Interview mit Amber Case :
"Die künftigen Probleme sind größer als die Menschheit"

Cyborg-Anthropologin Amber Case findet: Probleme wie Klimawandel, infrastrukturelle Störungen und Versorgungsengpässe durch Wetterchaos sowie neue Formen von Depressionen können wir nur mit Ideen lösen, die menschlich sind.

Text: W&V Redaktion

Amber Case
Amber Case

Mensch und Maschine – woher nehmen Sie den Optimismus, dass die Menschheit die digitale Zukunft auch menschenwürdig umsetzen wird?

Wenn wir die digitale Zukunft nicht menschenwürdig gestalten, verlieren wir die Fähigkeit, Innovationen zu schaffen. Wir werden zu einer repetitiven Gesellschaft ohne jene Cleverness, die uns ursprünglich zu Innovationen geführt hat. Wir brauchen diese cleveren Ideen, um zukünftige Probleme zu lösen, die größer sind als die Menschheit: Klimawandel, infrastrukturelle Störungen und Versorgungsengpässe durch Wetterchaos sowie neue, unbekannte Formen von Depressionen und Ängsten.

Die Quantität unserer Verbindungen zu anderen Menschen nimmt zu, während die Qualität abnimmt.

Was müssen wir dafür tun?

Wir brauchen eine positive Zukunftsvision und gleichzeitig eine Verbindung zur Vergangenheit. Wir müssen das Optimum aus der Kooperation zwischen Mensch und Maschine herausholen. Technologie sollte dabei wenig Aufmerksamkeit erfordern, und auch nur dann, wenn es notwendig ist.

Wir brauchen im selben Maße entschleunigte, "menschliche" Aufmerksamkeit, wie wir schnelle, industrielle, maschinelle Effizienz brauchen. Wenn wir nur konsumieren, anstatt zu reflektieren, verpassen wir innovative Ideen, und wir können nicht kreativ sein. Wir brauchen genauso viel Aufmerksamkeit für uns Menschen selbst, wie für Maschinen.

Wie würden Sie Ihre Arbeit als Cyborg-Anthropologin umschreiben?

Als Cyborg-Anthropologin untersuche ich das Verhältnis von Mensch und Maschine und wie diese die Kultur beeinflusst. Ich schrieb meine Diplomarbeit über Handys und wie sie unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, besonders jetzt im Zeitalter der Smartphones. Die Leute starren stundenlang auf gläserne Geräte. Wir schlafen neben unseren Telefonen ein und wachen neben ihnen auf. Wir pflegen unsere technischen Devices besser als uns selbst. Wir müssen sie mit Strom versorgen und sie warten, wenn sie ausfallen.

Zum ersten Mal gibt es mehr Smart-Devices als Menschen. Wir haben eine Art künstliche Version dessen gebaut, was Donna Haraway eine "Gefährten-Spezies" oder einen "nicht-menschlichen Begleiter" nennen würde.

Welche Rolle spielt der Mensch als Individuum in einer Welt, die sich primär um Gruppenkonstellationen dreht?

Wir müssen Städte im menschlichen Maßstab statt im maschinellen Maßstab bauen. Menschlichkeit bringt Harmonie, Bedeutung und Erschwinglichkeit. Der frühe Optimismus der Computertechnologie bestand darin, uns mehr Zeit zu geben, uns zu verbinden und ein neues Tool für die Interaktion über große Entfernungen anzubieten.

Jetzt werden wir ständig von unseren Telefonen unterbrochen. Technologie verhält sich wie ein Gas: Es expandiert und füllt den Raum um sich herum aus.

Verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer weiter?

Schon seit Millionen von Jahren existieren der Mensch und seine Maschinen in Harmonie. Die meisten Werkzeuge waren Verbesserungen physischer Natur, einige andere Werkzeuge waren eher mentale Unterstützung für den Menschen. Heute sind wir so weit, dass wir Informationen außerhalb unserer selbst in Computern und Datenbanken speichern.

Amber Case untersucht die Interaktion zwischen Menschen und Computern und möchte wissen, wie unsere Beziehung zu Informationen die Art und Weise verändert, wie Kulturen denken, handeln und ihre Welten verstehen. Case arbeitet im Center for Future Civic Media und im MIT Media Lab.


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W&V Redaktion
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