Und was hat Print, was die immer mehr auf den Markt drängenden digitalen "Generika" nicht haben?

Einen guten Text zu schreiben ist eine Kunst. Das braucht Zeit und Muße. Es braucht einen, der schreiben kann. Und einen der liest. Am besten auch wieder mit Zeit. Das digitale Zeitalter ist die Stunde der Stümper. Alles wird gleich gültig. Und damit gleichgültig. Jeder kann alles sagen, aber keiner hört mehr zu. Gute Journalisten sortieren Neuigkeit und Relevanz, und das nicht wie Google nach Anzeigenkunden, Adwords und undurchsichtigen Algorithmen. Der größte Feind der Pressevielfalt in diesem Land sind Filterblasen, Facebook und Google. Es ist das schwindende Vertrauen in Institutionen und die Illusion, dass jeder Blogger, jedes Bewertungsportal und jede Suchmaschine genauso gute Informationen liefern können wie eine Zeitung, hinter der hoffentlich auch in Zeiten der Fusionen von Redaktionen mehr als ein kluger Kopf steckt.

Jüngere Zielgruppen lesen weniger, Digital-Junkies dito, heißt es. Mit welchen "Risiken und Nebenwirkungen" muss man da rechnen?

Ich bin zwar kein Apotheker, aber sehe doch eine Vielzahl von Risiken: verminderte Aufnahmefähigkeit, mediale Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit. Die meisten Menschen sind im Internet komplett verloren, zwischen Sinn und Unsinn oder zum Beispiel versteckter Werbung und evidenzbasierter Medizin zu unterscheiden. Es gibt ein Überangebot an Informationen, aber die Menschen wissen nicht, wo sie verlässliche Informationen bekommen. Das ist noch ein großes Anliegen und Herzensprojekt von mir: eine unabhängige medizinische Plattform im Internet mit guten Filmbeiträgen, Hintergrundinformationen und journalistischer Unabhängigkeit von Lobbys.

Sie machen jetzt selber in Print mit dem G+J-Magazin "Dr. v. Hirschhausens Stern Gesund Leben". Was hat Sie zu dieser "Eigenbluttherapie" bewogen?

Was viele nicht wissen – ich bin gelernter Wissenschaftsjournalist. Ich habe paral­lel zu meinen Bühnenprogrammen und Fernsehaktivitäten immer gerne geschrieben und spannende Menschen interviewt. Mit dem Stern zusammen neue Ideen für ein Gesundheitsmagazin zu entwickeln war ein echtes Geschenk zu meinem 50. Geburtstag. Ich kann damit nicht mehr allein als Entertainer und Arzt, sondern als Impulsgeber, Reporter und Autor mit meiner ganz eigenen Art in der Gesundheitsvermittlung aktiv sein.

Und was empfiehlt Doktor von Hirschhausen, damit der "Wirkstoff Print" auch in Zukunft gefragt ist?

Als Arzt kann ich Ihnen sagen, dass es keine Tablette oder Operation gibt, die eine bessere Medizin und Vorsorge wäre als mehr frühkindliche Bildung. Wenn neue Leser auch in Zukunft gewünscht werden, braucht es massiv Leseförderung, und zwar schon bevor Kinder lesen können! Jeder Euro, den wir in Leseförderung investieren, kommt 25-fach für uns als Gesellschaft zurück. Wer vorgelesen bekommt, liest später selber, macht einen besseren Schulabschluss und zahlt Steuern, statt auf Sozialhilfe oder Grundeinkommen angewiesen zu sein. Wie kurzatmig die Berichterstattung geworden ist, wurde mir klar, als ich einst folgenden Dialog unter Kol­legen hörte: „Günter Grass ist tot!“ Darauf der andere: „Ja – aber schon seit drei Stunden!“ 

Das Interview erschien zuerst im VDZ-Magazin "Die Zukunft gehört Print", eine Sonderveröffentlichung in der W&V Ausgabe 16/2018.

 


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W&V Redaktion
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