Strategie "Beyond the Pill":
Pharma wird digital – doch es geht besser: Die drei Learnings

Das Gesundheitswesen befindet sich längst in einem Transformationsprozess. Damit Deutschland aber auch weiterhin zur Forschungsspitze gehört, muss vor allem die Pharmaindustrie ordentlich nachlegen.

Text: Belinda Duvinage

Beyond the Pill: In den vergangenen Jahren hat sich ein neues Geschäftsfeld ergeben, jenseits des Medikaments.
Beyond the Pill: In den vergangenen Jahren hat sich ein neues Geschäftsfeld ergeben, jenseits des Medikaments.

Patienten nehmen ihr Gesundheitsmanagement zunehmend selbst in die Hand. Sie sind mündiger, informieren sich über Dialog-Plattformen, nutzen Health-Apps und Online-Therapieprogramme. Seit 2018 dürfen Ärzte im Einzelfall auch bei ihnen noch unbekannten Patienten eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien vornehmen.

Betroffen sind von dieser Entwicklung aber nicht nur Patienten, Ärzte und Krankenkassen, sondern und vor allem auch die Pharmaindustrie. Die Pharmaunternehmen entwickeln sich immer mehr zu ganzheitlichen Gesundheitsexperten. In den vergangenen Jahren hat sich ein neues Geschäftsfeld ergeben, jenseits des Medikaments: Beyond the Pill.

Die Produktion und der Verkauf von immer mehr Arzneimitteln stellt schlicht ein überholtes Geschäftsmodell dar. Das Problem: Die Branche reagierte spät, die digitale Erfahrung in den Unternehmen fehlt oft. Im internationalen Vergleich gilt Deutschland mit USA, Frankreich und der Schweiz noch als einer der attraktivsten Standorte für Pharmaforschung. Aber Länder wie China, Singapur und Südkorea schließen auf. Um die aktuelle Spitzenposition also nicht zu gefährden, muss die Branche aktiv(er) werden:

Die drei Learnings

  1. Investition in klinische Forschung:  Bislang werden (digitale) Medizinprodukte – sofern Entwickler oder Hersteller das beauftragen – von einer privat-rechtlichen Prüfstelle wie TÜV oder Dekra zwar auf ihre technischen Elemente hin geprüft, nicht aber auf den medizinischen Mehrwert hin untersucht. Zudem existiert nach wie vor kein Register, in dem alle Medizinprodukte erfasst sind. Zur besseren Kontrolle und nach umfangreicher Berichterstattung der "Süddeutschen Zeitung" und weiteren Medien zum Thema plant die Bundesregierung derzeit immerhin einen Gesetzesentwurf für ein deutsches Implantateregister. Um die Qualität der digitalen Produkte und E-Health-Lösungen aber tatsächlich zu gewährleisten, ist mehr erforderlich: Die Unternehmen müssen nicht nur bei der Entwicklung neuer Medikamente, sondern auch bei Digitalprodukten und neuen Versorgungsformen in evidenzbasierte Forschung investieren.
    Im internationalen Vergleich gilt Deutschland mit den USA, Frankreich und der Schweiz noch als einer der attraktivsten Standorte für Pharmaforschung. Damit Länder wie China, Singapur und Südkorea aber nicht überholen, muss die Branche auch und vor allem im digitalen Bereich verstärkt in Wissenschaft und Forschung investieren.
  2. Koordinierte Zusammenarbeit mit Digitalexperten: Hersteller ohne medizinischen Hintergrund verfügen gegenüber den Pharmaunternehmen oftmals über eine weitaus größere digitale Erfahrung und einen gewaltigen Entwicklungsvorsprung. Um also schnellstmöglich aufzuschließen, um konkurrenzfähig zu werden und zu bleiben, gehen viele Pharmaunternehmen immer häufiger Kooperation mit Digital-Experten ein und investieren in Start-ups. Der Wettbewerb belebt zwar, der medizinische Mehrwert manch einer daraus entstandenen Schnellschuss-Entwicklung ist aber nicht immer gegeben.
    Umso wichtiger sind sorgfältig ausgewählte Kooperationen. Roche Diagnostics beispielsweise initiierte im vergangenen September gemeinsam mit dem renommierten Accelerator Plug and Play das Start-up Creasphere in München, eine Drehscheibe für Innovationen im Gesundheitswesen in Europa, bei dem sich Unternehmen und Start-ups intensiv kennenlernen können und sich so sinnvolle Partnerschaften ergeben, von denen im Idealfall beide Seiten profitieren.
  3. Patient Centricity anstatt Product Centricity: Die Pharmaunternehmen haben mit der Entwicklung von digitalen Gesundheitsprodukten und Lösungen erstmalig die Möglichkeit, eine direkte Beziehung zu Patienten aufzubauen und sind nicht mehr ausschließlich auf die Empfehlung durch Ärzte und Apotheker angewiesen. Um ihre Marke nachhaltig zu stärken und von ihnen neu entwickelte Produkte erfolgreich in den Markt zu integrieren, sollten die Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte den Patienten mehr in den Mittelpunkt stellen. Unternehmen müssen sich künftig frühzeitig mit Ärzten und Patienten austauschen, Entwicklungen mit ihnen abstimmen und regelmäßigen Praxistest unterziehen. Nur wenn die Digital-Lösungen auch nutzerfreundlich gestaltet sind, bringen sie dem Patienten einen Mehrwert – und dem Unternehmen langfristig neue Kunden. 

Die komplette Analyse lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von W&V (Heft 1/2019). Sie können sie hier bestellen. 


Autor:

Belinda Duvinage

legt ein besonderes Augenmerk auf alle Marketing-Themen. Bevor die gebürtige Münchnerin zur W&V kam, legte sie unter anderem Stationen bei burdaforward und dem Münchner Merkur ein, leitete ein regionales Magazin in Göttingen und volontierte bei der HNA in Kassel. Den Feierabend verbringt sie am liebsten mit ihren drei Jungs in der Natur, auf der Yogamatte, beim perfekten Dinner mit Freunden oder, viel zu selten, einem guten Buch.


Alle Specials