Mitgründer und Chef Evan Spiegel reagierte in der Telefonkonferenz nach Zahlenvorlage dennoch mit einem langen lauten Lachen auf die Analysten-Frage, ob er Angst vor Facebook habe. Man vertraue in die eigene Kreativität, sagte Spiegel und griff zu einem in Tech-Kreisen ziemlich beleidigenden Vergleich: "Nur weil Yahoo auch eine Suchmaske hat, macht sie das nicht zu Google." Der Web-Pionier Yahoo hatte es nie geschafft, bei der Internet-Suche aufzuschließen und verkaufte schließlich sein Online-Geschäft für wenige Milliarden Dollar, während Google die Nummer eins bei Werbung im Internet ist.

Der Vergleich ist gerade aus der Position von Snapchat heraus recht verwegen: Facebook verdiente allein im vergangenen Quartal gut drei Milliarden Dollar bei acht Milliarden Dollar Umsatz und kratzt an der Marke von zwei Milliarden Nutzern. Bei Snap stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal zwar von knapp 39 auf 149,7 Millionen Dollar. Aber die Analysten hatten eher mit rund 158 Millionen gerechnet.

Snap macht Geld vor allem mit Werbung. Ein Selbstbedienungs-System für Anzeigenkunden, das Schwung in das Geschäft bringen soll, ist aber noch im Aufbau. Der Umsatz pro Nutzer sank binnen drei Monaten von 1,05 Dollar auf 90 US-Cent. Zum Vergleich: Facebook erzielte zuletzt in Nordamerika einen Umsatz von gut 17 Dollar pro Nutzer und in Europa immerhin 5,42 Dollar. Spiegel erklärte, Anzeigenkunden müssten darüber informiert werden, wie überlegen Snapchat als Werbeplattform sei.

Für den deutschsprachigen Markt hat Snap die frühere Facebook-Managerin Marianne Dölz geholt. Sie baut gerade ihr Vermarktungsteam auf.

60.000 Snap-Brillen verkauft

Snapchat war mit Bildern, die nach dem Ansehen von alleine verschwinden, zum Hit vor allem bei jüngeren Nutzern geworden. Inzwischen baute das Team um Spiegel das Angebot unter anderem mit Fotofiltern und einer Plattform für Medieninhalte aus. Außerdem verkauft Snap in den USA die Kamera-Sonnenbrille, mit der man kurze Videos aufnehmen kann. Damit seien bisher fünf Millionen "Snaps" gemacht worden, hieß es. Der Umsatz der Kategorie "Andere" von acht Millionen Dollar bedeutet, dass Snap im vergangenen Quartal rund 60.000 Stück der 130 Dollar teuren Brillen verkaufte.

Investoren trauern Zeiten hinterher, in denen Snapchat noch 15 oder 21 Millionen neue tägliche Nutzer pro Quartal gewinnen konnte. Den schwachen Zuwachs von fünf Millionen Usern im Schlussquartal 2016 davor hatte Snap noch mit Problemen bei der Android-Version erklärt. Jetzt sagte Spiegel, ausschlaggebend für das aktuelle Wachstumstempo sei, dass Snapchat im Gegensatz zur Konkurrenz bewusst nicht mit allen Mitteln Nutzer in den Dienst zu bekommen versuche - etwa durch Vorschläge, die Kontaktliste zu durchforsten.

Die Aktie verlor nachbörslich zeitweise über 25 Prozent und blieb schließlich bei einem Minus von 23 Prozent auf 17,68 Dollar stehen. Snap war Anfang März mit einem Ausgabepreis von 17 Dollar an die Börse gegangen. Die Firma war an der Börse zuletzt noch rund 27 Milliarden Dollar wert gewesen. Die hohe Bewertung war angesichts der fortlaufend roten Zahlen und des gebremsten Nutzerwachstums bereits in den vergangenen Monaten als Vertrauensvorschuss mit Blick auf die Zukunft gesehen worden.

Einen Kurssturz nach dem Börsengang hatte einst auch Facebook erlebt. Die Aktie war sogar auf die Hälfte des Ausgabepreises gestürzt, weil Investoren zweifelten, ob das Online-Netzwerk Geld auf Smartphones machen kann. Doch Facebook lieferte - und heute ist die Aktie über drei Mal mehr wert als zum Börsendebüt und die ganze Firma mehr als 430 Millionen Dollar. Beim einstigen Hoffnungsträger Twitter hält dagegen das schwache Wachstum der Nutzerzahlen die Aktie im Keller. (dpa / W&V)


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W&V Redaktion
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