Umbruch im TV-Markt :
Netflix wächst um satte 75 Prozent

Streaming-Dienste heben ab, klassisches Fernsehen verliert. Die Details des Digitalisierungsberichts Video 2018 der Medienanstalten.

Text: Judith Pfannenmüller

Individuelle Auswahl wird dem TV-Programm immer öfter vorgezogen.
Individuelle Auswahl wird dem TV-Programm immer öfter vorgezogen.

Ein "Cord Cutting" wie in den USA  - wo Millionen von Menschen ihre Kabel-TV-Abos gekündigt haben, um Videoangebote aus dem Netz zu streamen - gibt es in Deutschland noch nicht. Noch widmen die Menschen noch knapp zwei Drittel (64,9 Prozent) ihrer Fernsehzeit dem klassischen Fernsehen. Doch die Fülle an gut gemachten Video-on-Demand-Angeboten nagt in zunehmendem Tempo an der Substanz des linearen TV: Im Verhältnis zu anderen Bewegtbildangeboten nimmt die Nutzung 2018 um 6,1 Prozent ab.

Video-on-Demand (VoD) ist dagegen auf dem Vormarsch. Gut 29 Millionen Personen nutzen inzwischen mindestens einmal im Monat Video-on-Demand-Angebote (42 Prozent der Bevölkerung). Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle "Digitalisierungsbericht Video 2018" der Landesmedienanstalten, für den die Marktforschungsfirma Kantar TNS telefonisch 7500 Personen ab 14 Jahren befragt hat.

"Die Lagerfeuerabende mit der Familie vor dem TV gehören endgültig der Vergangenheit an, stattdessen werden Gutscheinkarten für VoD-Serienabende im Supermarkt gekauft", sagt Cornelia Holsten, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten anlässlich der Präsentation der Studie in Berlin.

Die bisherigen Nutzungsmuster kippen

Ein Blick auf die jüngeren Zielgruppen zeigt die Dramatik des Umbruchs. Dem Fernsehen widmen die 14- bis 29-Jährigen nur noch etwas mehr als ein Viertel (29 Prozent) ihres Zeitbudgets. Vor zwei Jahren entfiel auf das TV noch etwa die Hälfte (47 Prozent).

Video-on-Demand nimmt in dieser Zielgruppe inzwischen mehr als die Hälfte (56 Prozent) des Zeitbudgets ein - ein sattes Plus von 27 Prozent. Auch bei den 30- bis 49jährigen kippt das bisherige Nutzungsmuster zu Ungunsten des klassischen linearen Fernsehens, wenn auch nicht ganz so stark.

Im Internet können die Fernsehanbieter nur bedingt mit den Angeboten von US-Unternehmen wie Netflix, Amazon oder Youtube mithalten: 24 Millionen Personen ab 14 nutzen Youtube. Fast jeder Dritte ab 14 Jahren ruft inzwischen die Angebote von Amazon Prime Video, Netflix oder anderen Streamingdiensten ab (plus 27 Prozent über alle Anbieter).

Netflix wächst mit 75 Prozent am schnellsten und holt zu Amazon Prime Video auf. Beide Anbieter erreichen mit ihren Bezahlangeboten inzwischen etwa 13,5 Millionen Personen und haben damit trotz der Bezahlschranke mehr Nutzer als die Videotheken der privaten TV-Anbieter (11,6 Millionen). Zusammen mit den Öffentlich-Rechtlichen erreichen die Mediatheken der TV-Sender etwa 20 Millionen Personen ab 14 Jahre.

Netflix&Co  auf dem Vormarsch

Die US-Giganten legen zudem ein enormes Innovationstempo vor. Amazon Prime plant eine werbefinanzierte Gratis-App und reagiert damit auf den weltweiten Rollout von Facebooks Videodienst Watch. Die Plattformen dringen inzwischen auch in eine klassische Domäne der TV-Sender ein - die Live-Events: Amazon hat Spiele der englischen Premier-League erworben, Facebook sicherte sich Fußballrechte in Lateinamerika und Asien.

Die Sender auf dem deutschen Markt müssen ihre Angebote verbessern, um mitzuhalten. Die Telekom will im November mit einer Streaming-App (Preis: 10 Euro) für ihr Angebot Entertain TV mitmischen. Die Plattform von ProSiebenSat1 und Discovery - 7TV - soll noch im Herbst um weitere Partner ergänzt und als neue Marke unter einem anderen Namen aufgebaut werden werden.

Die ARD hat zur IFA eine smartere Beta-Version ihrer Mediathek vorgestellt, die mit Empfehlungslogik die Nutzer überzeugen will.


Autor:

Judith Pfannenmüller
Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.