Interview mit Martin Ott :
Die Zeit auf Facebook soll wertvoll sein

Facebooks Europa-Chef Martin Ott spricht im W&V-Interview über die Gründe und Ziele der Änderungen am Newsfeed und hat eine klare Empfehlung für Medien und Marken.   

Text: Holger Schellkopf

Martin Ott ist Europachef von Facebook.
Martin Ott ist Europachef von Facebook.

Die Aufregung um den veränderten Newsfeed bei Facebook hat sich noch lange nicht gelegt. Die durch Mark Zuckerberg verkündete neue Strategie von Facebook schlägt hohe Wellen in der Branche. So befürchtet beispielsweise OWM-Chefin Tina Beuchler befürchtet steigende Werbepreise bei Facebook. Sie mahnt: Der Social-Media-Konzern müsste nun belegen, dass sich Werbung auf Facebook auch weiterhin lohne. 

Facebooks Europa-Chef Martin Ott, gleichzeitig direkt verantwortlich für das Deutschland-Geschäft, sieht die Änderung des Newsfeeds als Antwort auf die Wünsche der Nutzer. "Es ging bei Facebook ursprünglich darum, Menschen mit ihren Freunden und Familien zu verbinden. In letzter Zeit haben uns jedoch immer mehr Menschen berichtet, dass sie wieder mehr Interaktion wünschen anstelle nur passiv Inhalte zu konsumieren", sagt Ott im Interview mit W&V. "Die Zeit, die Menschen auf Facebook verbringen, soll für sie wertvoll sein. Deswegen werden wir in Zukunft wieder mehr Beiträge von Freunden und Familienmitgliedern und auch Inhalte, die bedeutungsvollen Interaktionen fördern vor anderen Inhalten priorisieren."  

Und ja: Durch das Update könnten sich die Reichweite und Interaktionen von Seiten verringern, räumt Ott ein. Aber die Publisher hätten es auch selbst in der Hand: "Bedeutungsvolle Interaktionen finden mit verschiedensten Inhalten und Partnern statt, so können etwa Nachrichtenartikel Unterhaltungen zu wichtigen Themen anregen, Videoserien schaffen enge Gemeinschaften und Live Videos können mehr Interaktionen zwischen Menschen fördern als andere Videoinhalte."

Ott schließt nicht aus, dass Änderungen sogar für Facebook selbst herausfordernd werden könnten, aber: "Auch wenn diese Neuerungen bedeuten können, dass Menschen insgesamt weniger Zeit auf Facebook verbringen, glauben wir daran, dass sich diese Änderungen langfristig gesehen positiv für die Gemeinschaft auf Facebook auswirken – und somit auch auf die Unternehmen und Medienhäuser, die während dieser Zeit mit den Menschen interagieren."

In der Hamburger Facebook-Zentrale: Martin Ott (links) und Holger Schellkopf, Chefredakteur Digital W&V

In der Hamburger Facebook-Zentrale: Martin Ott (links) und Holger Schellkopf, Chefredakteur Digital W&V

Der Newsfeed wird nicht sofort umgestellt

Facebook legt wie meistens auch in diesem Fall nicht von einem Tag auf den anderen den Hebel um. Martin Ott dazu: "Die Aktualisierungen werden in den kommenden Monaten nach und nach ausgerollt. Die Auswirkungen werden von Seite zu Seite unterschiedlich sein und können sich im Laufe der Zeit verändern, wenn wir besser verstehen, welche Art von Inhalten bedeutungsvolle Interaktionen fördern." Schon jetzt gibt der Europa-Chef des Social-Media-Giganten gerade Pubishern und Unternehmen eine klare Empfehlung mit auf den Weg: "Wir empfehlen Medienmarken, Prominenten und andere Seitenbetreibern sich darauf zu konzentrieren, Inhalte zu erstellen, die den Menschen dabei helfen, Unterhaltungen und bedeutungsvolle Interaktionen um ein Thema aufzubauen."

Das Unternehmen selbst betrachtet Ott als "lernende Organisation" und gerade im vergangenen Jahr habe man viel gelernt. "2017 war sicher eines der turbulenteren Jahre unserer noch jungen Firmengeschichte. Wir haben verstanden, dass wir mit unseren Plattformen eine wachsende Verantwortung haben - in der Gesellschaft aber vor allem für die Sicherheit der Menschen. Wir wollen aber gerade auch unseren Partnern, den Werbetreibenden, ein sicheres und transparentes Umfeld geben, um sich dort mit den Menschen zu verbinden."

Der Lernprozess hat Konsequenzen. "2018 ist ein Jahr, wo wir Community neu definieren wollen. Wir haben ja auch unsere Mission erneuert. Bis dato ging es darum, die Welt offener zu machen und Menschen zu verbinden. Aber eine offene Welt ist nicht automatisch eine bessere Welt. Unser großes Ziel ist weiter daran zu arbeiten, die Welt näher zusammen zu bringen indem wir Menschen die Möglichkeit geben, Gemeinschaften zu bilden."

Innovationsthema Messenger

Facebook wäre aber nicht Facebook, wenn es nicht gleichzeitig immer darum gehen würde, neue Felder zu entwickeln und zu besetzen. Dass WhatsApp jetzt den Business-Bereich entschieden in Angriff nimmt, kann schon mit Blick auf Martin Otts Einschätzung des Messengers-Marktes als solches von nicht verwundern. "Immer mehr Menschen sind hier sehr aktiv. Für uns ein großes Innovationsthema. Der 1:1-Kontakt mit dem Nutzer spielt eine herausragende Rolle. Hier ist ganz klar ein Mehrwert für die Menschen, die Messenger nutzen, aber auch für Unternehmen. Die Bedeutung von Messenger wird weiter wachsen."

Martin Ott ist einer der 100 Köpfe 2018 im W&V-Ranking. 100 Menschen aus Marketing, Werbung und Medien, die 2017 Weichen gestellt haben und von denen wir 2018 und in Zukunft noch mehr erwarten dürfen. Alle 100 Köpfe finden Sie hier: https://microsites.wuv.de/100koepfe/

Einen Schwerpunkt zur Entwicklung und Diskussion rund um Facebook finden Sie in der neuen gedruckten Ausgabe von W&V  


Autor:

Holger Schellkopf

Chefredakteur Digital. Sozialisiert mit Print, konvertiert zu digital. Wild entschlossen, doch noch eine wirkliche Ahnung von der Sache mit dem Coden zu bekommen. Feste Überzeugung: Digital Journalism rocks! Versucht ansonsten, sich so oft wie möglich auf das Rennrad zu schwingen oder in die Laufschuhe zu steigen.  


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