Digitalisierung:
"Wir sollten uns nicht von Ängsten lähmen lassen"

Faktor 3-Vorstand Volker Martens über Parallelwelten in der heutigen Geschäftswelt, Vordenker - und warum die digitale Transformation nicht mit Silodenken gelingen wird.

Text: W&V Redaktion

Volker Martens, Faktor 3
Volker Martens, Faktor 3

„Parallelwelten“ lautet das vielschichtige Motto der diesjährigen NEXT, bei dem die Generation Netflix vermutlich zuerst an Science-Fiction denkt. Was bedeuten parallele Welten aber ganz real für die heutige Geschäftswelt?

In vielen Firmen agieren digitale Vordenker losgelöst von der Masse der Belegschaft. Während die einen an disruptiven Geschäftsmodellen tüfteln, fürchten die anderen um ihren Arbeitsplatz. Nach einer Umfrage von Microsoft fürchtet sich jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland vor veränderten Aufgaben oder gar vor Jobverlust durch Digitalisierung. Dabei wachsen die Sorgen der Beschäftigten proportional zur Größe ihres Arbeitgebers. Augenscheinlich gelingt es vielen Unternehmen nicht, ihre Mitarbeiter mitzunehmen. So erkennt nur rund ein Viertel der Beschäftigten eine klar definierte Strategie für die digitale Transformation und gerade mal jeder zehnte Mitarbeiter erlebt den Wandel als gemeinschaftlichen Prozess zwischen Unternehmensleitung und Mitarbeitern. Da läuft also etwas gründlich schief. Viele Unternehmen bauen derzeit ja ganz bewusst Startup-ähnliche Parallelwelten auf. In Innovationsabteilungen und Digital-Hubs wird mit neuer Kultur und flexiblen Regeln an der Zukunft gebaut, während die bisherige Identität- und Produktwelt des Unternehmens Geld verdient. Doch auf Dauer kann Innovation nicht in abgeschotteten Silos gedeihen, sie muss vielmehr das ganze Unternehmen durchdringen. Nur dann wird es auch gelingen, die vielschichtigen Bedürfnisse der Kunden zu bedienen. Denn auch die bewegen sich zunehmend in eigenen realen und virtuellen Parallelwelten. Sie dort abzuholen, ist nicht nur für Marketeers die wohl größte Herausforderung der nächsten Jahre.

Sie kommen gerade vom CIOmove, bei dem Sie sich mit über 60 CIOs globaler Konzerne in New York ausgetauscht haben. Was haben Sie für sich aus den Einblicken in die Welt anderer Unternehmen mitnehmen können?

Der CIOmove ist eine herausragende Gelegenheit, mit CIOs großer Konzerne wie Siemens, VW, Nokia oder Lufthansa und anderen Unternehmen aus der ganzen Welt die wichtigsten Themen der Digitalisierung zu diskutieren. Wir organisieren diese Tour bereits seit sechs Jahren in verschiedenen Digital Hubs und fördern den Austausch über die täglichen Herausforderungen im Transformationsprozess. Energie, Mobilität, Telekommunikation – auch wenn die Branchen extrem unterschiedlich sind, folgen die Themen des Umbaus und der Neudefinition der Wertschöpfungsketten vergleichbaren globalen Mustern. Dieses Jahr standen die Möglichkeiten von KI im Fokus. Besonders beeindruckt hat mich die intensive Diskussion mit Atefeh Riazi, der global verantwortlichen CIO der UN. Es wurde deutlich, wie sehr Technologie - und insbesondere KI - zur Lösung der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN beitragen kann.

New York ist sicher eine sehr inspirierende Metropole, doch eigentlich reisen die Innovationsabteilungen doch eher ins Silicon Valley, dem Zentrum der Digitalisierung. Warum fiel Ihre Wahl anders aus?

Art Langer, Professor an der Columbia University und Direktor des Center for Technology Management, ist langjähriger Botschafter des CIOmove und hat uns eingeladen. Er hat uns in dem Saal empfangen, in dem jedes Jahr die Pulitzerpreise vergeben werden – an einer Universität, die schon mehr als 100 Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Nicht der schlechteste Ort für einen Austausch. Aus unserer Perspektive haben sich die Digitalkarawanen ins Silicon Valley abgenutzt – wenn überhaupt wäre der Blick Richtung Osten zu lenken. Wir merken aber immer wieder, dass nicht der Erkenntnisstand oder der Management-Wille die eigentliche Herausforderung darstellt. Es geht im Kern um die erfolgreiche Implementierung digitaler Wertschöpfungsketten, um das Ausprobieren, das Scheitern und Neu-Anfangen im Spannungsfeld von digitalen Umfeldern und einer prozessoptimiert geführten Unternehmensrealität. Darüber können Sie eigentlich überall diskutieren – Sie brauchen nur inspirierende Impulsgeber und kreative Orte.  

Entwicklungen wie KI, AR/VR oder Quantum Computing lassen viele neue Parallelwelten entstehen. Kritiker befürchten daher, dass wir schon bald in einer Welt leben könnten, die von Technologien bestimmt wird und uns Menschen zu Bedienern reduziert. Teilen Sie diese Auffassung?

Schon 1966 schrieb der damalige Bahlsen-Geschäftsführer, Kurt Pentzlin: „Es sieht so aus, als ob sich jede Generation mühsam die Erkenntnis erarbeiten muss, dass technischer Fortschritt niemals der Feind des Menschen ist, sondern ein guter Freund.“ Er hatte wohl leider recht. Heute glaubt laut einer Umfrage von YouGov nur etwa jeder siebte Deutsche, dass der Nutzen von Künstlicher Intelligenz die Risiken überwiegt, jeder vierte sieht mehr Gefahren als Vorteile.  Dabei haben uns digitale Technologien doch schon ungeheure Möglichkeiten geschenkt – unter anderem eben auch die Freiheit, uns unsere ganz eigenen Lebenswelten zu schaffen. Parallelwelten können ja durchaus auch ein Ausdruck von individueller Freiheit sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Technik so gestalten können, dass sie uns nutzt und uns eben nicht zu Bedienern reduziert.  Darauf sollten wir uns konzentrieren, statt uns von Ängsten lähmen zu lassen.

Jede neue Technologie erzeugt Parallelwelten in der Gesellschaft. Wie können die Digitalunternehmen als Treiber dieser Entwicklungen Brücken für die Skeptiker bauen?

Technologien können ja auch Brücken schlagen zwischen den Menschen und ihren verschiedenen Lebenswelten. Darauf sollten sich Digitalunternehmen konzentrieren und darauf, genauer zu erklären, wie sie mit ihren Technologien das Leben der Menschen verbessern wollen. Denn genau das wird immer mehr zur Messlatte. Digitalunternehmen müssen noch transparenter werden und klarer kommunizieren, woran sie forschen und wie sie sich die Zukunft vorstellen. Heute klaffen ja oft gewaltige Lücken zwischen irgendwelchen absurden Technologieversprechen und der Lebensrealität der meisten Menschen. Das sorgt für Misstrauen und schafft letztlich neue Parallelwelten.

Wie können sie auch die Politik mitnehmen?

Die Politik sollte Veränderungen ja eigentlich aktiv begleiten und so gestalten, dass sie der gesamten Gesellschaft zu Gute kommen. Das Problem ist nur, dass die Politik dem Tempo des technologischen Wandels heute meist hinterherhinkt – und damit quasi in ihrer eigenen Parallelwelt festhängt. Damit verliert sie das Vertrauen der Wähler und sorgt indirekt sogar dafür, dass die sich noch stärker in ihre eigenen Parallelwelten ausklinken! Sich den neuen Realitäten zu stellen und versuchen, die neue Komplexität in Echtzeit zu managen, wäre ein Anfang. Und gerne in einem engeren Dialog mit der Wirtschaft – damit nicht länger Ideen aus dem letzten Jahrhundert als Antwort auf die Herausforderungen einer digitalen Gesellschaft hervorgezaubert werden.

Kehren wir zum Abschluss noch mal kurz zu den Sci-Fi-Parallelwelten vom Anfang zurück: Basierend auf der Logik, dass alles, was wir uns vorstellen können, auch irgendwo in einer Parallelwelt existiert, werden uns dort alternative Formen unserer Realität gezeigt. Wenn Sie sich eine dieser Parallelwelten aussuchen könnten, was wäre darin dann anders als in unserer Welt?

Mehr Verantwortung - mehr Geist - mehr Bewusstsein. Alles andere folgt.

Das Interview führte Falk Hedemann.


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