
#Unhatewomen:
Nach Streit um Kampagne: Rapper Fler verhaftet
Nachdem der Musiker ein TV-Team von RTL angegriffen hatte, musste Fler in Haft, kam aber nach einigen Stunden wieder frei. Anlass der Auseinandersetzung: Auf eine Kampagne von Philipp und Keuntje für Terre des Femmes hatte er aggressiv reagiert.

Foto: Philipp und Keuntje für Terre des Femmes, Sreenshots von Instagram
Die Berliner Polizei hat am Dienstagvormittag den Rapper Fler verhaftet. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl wegen Raubes und Körperverletzung vor, wie die Staatsanwaltschaft auf Twitter mitteilte. Das berichtete die Süddeutsche Zeitung.
Der 37-jährige Rapper wurde in Berlin-Zehlendorf verhaftet, weil er mutmaßlich ein Fernsehteam attackiert haben soll. Am Nachmittag sollte er laut Staatsanwaltschaft in Untersuchungshaft kommen. Doch die fällt aus. Nach etwa sechs Stunden in Polizeigewahrsam kam Fler wieder auf freien Fuß. Kein dringender Tatverdacht, entschied ein Ermittlungsrichter.
Die Staatsanwaltschaft zeigte sich enttäuscht. "Das ist der Rechtsstaat", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, der Deutschen Presse-Agentur. Die Ermittlungen gegen Fler wegen Raubes und Körperverletzung gingen aber weiter. Die Anklagebehörde prüfe jetzt eine Beschwerde gegen den aufgehobenen Haftbefehl.
Die Polizisten waren rund eine Woche nach einer mutmaßlichen Attacke auf ein Fernsehteam mit dem Haftbefehl bei Fler, der eigentlich Patrick Losensky heißt, gegen 10.00 Uhr angerückt. Mehrere Wohnungen wurden überprüft.
Der Rapper soll das Team von RTL laut Polizei vor einem Luxus-Geschäft am Berliner Kurfürstendamm beschimpft und bedroht haben. Als die Reporterin die erste Frage stellen wollte, soll Fler versucht haben, die Kamera wegzudrücken. Dem Kameramann soll er ins Gesicht geschlagen haben. Der Rapper soll mit Teilen der Kamera in seinem Auto geflüchtet sein.
Fler selbst hatte bei Instagram eine ganz andere Sicht verbreitet: Das RTL-Fernsehteam habe seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Er habe mehrmals darum gebeten, ihn nicht zu filmen. Laut Polizei hatten die TV-Leute die Beamten alarmiert, weil sie auf dem Ku'damm angegriffen worden seien. Demnach soll Fler auch die Kamera beschädigt und die Reporterin und den Tontechniker bedroht haben.
RTL berichtete, nach wenigen Worten und ohne Vorwarnung habe Fler gegen die Kamera geschlagen und dann dem Kameramann mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Das Opfer habe eine Platzwunde am Auge erlitten.
Fler ist bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht kein Unbekannter. Derzeit ist laut einer Gerichtssprecherin ein größeres Verfahren gegen den 37-Jährigen anhängig. Es gehe um Beleidigung des Rappers Bushido sowie dessen Ehefrau sowie weitere Vorwürfe. Einen Prozesstermin gibt es bislang nicht.
Doch damit nicht genug: Derzeit ermittelt die Polizei gegen Fler auch wegen Beleidigung, Bedrohung und Beleidigung auf sexueller Grundlage. Der Rapper soll im Internet den Komiker Shahak Shapira und eine Frau beschimpft und bedroht haben. Diese hatte auf eine Kampagne gegen frauenfeindliche Hassbotschaften in Rap-Texten reagiert, die Terre des Femmes angestoßen hatte.
Wie alles anfing
Vor knapp zwei Wochen veröffentlichte Philipp und Keuntje, Berlin, den Clip für Terre des Femmes, der bei Fler und anderen Rappern gar nicht gut ankam. Die Kampagne #Unhatewomen wendet sich gegen frauenverachtenden Rap. Denn die Stars der Rap- und Hip-Hop-Szene bedienen sich oft einer Sprache, die verroht ist und Gewalt verherrlicht. So auch Fler. Mit ihren Texten verdienen die Sänger Millionen.
Terre des Femmes findet: "Aus Worten werden Taten" und wie recht sie damit haben, dafür liefern nicht nur die jüngsten Ereignisse in Deutschland den Beleg: der NSU, der Fall Lübkcke, Halle und Hanau. Im Netz zeigen die Rapper selbst, wie richtig ihre Kritiker liegen. Zuletzt berichtete der Spiegel darüber.
In einem einminütigen Film (Produktion: It's us Media, Regie: Annegret von Feiertag; Musik: Mokoh Music) lässt die Agentur Frauen Worte aus Rap-Songs zitieren - einfach so, ohne Beats und fettes Bling Bling. Das macht die Texte so brutal. Inzwischen gibt es auch einen Filter für alle, die sich selbst zu Wort melden wollen:
Der Rapper finch_asozial echauffierte sich in einer Instagram-Story als erster darüber:
Er ruft zum Shitstorm auf: "Wer solche Musik kauft, ist mit verantwortlich an Tierquälerei, verantwortlich für den Hungertod Tausender Menschen und am steigenden Meeresspiegel!!! Einfach nur ekelhaft, solche Typen", schreibt er in seinem Instagram-Account.
Gleichzeitig reagierten viele Menschen in den sozialen Medien durchaus positiv auf die Aktion der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, vor allem Frauen, die in ihrer Timeline die Kampagne teilten und Stellung bezogen: "Können wir jetzt darüber reden, dass es ein Problem ist, dass verbale, oft sexualisierte Gewalt gegen Frauen leider für viele als hinnehmbar gilt, weil das im Rap wohl nunmal so ist?". Eine von ihnen taggt zahlreiche deutsche Rapper.
Aber nicht alle finden das geil, der Rapper Fler zum Beispiel. Er schreibt:
Auf die Frau, die ihn getaggt hat, setzt der Mann ein Kopfgeld aus ("Wer die Nutte ranbringt, 2000 Euro"), was wiederum den bekannten Comedian Shahak Shapira aufbringt. Er macht die Sache öffentlich:
Und Fler teilt weiter aus. Er bedroht Shapira mit Worten ("Ich kann ja mal Täter werden, wenn du mir weiter auf die Eier gehst") und schickt ihm eine Sprachnachricht, bietet ihm Schläge an ("Denk an meine Worte, du Hurensohn"). Shapira schickt das Ganze wieder durchs Netz. Bald reagiert die Polizei:
Als die Berliner Medien den Fall aufgreifen, verfolgt bald das besagte RTL-Team den Rapper. Soweit bekannt.
Gesetz gegen Hassverbrechen
Terre des Femmes hat mit solchen Reaktionen gerechnet: "Die Folgen der Kampagne zeigen eindrucksvoll, dass Hassrede schon längst normal und salonfähig ist und sogar in manchen Fällen zu handfesten Gewaltdrohungen führt. Wenn die Kampagne also eines offenbart, ist es, dass Wortgewalt zu Wortgewalt führt und es mehr denn je notwendig ist, sich weiterhin gegen frauenverachtende Hassreden zu wehren", sagt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes.
Dass die Kampagne so eine große Debatte auslöst, freut natürlich auch die Agentur. "Sie sehen ja, dass es ein Problem ist", sagt Johannes Buzási, Geschäftsführer von Philipp und Keuntje in Berlin. Man habe da einen Nerv getroffen. Gleichwohl fällt auf, wie wenige Rapper sich von ihren Kollegen distanzieren.
Die Bundesregierung diskutiert derzeit über einen Gesetzesentwurf zu Hassverbrechen, der, geht es nach Terre des Femmes, auch das Thema "Frauengewalt" dezidiert benennen sollte. Mit ihrer Aktion sind sie diesem Ziel einen Schritt näher gekommen.