arbeiteten, hätten Männer häufig gut bezahlte technische Jobs in der Industrie. Und davon gebe es besonders viele in der Autobranche in Baden-Württemberg und Bayern.

Warum Frauen im Osten besser dastehen

Im Osten seien indes nach der Wende viele Industrie-Jobs weggebrochen und damit traditionelle Berufsperspektiven für Männer. Die kleinere Gehaltslücke im Osten lasse sich nicht mit hohen Löhnen der Frauen begründen, sondern eher mit dem großen Abstand ostdeutscher Männer zu Männern im Westen. Auch arbeiten mehr Mütter im Osten in Vollzeit, sagt Yvonne Lott, WSI-Expertin für Arbeitszeitforschung. "Das Bild von der Rabenmutter ist vornehmlich ein westdeutsches Bild."

Nach wie vor werde aber in vielen Betrieben von Frauen erwartet, für die Familie beruflich kürzer treten - mit weitreichenden Folgen. "Teilzeit und längere Elternzeiten werden häufig abgestraft, da sie als Signal für geringeres Engagement gelten", meint Lott. "Eine Mutter auf einer Teilzeit-Stelle macht seltener Karriere." Frauen übernähmen weiter den Löwenanteil bei der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen.

Bei der Beschäftigung von Frauen in vollen Stellen hinke Deutschland hinterher, stellte auch die Beratungsgesellschaft PwC fest. Während in Schweden und Island 83 bzw. 76 Prozent der Frauen in Vollzeit arbeiteten, seien es in Deutschland 63 Prozent. Bei der Gehaltslücke befinde sich Deutschland unter den OECD-Staaten in der Schlussgruppe. "Deutschland kommt bei der Förderung von Frauen im Arbeitsleben wenn überhaupt nur sehr langsam voran", sagte PwC-Partnerin Petra Raspels.

Nachholbedarf sieht auch der Sozialverband VdK: Um gegen geringe Gehälter bei Frauen vorzugehen, bräuchten sie Chancen auf gut bezahlte Arbeitsplätze statt Teilzeit oder Mini-Jobs, forderte er. "Niedrige Löhne bedeuten niedrige Renten". Die Politik müsse die Vereinbarkeit von Beruf, Pflege und Kindererziehung dringend stärken - durch eine bessere Kinderbetreuung oder staatlich finanzierte Auszeiten für die Pflege von Angehörigen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte ferner, Beschäftigte bräuchten mehr Klarheit über die Gehälter in Unternehmen. Das Lohntransparenzgesetz, das Vergütungsniveaus für bestimmte Gruppen in Firmen offen legt, gelte erst für Betriebe ab 200 Beschäftigten - die meisten erwerbstätigen Frauen arbeiten aber in kleineren Betrieben.

Wie stark Frauen beim Gehalt das Nachsehen haben, hängt laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aber auch von der Branche ab. Die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau seien dort besonders groß, wo je ungefähr gleich viele Männer und Frauen arbeiten und großer Wert auf längere Arbeitszeiten gelegt werde. Beispiele seien Unternehmensberatung und Controlling, heißt es in einer Studie von Anfang März. Dort bekämen diejenigen, die in Vollzeit arbeiten, nicht nur monatlich, sondern auch auf die Stunde gerechnet mehr Lohn als etwa Teilzeitbeschäftigte.

Hilfreich gegen ungleiche Gehälter seien Tarifverträge und geteilte Führungsposten unter mehreren Beschäftigten, meint DIW-Forscherin Aline Zucco. "Vor allem muss man sich von der Vorstellung befreien, dass nur jene, die viel und lange arbeiten, gute Arbeit leisten."

Infografik: Länder mit den besten Arbeitsbedingungen für Frauen | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Autor:

W&V Redaktion
W&V Redaktion

Nicht alle W&V-Artikel erscheinen unter dem Namen eines einzelnen Autors. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Artikel mit „W&V-Redaktion“ gekennzeichnet sind. Zum Beispiel, wenn mehrere Autoren daran mitgearbeitet haben oder wenn es sich um einen rein nachrichtlichen Text ohne zusätzliche Informationen handelt. Wie auch immer: Die redaktionellen Standards von W&V gelten für jeden einzelnen Artikel.